Bild: Unsplash / Abdiel Ibarra
Zu Besuch in einem Frauenhaus in Leipzig

Hinter der ersten abgeschlossenen Tür liegt eine zweite. Und eine dritte. Und um in die Wohnungen des unauffälligen Klinkerhauses irgendwo in Leipzig zu kommen, braucht man noch einen weiteren Schlüssel. 

Es ist einer dieser Orte, von deren Existenz die meisten Menschen erst erfahren, wenn sie ihn dringend brauchen: Am Frauenhaus hängt kein Schild und keine Plakette, die Adresse findet sich nicht im Internet oder im Telefonbuch. 

Hier darf niemand einfach so hineinspazieren. Es ist ein geheimer Ort, einer, dessen Adresse man sich nur merken, aber um Gottes Willen nicht notieren darf. Denn die Frauen, die hier Zuflucht suchen, brauchen Schutz.

Schutz vor Ehemännern und Brüdern, vor Schlägern, Rüpeln, Menschenquälern. Vor Männern, die drohen, unterdrücken, zuschlagen, einsperren.

Frauenhäuser

Ein Frauenhaus ist ein Schutzraum für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. In den Frauenhäusern können die Opfer zur Ruhe kommen, erhalten Beratung und Hilfe in der Krisensituation sowie für einen Neuanfang.

Damit Täter ihre Opfer nicht verfolgen können, wird die Adresse eines Frauenhauses stets geheimgehalten, Neuankömmlinge an vereinbarten Treffpunkten abgeholt. 

Drinnen wurde gerade renoviert, es riecht nach Kalk, im Treppenhaus hängen von Kindern gemalte Bilder, auf einem Fensterbrett stehen Bücher zum Ausleihen. An der verschlossenen Tür zur Etage sehe ich Infozettel, Hausmitteilungen – und einen Putzplan.

Laut Statistik sind Frauen im Alter von 30 bis 39 Jahren am häufigsten von Gewalt betroffen, rund 34.000 Delikte wurden 2016 registriert.
Im November veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) seine neue "Kri­mi­nal­sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung zur Part­ner­schafts­ge­walt".
Im Vergleich zu 2015 stieg die Zahl der registrierten Delikte erneut um 4,4 Prozent an.
Von 133.080 Opfern waren 81,9 Prozent Frauen.
In den meisten Fällen handelt es sich um vollendete oder versuchte Delikte der (gefährlichen) Körperverletzung, der Bedrohung und des Stalkings.
Allerdings sind diese Zahlen nicht endgültig – das BKA geht weiterhin von einer hohen Dunkelziffer aus.
Diese entsteht vor allem, da Opfer ihre Situation oft als ausweglos sehen und häufig in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Partner stehen.
Die steigenden Zahlen sagen aber nicht zwangsläufig aus, dass häusliche Gewalt zunimmt. Es kann auch sein, dass Opfer sich öfter Hilfe bei der Polizei suchen.
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In einer Küche wartet Iris auf mich. Ich soll nicht über das sprechen, was ihr und ihren Kindern passiert ist. Das könne zu aufwühlend sein, hieß es, wie bei allen Frauen, die hier Zuflucht gesucht haben. Sie hält den Blick gesenkt über ihrer Kaffeetasse, die hellbraunen Haare mit blonden Strähnen fallen ihr ins Gesicht. 

Weiße Anführungszeichen
"Ich habe hier das erste Mal seit langer Zeit wieder ein Gefühl der Ruhe gefunden"
Iris

Die zweifache Mutter lächelt etwas müde. "Zuhause konnte ich ja nie ausspannen, musste immer auf der Hut sein."

Iris ist seit zwei Wochen im Frauenhaus. Sie arbeitet zwar und verdient ihr eigenes Geld, aber wie findet man heimlich mal eben eine Wohnung für eine Mutter mit zwei Kindern, weit weg vom Vater? Auch in Leipzig steigen die Mieten – für die Frauen, die ihren Partner verlassen, wird es immer schwieriger, eine neue Bleibe zu finden.

"Das Frauenhaus war für mich der einzige Weg da raus", meint sie. Also kam Iris ins Frauenhaus und brachte ihre beiden Söhne mit. Sie hatte einen Flyer mit der Telefonnummer des Hauses auf der Arbeit gefunden – ein glücklicher Zufall, wie ein Zeichen. Denn Iris wollte nicht, dass ihre Kinder sich die Gewalt weiter mit ansehen müssen. 

Die meisten Frauen finden über einen Anruf bei der Hotline des Frauenhauses hierher. Ist geklärt, ob sie ein Fall für das Frauenhaus ist, wird besprochen, wie man den Aus- und Einzug organisiert und an welchem Treffpunkt sie abgeholt werden will. Die Frauen sollen nur das Nötigste mitnehmen: Ausweis, Versicherungskarte, Handy und Ladekabel, Schulsachen für die Kinder und Kleidung. Iris kam mit nur zwei Koffern. Zum Glück gibt es fast wöchentlich Kleiderspenden.

Mit dem Jüngeren hat sie bis eben Hausaufgaben gemacht. Ihre Kinder fühlen sich hier wohl – zum Glück. "Man hat dann ja doch Angst, dass sie zum Papa zurückwollen, dass es für einen selbst noch schwieriger wird, weil es ihnen hier nicht gefällt", meint sie.

Iris ist eher still, wirkt manchmal in sich gekehrt. Manchmal reden ihr die anderen Frauen zu viel. Dann zieht sie sich auf ihr Zimmer zurück – da warten dann aber ihre zwei Söhne. "Es wäre natürlich schön, wenn manchmal jemand auf die Kinder aufpassen würde", sagt sie. Aber man könne auch nicht alles haben:

Weiße Anführungszeichen
Wichtig ist jetzt erstmal, dass es für mich und die Kinder hier sicher ist. Dass ich in Ruhe überlegen kann, wie es weitergeht.
Iris

Das ist für viele Frauen hier wichtig: Erst mal in einer Umgebung zu sein, die ihnen erlaubt, sich zu sortieren, einen klaren Gedanken zu fassen, einen Plan zu schmieden. Einige bleiben nur für eine Nacht, andere für ein paar Wochen, manche bis zu einem Jahr. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Jede Frau, die hier einzieht, hat Gewalt erlebt. Das beginnt aus Sicht der Betreiberinnen nicht erst mit Schlägen und Tritten, sondern wenn Betroffene unterdrückt, beherrscht und kontrolliert werden. Der Einzug im Frauenhaus ist der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben – unabhängig von Kultur, Religion oder Herkunft.

Das Zimmer von Iris sieht aus wie jedes der 15 in diesem Haus, alle Etagen haben die gleiche Einteilung: Ein Bett für die Mutter, Hochbetten für die Kinder, Tisch, Schrank und Kommode. Vor den Fenstern hängen geblümte Vorhänge, durch die man zwar von draußen nicht reingucken kann, die aber auch wenig Licht hereinlassen. Dazu eine relativ große, moderne Gemeinschaftsküche mit Essbereich und ein Bad für die gesamte Etage. Ob man sich da nicht in die Quere kommt? Es geht, sagt Iris. Sie muss ja eh frühmorgens los zur Arbeit, da hätte sie meistens Glück und das Bad sei frei.

Die Frauen, so sehr jede mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist, sind füreinander da: Es wird gemeinsam gekocht, mit den Kindern gespielt oder abends zusammen Fernsehen geschaut. Es gibt Ausflüge ins Kino und eine gemeinsame Weihnachtsfeier – das Haus soll ein Ort der Freiheit sein, die Frauen sich nicht erneut von der Außenwelt abgrenzen. Jede Bewohnerin erhält ab dem ersten Tag einen eigenen Hausschlüssel, denn sie sollen Selbstständigkeit leben und lernen, kommen und gehen können, wann sie wollen. So viel normales Leben wie möglich.

Sie sind nicht gebrochen, sondern stark
Vroni

Vroni, die hier ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, ist in die Küche gekommen und setzt sich mit einem Tee zu uns. "Das, was mich am meisten überrascht hat, ist wohl, dass es Gewalt gegen Frauen immer noch gibt und dass es vor allem total und überall präsent ist", sagt sie. Nicht immer fällt es ihr leicht, eine professionelle Distanz zu wahren und gleichzeitig Mensch zu sein. "Mich berührt die Stärke der Frauen einfach sehr. Sie sind nicht gebrochen, sondern so stark", erzählt sie mit Bewunderung in der Stimme.

Und diese Stärke brauchen die Frauen: In den ersten Wochen wartet meistens ein Berg Papierkram auf sie – Arbeitslosengeld beantragen oder auf Jobsuche gehen, die Kinder eingliedern, eine neue Handynummer, überhaupt die Frage beantworten "Was nun?". Bei alldem helfen die Frauen vom Verein Frauen für Frauen. Sie helfen den Bewohnerinnen in ein neues Leben, frei von Gewalt.

Manchmal klappt das auch nicht. Manche Frauen verlassen das Haus und gehen zurück zu ihrem Mann oder ihrem Freund. Hier fällt es dann auch der erfahrenen Marlies Sonntag schwer, sich abzugrenzen: "Aber wir dürfen und wollen nicht die nächsten sein, die einer Frau sagen, was sie zu tun hat. Sie muss ihre Entscheidungen selbst treffen und das respektieren wir dann auch. Wichtig ist uns, der Frau zu vermitteln, dass sie natürlich wiederkommen kann, falls es nicht klappt zuhause und das sie sich deshalb nicht zu schämen braucht." Über die Dauer ihres Aufenthaltes im Frauenhaus entscheidet am Ende jede Frau selbst.

Das Leipziger Frauenhaus gibt es seit über 20 Jahren. Der Verein betreibt es seit der Wende – es ist das Herzstück der Vereinsarbeit, neben Beratungsstellen, Gewaltopferambulanz und Mädchenarbeit. Mittlerweile sind 17 Frauen fest angestellt, dazu kommen zahlreiche Ehrenamtliche, die bei der Nachtbereitschaft im Haus helfen, Honorarkräfte und Minijobberinnen.

Dafür hat der Verein lange gekämpft – alles ist hier eine Frage der staatlichen Förderung: Stadt und Land finanzieren die Haltungskosten des Hauses und die Mitarbeiterinnen. Der Notvorrat für Frauen, die in der Nacht aufgenommen werden – Klopapier, Essen, Bettwäsche, Handtücher, Duschzeug – kann allerdings nur durch Spenden aufgefüllt werden, so sind die Förderrichtlinien. 

In Deutschland gibt es laut Frauenhauskoordinierung e. V. 345 Frauenhäuser.
Laut Bewohnerinnenstatistik des Vereins lebten 2015 rund 7500 Frauen in Schutzeinrichtungen.
Das Leipziger Frauenhaus nimmt im Jahr etwa 100 bis 115 Frauen auf.
Davon kehrten circa 1400 wieder zum Täter zurück.
Nach den Weihnachtstagen nehmen die Aufnahmen rapide zu.
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Wenn eine Frau nicht arbeitslos gemeldet ist, bezahlt die öffentliche Hand auch nicht die Zimmermiete. Acht Euro pro Tag hören sich erstmal günstig an – sind aber auf lange Sicht für Studentinnen und Geringverdienerinnen schwer zu stemmen.

Zum Glück musste das Frauenhaus bisher nicht umziehen. "Das würde ebenfalls keiner bezahlen", sagt Sonntag. Zur Sicherheit der Frauen ist Anonymität das oberste Gebot. 

Zwischenfälle mit Männern, die ihre Frau hier suchen, gibt es selten bis nie. "Einmal ist ein Mann, völlig irre, an der Fassade hochgeklettert und ist im Zimmer einer anderen Frau gelandet, eine hochtraumatische Situation", erzählt sie. Das sei aber schon mehrere Jahre her. 

Viele Männer haben Angst, Gewalt außerhalb des Zuhauses anzuwenden. Der institutionelle Kontext eines Frauenhauses legt die Hürde noch einmal sehr viel höher, sagt Sonntag.

Lass uns Freunde werden!

Manchmal kommen Frauen auch über den Notruf bei der Polizei ins Haus. Sie werden dann von Beamtinnen ins Haus gebracht. Wie Shirin und ihre vierjährige Tochter. Ursprünglich kommt sie aus Nordrhein-Westfalen. Nach mehreren Notrufen bei der Polizei befand man es für sicherer, sie am anderen Ende der Republik unterzubringen. Seit neun Monaten ist sie nun im Frauenhaus, seit zwei Wochen traut sie sich wieder in die Innenstadt zu fahren.

Zuvor wurde sie von ihrem Mann und ihrem Bruder gepeinigt – diese hatten sie sogar durch einen Tipp in Leipzig gesucht. Die Wochen der Furcht haben jetzt zum Glück vorerst ein Ende: Die Polizei hat Shirins Verwandten den Aufenthalt in Leipzig untersagt. Ihnen droht Strafe, sollten sie versuchen, sich ihr zu nähern.

Wenn alles klappt, kann ich im kommenden Jahr wieder unterrichten
Shirin

In ihrer Heimat hat sie als Sportlehrerin gearbeitet und tut jetzt alles, um in Leipzig wieder ihren Beruf ausüben zu können. Absolviert weitere Sprachkurse und Prüfungen. "Wenn alles klappt, kann ich im kommenden Jahr wieder unterrichten", sagt sie und lächelt breit, es ist ihr großer Traum. "Meine Tochter hat in ihrem neuen Kindergarten Anschluss gefunden und jetzt möchte auch ich langsam wieder meinen Platz im Leben finden."

Ihre Geschichte ist ein Erfolg: In ein paar Wochen zieht sie in eine eigene Wohnung, bald lebt sie seit einem Jahr von ihrem Mann getrennt, kann sich also ohne sein Einverständnis scheiden lassen. "Das ist in Deutschland so schwer und kompliziert", sagt sie und verdreht die Augen. Ohne die Hilfe im Frauenhaus wäre sie nicht so weit gekommen, sagt sie. Ihre größte Motivation ist ihre kleine Tochter: Für sie will sie stark sein. Damit aus ihr eines Tages eine starke Frau werden kann.

Hier gibt es Hilfe

Solltest Du oder eine Deiner Freundinnen von häuslicher oder Partnerschaftsgewalt betroffen sein, kannst du auf unterschiedlichen Wegen Hilfe holen:

  • Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter Tel. 08000-116016 bietet eine bundesweite 24-Stunden-Beratung, die kostenlos eine anonyme, erste Beratung in 15 Sprachen ermöglicht.
  • "Gewaltlos" heißt der Internet-Chat des Sozialdienstes katholischer Frauen. Dort kann man sich anonym und kostenlos (auch ohne konfessionelles Bekenntnis) beraten lassen. https://gewaltlos.de
  • "Freund und Helfer" – in jeder Polizeidienststelle kann man sich über Beratungsangebote informieren sowie Straftaten anzeigen. Der Polizeinotruf ist die erste Anlaufstelle, wenn der Täter Deine eigene Freizügigkeit eingeschränkt hat.
  • Beim Verein der Frauenhauskoordinierung findest Du eine Frauenhaus-Suchmaschine – so kannst du schnell eine Beratungsstelle oder ein Frauenhaus in deiner Nähe finden. http://www.frauenhauskoordinie...

Hinweis: Wir haben die Namen der Frauen in diesem Beitrag geändert.


Grün

Dieses Windrad erzeugt Krypto-Geld für Klimaforscher

Bei Umweltschützern hat Bitcoin keinen besonders guten Ruf: Die Kryptowährung verbraucht enorme Mengen Strom für das Mining, bei dem die Transaktionen mathematisch abgesichert und nebenbei neue Bitcoin berechnet werden. Schlimmer noch: Die Rechner dafür stehen dort, wo der Strom besonders günstig ist – oft in China, wo der Strom aus Kohlekraftwerken kommt. (Bloomberg)

Der Hacker und Künstler Julian Oliver zeigt, dass es auch anders geht: "Harvest" heißt sein Projekt, für das er Strom mit einem kleinen Windrad erzeugt und damit einen Mining-Rechner betreibt. Er berechnet damit Zcash, eine der zahlreichen Bitcoin-Alternativen.