Wer in Israel volljährig ist, muss in die Armee und zwar ausnahmslos: Männer für drei, Frauen für zwei Jahre. Das gilt übrigens für jüdische genauso wie für nicht-jüdische Israelis. Nicht nur für die: Wer jüdische Wurzeln hat oder einen anderen familiären Bezug zum Land, kann genauso im Militär dienen - und in den Krieg ziehen.

Hier erzählen fünf junge Deutsche, warum sie persönlich sich für den Militärdienst entschieden haben.
Tomer, 19
(Bild: IDF)

Er kommt aus der Nähe von Köln und lebt seit Juni 2015 in Israel

Ich habe im April Abitur gemacht und wusste, dass ich nicht gleich studieren möchte. Mein Vater ist Israeli, er unterstützte mich gleich bei meiner Idee, Hebräisch in der Armee zu lernen. Meine Freunde haben nichts dagegen, und diejenigen, die mich nicht verstehen, sind halt keine Freunde. Da ist es egal, was die denken.

Es ging alles recht schnell: Ich habe bei der Botschaft angerufen, einen Vorstellungstermin bekommen, Flug gebucht. Das war Ende Juni. Mein letzter Tag in Deutschland fühlt sich an, als ob er eine Ewigkeit her ist.

Die ersten drei Monate war ich für einen Sprachkurs in der Kaserne Michve Alon. Danach kam ein zweitägiges Auswahlverfahren, das heißt Gibbush. Jetzt weiß ich, dass ich Fallschirmspringer werde. Ich bin noch nie mit einem Fallschirm gesprungen, aber es hört sich sehr attraktiv an.

Fallschirmspringer sind eine kleine Elite-Einheit. Zum Beispiel haben wir rote anstelle von schwarzen Stiefeln, und wir müssen das Hemd nicht in die Hose stecken, sondern tragen ein längeres Shirt mit Gürtel.

Aber jetzt haben wir erst mal zwei Tage lang die Kaserne geputzt. Ab dem 26. November kommen die anderen Soldaten und dann geht es mit der Grundausbildung los. Angeblich gibt es Tage, da heult jeder mal. Aber das geht vorbei.

Das einzige, was ich in Israel zur Zeit manchmal vermisse, ist ein gutes Bier.

Adina, 20
(Bild: Jennifer Bligh)

Sie kommt aus München und arbeitet seit fast zwei Jahren in der Armee

Ich habe mich ungefähr ein halbes Jahr vor meinem Abi in München entschieden, dass ich in die israelische Armee gehe, aber nicht in eine Kampfeinheit. Meine beiden besten Freundinnen waren ziemlich schockiert. Ich kann sie ja verstehen, die Welt ist sehr anders in München.

Auf einmal musste ich um 5 Uhr aufstehen und putzen bevor ich essen kann. Alles ist auf Zeit, ich habe genau zwei Minuten für dies und drei Minuten für das. Ich muss meinen Kommandeur mit “Commander” ansprechen und immer alles in zwei Reihen machen. Da hat jeder mal einen Meltdown.

Ich bin nicht mehr der lustige Spaßvogel, sondern seriöser.

Außerdem darf man die Haare nicht offen tragen, keinen roten Nagellack benutzen und selbst der Schmuck ist geregelt. In der Kaserne teilen sich sechs Mädchen ein Zimmer. Alles in allem schon eine große Umstellung.

Die Verantwortung, der Krieg “Operation Protective Edge” und jetzt die Welle der Gewalt, bei der oft Soldaten angegriffen werden. Ich bin nicht mehr der lustige Spaßvogel, sondern seriöser.

Das kann man sich in München so nicht vorstellen – ich verstehe das. Trotzdem ist es komisch, dass ich mich mehr in Israel zu Hause fühle, obwohl ich ja aus Deutschland komme. Deutsch ist meine Muttersprache, auch die deutsche Mentalität ist mir näher. Hier ist die Religion die Gemeinsamkeit, für mich ist das wunderschön, da muss ich immerhin nichts erklären.

Ich bin Sozialhelferin in der Armee und kümmere mich um die neuen “Lone Soldiers”, also die Soldaten, die ohne Familie herkommen, so wie ich. Nach meinem Dienst werde ich in Israel Psychologie studieren. Davor hätte ich eher gedacht, dass ich nach Deutschland zurückkehre und BWL studiere. So hat mir die Armee auch geholfen, mich für mein Studium zu entscheiden.

Sana, 22
(Bild: IDF)

Sie kommt aus Dortmund und lebt seit September 2013 in Israel. Sie ist über das Freiwilligenprogramm Machal als Ausbilderin in der Armee.

Ich bin nach dem Abitur für das einjährige Lernprogramm Midrasha für religiöse Frauen nach Israel gekommen. Für meine Eltern war das nicht leicht, sie sind aus der Ukraine und haben weder mit Israel noch mit dem Judentum viel zu tun. Sie fragten sich und mich, warum ich mein Leben so komplett überdenken muss und nicht wie alle anderen studieren, arbeiten und zufrieden sein kann?

In Israel hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet

In Israel hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet: Vorher in Dortmund wusste ich zwar, dass ich jüdisch bin, aber mit meinen Freundinnen habe ich über die Schule, Mode und alle anderen Themen geredet. Durch das Lernprogramm bin ich religiöser geworden.

Als ich meinen Eltern dann auch noch gesagt habe, dass ich mich für die Armee melde, waren sie richtig schockiert. Obwohl ich ja über den Freiwilligendienst nur 1,5 Jahre und nicht zwei Jahre wie alle Frauen diene. Inzwischen bin ich wieder weniger religiös als vergangenes Jahr. Mit meinen Dortmunder Freundinnen bin ich immer noch fest befreundet. Aber wenn wir uns jetzt treffen, merke ich, dass ich in meinem Leben einen extremeren Schritt gewagt habe.

Inzwischen bin ich mir zu 98 Prozent sicher, dass ich nach meiner Armeezeit im Februar 2016 nach Berlin gehe und Kultur- oder Tourismusmanagement studieren werde. Zwei Prozent meines Herzens bleiben aber hier – und ich will danach auch zurück nach Israel, ich sehe meine Kinder einmal hier aufwachsen.

Arye Shalicar, 38
(Bild: Jennifer Bligh)

Er kommt aus Berlin und lebt seit 2001 in Israel. Dient als Presseoffizier der israelischen Streitkräfte.

Ich wusste lange gar nicht, dass ich jüdisch bin. Als Teenager habe ich besser Türkisch gesprochen als Hebräisch. Ich habe genauso Döner gegessen wie meine Kumpels in Berlin, und trotzdem wurde ich als Jude immer wieder heftig angefeindet. Ich habe mich quasi als Schutzmaßnahme in der Unterwelt aus Graffiti und Gangs integriert.

Später, in meiner harten Zeit als Chef “Boss Aro” bei der Gang “Berlin Crime” war ich der einzige Jude. Meine Freunde waren Türken, Alewiten, Sunniten und Kurden. Die haben 2001 natürlich nicht wirklich verstanden, warum ich nach Israel gegangen bin.

(Bild: Jennifer Bligh)

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich zum ersten Mal die israelische Uniform angezogen habe. Gewohnt und ungewohnt gleichzeitig, denn ich hatte ja auch ein Jahr in der Bundeswehr gedient. Aus Solidarität mit dem Volk hier hat es sich aber völlig richtig angefühlt.

Als Deutscher in Israel hatte ich eigentlich nie eine unschöne Situation. Die meisten denken sowieso eher, dass ich Israeli bin, der Deutsch gelernt hat. Manchmal sagen sie anerkennend, wie gut mein Deutsch ist. Dann muss ich grinsen.

Arye bloggt auf Deutsch.

Lorine, 21
(Bild: IDF)

Sie kommt aus München und hat vor kurzem ihren Dienst in der Armee beendet

Ich wusste schon mit 16, dass ich einmal Soldatin werde. Damals bin ich von München nach Israel ins Internat gezogen. Ich erinnere mich noch, wie ich damals beim Aufnahmegespräch schon gesagt habe, dass ich nach dem israelischen Abitur wie alle anderen Israelis in die Armee gehen werde.

Meine Mutter hat mit 18 Jahren Aliya gemacht, so heißt das, wenn man nach Israel einwandert, aber sie hat nicht in der Armee gedient und es immer bereut. Insofern hatte ich von zu Hause volle Unterstützung.

Meine früheren Freundinnen sind inzwischen in einer sehr anderen Welt. Jetzt, wo ich mit der Armee fertig bin und zwei Monate zu Hause verbringe, fällt das natürlich noch mehr auf. Viele sind auch gar nicht mehr in München.

In Deutschland war ich früher immer “Lorine, die Jüdin”, und in Israel “Lorine, die Deutsche”. Das hat sich auch in den fünf Jahren nicht geändert. Nur ist es für mich nicht schlimm, die Deutsche zu sein. Ich spreche durch die Armee inzwischen auch richtig gut Hebräisch. Zum Beispiel konnte ich vorher kaum einen Computer auf Hebräisch benutzen, weil ja alles auf der anderen Seite ist. Jetzt schreibe ich Hebräisch so gut wie Deutsch.

München ist zum Symbol für meine Jugend geworden. Eines hat sich dabei geändert: Früher fand ich Deutschland hässlich, und jetzt habe ich es gelernt zu schätzen, die Landschaft, die Seen und das gute Brot in den Bäckereien sind schon toll.