Bild: Rainer Christian Kurzeder

Banksy aus England, Ino aus Griechenland, oder Space Invader aus Frankreich – das sind große Namen in der internationalen Streetart-Szene. Und alle, die hinter diesen Namen stecken, sind männlich. Nur wenige Frauen greifen heute zur Spraydose oder zur Schablone.

Warum ist das so? Ist die Szene tatsächlich von Männern dominiert? Und wenn ja, wieso?

Wir haben mit zwei deutschen Streetart-Künstlerinnen gesprochen. Wie haben sie es geschafft, sich unter vielen männlichen Sprayern einen Namen zu machen?
Hera, 36(Bild: Rainer Christian Kurzeder)
Hera von Herakut, 36, aus Frankfurt

"Als ich vor 17 Jahren angefangen habe zu sprayen, gab es 'Streetart' so noch nicht und alles lief unter dem Wort Graffiti. Die Szene war viel männlicher als heute.

Bei meinem ersten Festival, auf dem sich Sprayer und Leute aus der Szene treffen, war ich eine von zwei weiblichen Malerinnen, die von den Organisatoren mit mindestens 20 Männern eingeladen worden waren.

Ich war 23, fühlte mich unsicher und wie ein Stück Fleisch auf dem Präsentierteller. Während die Männer in der Hitze auch oben ohne malten, wurde einer Frau, die sich im Bikini-Oberteil an die Wand stellte, vorgeworfen, das sei Kalkül. Sie wolle mit ihrer Weiblichkeit statt mit ihren Fähigkeiten auffallen.

Hera mit Kollege Falk

Von verschiedenen Seiten wurde ich zu Beginn auch als 'Fame-Bitch' bezeichnet. Man zweifelt da schnell an seinen Fähigkeiten, wenn die Einladungen zu Gruppenausstellungen, Festivals oder Magazin-Features immer mit der Frage verbunden sind: Bin ich anwesend, weil ich gut bin oder um die Frauenquote zu verbessern?

Heras Kunst – zum Klicken:
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Zum Glück kann man diese Überlegungen zum Bildinhalt machen. Meine Frauendarstellungen und Themen waren sofort sehr viel kämpferischer und feministischer als die Szene es gewohnt war.

Schon mein allererstes Bild, das ich allein an einer legalen Fläche am Wiesbadener Schlachthof malte, war eine Reaktion auf den Kommentar zweier vorbeilaufender Sprüher, die sagten: 'Ach, wie süß! Ein Mädchen mit Dose.' Ich antwortete darauf mit einem Bild – und Ironie.

Mehr über Hera

  • Ihr echter Name ist Jasmin Siddiqui.
  • Ihre Kunstwerke zeigen häufig Mischwesen aus Mensch und Tier.
  • Sie sprüht überall auf der Welt – und hat Workshops in einem Flüchtlingscamp im Libanon organisiert.
  • Jim Carrey bat Hera und ihren Kollegen Falk, eine Wand im Garten seiner Villa in Los Angeles zu bemalen.
  • Einige ihrer Werke sind ab 13. April in der Ausstellung "Magic City" in München zu sehen.

Mein Bild zeigte am Ende tatsächlich ein kleines Mädchen mit einer Dose, dazu der Spruch: 'Look at the poor girl, she doesn’t even know how to take the can right', 'Schaut euch das arme Mädchen an, die hat nicht mal Ahnung, wie man die Dose hält'.

Ach, wie süß! Ein Mädchen mit Dose
Reaktion auf Heras Kunst

Natürlich sind nicht alle Jungs in der Szene sexistisch. Seit 2005 und dem Aufstieg von Banksy steht beim Malen immer öfter auch eine gesellschaftliche Botschaft im Vordergrund. Das Bild soll von allen verstanden werden, nicht nur einige Eingeweihte sollen die Message entziffern können.

Von da an strömten auch Malerinnen auf die Wandflächen. Ab jetzt ging es weniger um männliches Dominanzgehabe, den Namen überall hinzuschreiben und das eigene Gebiet zu markieren. Es ging nicht um Adrenalin und Nacht-und-Nebel-Aktionen sondern um 'Urban Beautification', darum, die Stadt in einem ausgewogenen Geschlechter-Verhältnis kreativ zu verschönern.

(Bild: Rainer Christian Kurzeder)

Mein Kollege Falk Lehmann alias Akut und ich sind dafür wahrscheinlich das beste Beispiel: Wir teilen uns Leinwand und Fassaden und sogar den Namen – Herakut.

Um mir einen Platz in der Szene zu ermalen und selbstbewusster zu werden, brauchte ich vor allem Durchhaltevermögen, aber auf den vielen Reisen auch einfach einen Vertrauten an meiner Seite.

Mittlerweile sollen die Bilder von allen verstanden werden
Hera

Ich lebe seit 2004 ausschließlich vom Malen. Die Arbeiten auf Fassaden werden selten bezahlt, aber wir machen im Jahr ein oder zwei Solo-Ausstellungen und mehrere Gruppenausstellungen.

Weibliche Streetartists haben es in Deutschland heute leichter, in der Szene Fuß zu fassen. Frauen mit einer Spraydose zu sehen, das ist nicht mehr ungewöhnlich. Ich fände es gut, wenn schon bald mindestens die Hälfte der Streetartists Frauen wären – wir sind auf einem guten Weg dahin."

Enni, 19, aus Hannover
Enni, 19

"Ich bin Teil des Künstlerkollektivs 'Tape Over'. Drei von sieben Mitgliedern sind Frauen. Es gibt eben nur wenige weibliche Streetartists.

Genau kann ich das auch nicht erklären, aber vielleicht liegt es am Image von Streetart und was damit in Verbindung gebracht wird. Frauen identifizieren sich halt nicht unbedingt mit der harten Seite der Hip-Hop-Kultur, Vandalismus oder Illegalität.

Ennis Kunst – zum Klicken:
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Als ich mit Streetart angefangen habe, habe ich vor allem illegal gesprayt. Mittlerweile arbeite ich hauptsächlich mit Tape, also Klebeband, auf legalen Flächen, die nach Absprache mit den Eigentümern benutzt werden dürfen.

Dabei kann ich mich stärker auf das eigentliche Kunstwerk und den kreativen Prozess konzentrieren.

Mehr über Enni Vuong

  • Sie kommt aus Hannover und studiert Design in Münster.
  • Sie hat sich mit 17 Jahren der "Tape Over Crew" in Berlin angeschlossen.
  • Sie ist die jüngste Künstlerin, die das Kollektiv je aufgenommen hat.
  • Mit Gewebeband klebt sie vor allem grafische Kunstwerke.

Sexismus habe ich in meinem Künstlerleben selbst noch nicht erfahren. Auf Festivals wie zum Beispiel der 'iBug', dem 'Feel' oder der 'Wilden Möhre' herrscht immer eine familiäre Stimmung.

Die Künstler interessieren sich nicht dafür, wie alt oder jung die anderen sind oder welches Geschlecht sie haben. Ich habe mich immer gut aufgehoben und ernstgenommen gefühlt. Die Kunst steht für uns alle im Fokus.

Frauen identifizieren sich nicht mit Vandalismus
Enni

Bei den Leuten in unserem Kollektiv kann ich auch keine männliche oder weibliche Handschrift erkennen. Jeder von uns hat seinen eigenen Stil – unabhängig vom Geschlecht.

Ich lasse mich immer wieder gerne von abstrakter Kunst und moderner Architektur inspirieren, ein Kollege von mir arbeitet dagegen mit detaillierten Illusionen. Eine andere Künstlerin orientiert sich eher an Strukturen aus der Natur.

Bis jetzt kann ich gut von meiner Kunst leben, denn ich wechsle zwischen Auftragsarbeiten und unabhängigen Werken. Ich bin zwar selbständig, aber auch Studentin – und bekomme etwas finanzielle Unterstützung.

Viel wichtiger als ein gefülltes Konto ist für mich sowieso die Möglichkeit, meine Kreativität auszuleben."


Gerechtigkeit

Seit Trump im Amt ist, steigen die zivilen Opfer der US-Angriffe in Syrien
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Donald Trump hatte im Wahlkampf versprochen, das Chaos in Syrien zu beseitigen. Vor allem für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hatte Trump konkrete Vorstellungen. Nämlich: