Bild: Reuters / Mark Blinch

Nur noch schnell die U-Bahn-Verbindung zum Hauptbahnhof in der Öffi-App raussuchen. Und das Ticket für die Heimfahrt laden. Und ein paar Podcasts, damit es im Zug nicht langweilig wird. Nur noch schnell –

Genau, wird natürlich alles nicht, das Handynetz schlecht, die Flatrate am Limit, nirgends ein freies W-Lan in Reichweite.

W-Lan ist hierzulande so frei wie die Tiere im Zoo.

Wer in der Öffentlichkeit ordentliches Internet auf sein Handy will, muss es sich erst suchen. Er hat die Wahl zwischen dem Burgerdunst von McDonalds und dem teuren Karamell-Latte bei Starbucks. Oder er liked seltsame Fan-Seiten auf Facebook, die dann seine Daten abgreifen können. W-Lan ist hierzulande so frei wie die Tiere im Zoo.

Gebt das Netz frei!

In Helsinki geht es doch auch. Die Stadt in Finnland wirbt damit, derzeit 90 kostenlose Hotspots zur Verfügung zu stellen. Für die Bewohner ist das freie W-Lan inzwischen selbstverständlich, sagt der finnische Journalist Simo Ortamo: "Keiner würde hier Netze benutzen, die man erst auf Facebook liken muss oder bei dem man sich zunächst Werbung anschauen muss." Cafés ohne W-Lan sind sowieso in Finnland schwer zu finden. Anwohner können das freie W-Lan als Ausweichnetz nutzen, falls der eigene Router mal den Geist aufgibt.

In Deutschland verhindert die Störerhaftung diesen Traum. Der Betreiber eines Netzwerks haftet im Zweifelsfall für alle Online-Vergehen wie illegalen Downloads, die aus seinem Netz begangen werden. Dein Router, dein Problem - die Kosten liegen durchschnittlich bei ungefähr 1000 Euro.

Integration durch Internet

Mit einem neuen Gesetz hat die Bundesregierung die Störerhaftung nun zwar gelockert. Kommerzielle Betreiber müssen dann nur noch darauf hinweisen, dass illegale Aktivitäten in ihrem Netzwerk natürlich verboten sind. Anbieter von freiem W-Lan drohen dagegen weiterhin Abmahnungen. Das liegt vor allem daran, dass sie "anerkannte Sicherungsmaßnahmen" anwenden müssen. Konkret muss jeder Nutzer nun einen eigenen Zugangscode bekommen. Nach Meinung des Digitalverbands Bitkom wird es dadurch demnächst zu einem Provider-Sterben kommen. Das freie W-Lan ist bedroht.

Aber ist das überhaupt ein Problem? Reicht nicht auch ein großzügigerer Datentarif? Und hin und wieder drei Euro für einen Filterkaffee kann sich wohl auch noch jeder leisten.

Wann wird Neuland ein freies Land?

Leider nicht, gerade aktuell: Geflüchtete aus Krisengebieten brauchen das Internet, um zu wissen, wie es der Familie zu Hause geht. Für unbegrenztes Datenvolumen reicht ihr Taschengeld oft nicht. Haben sie W-Lan, können Geflohene schon mal anfangen, die Sprache zu lernen, bevor sie in einen Deutschkurs dürfen. Zur Orientierung in einer neuen Stadt hilft es sowieso. Integration durch Internet.

Das Internet ist längst ein öffentliches Gut wie eine Straße. Freies W-Lan kommt Touristen, Flüchtlingen und Anwohnern gleichermaßen entgegen.

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Die Freifunk-Community hilft in vielen Städten beim Aufbau eines freien W-Lans für Flüchtlinge. Hier gibt es eine Übersicht.

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