Frauen basteln, nähen, kochen und beschäftigen sich gerne mit Beauty-Themen. Was klingt wie Werbung aus den 1950ern, ist das Ergebnis einer aktuellen Studie. 

Am Montag wurde die neue Furtwängler-Studie vorgestellt, in der untersucht wurde, wie Frauen sich selbst in den "neuen Medien" inszenieren. Das Ergebnis: Nicht nur, dass Frauen unter den Top 100 Protagonistinnen und Protagonisten auf YouTube, Instagram und in Musikvideos unterrepräsentiert sind, sie bedienen auch noch vor allem Geschlechterklischees. Und wer ist Schuld daran? Wir selbst.

Was genau hat die Furtwängler-Studie ergeben?

Die MaLisa Stiftung von Maria und Elisabeth Furtwängler hat die "Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien" untersuchen lassen. Mit den "neuen Medien" sind hier YouTube, Instagram und Musikvideos gemeint. Dafür haben sie verschiedene Studien in Auftrag gegeben.

Die Ergebnisse:

  • In den 100 beliebtesten Musikvideos, den 100 beliebtesten YouTube-Kanälen und unter den Top 100 Instagrammerinnen und Instagrammern ist das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Protagonistinnen und Protagonisten 1:2. Also nur ein Drittel sind Frauen.
  • YouTube: Frauen inszenieren sich auf YouTube meist im privaten Raum, sitzen also in ihrem privaten Wohn- oder Schlafzimmer, und zeigen Schminktipps oder Hobbys, wie Basteln, Nähen und Kochen. Männer zeigen ein viel breiteres Themenspektrum über Politik, Comedy, Games oder Musik.  
  • Musikvideos: Der Anteil der Sängerinnen in den Top 100 liegt bei einem Drittel. Allerdings merkt das kaum einer: Die befragten Jugendlichen dachten, dass mindestens die Hälfte der Künstler und Künstlerinnen weiblich sei. Frauen werden in Musikvideos meistens sexy und passiv dargestellt.
  • Instagram: Frauen sind auf dieser Plattform vor allem dann erfolgreich, wenn sie einem "normierten Schönheitsideal" entsprechen und sich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty beschäftigen. 

Das Erscheckende an diesen Studienergebnissen: Wir, die nach 1980 geborenen, halten uns gern für fortschrittlich. Wir wollen glauben, dass Frauen in unserer Generation machen könnten, was sie wollen – und dass sie dabei die gleichen Chancen auf Erfolg wie Männer hätten. Hier sehen wir aber wieder, dass dem offensichtlich nicht so ist. Und wir sind selber Schuld.

Frauen werden in den neuen Medien in Rollen gedrängt – zumindest wenn sie erfolgreich sein wollen

YouTuberinnen gaben, auf ihr eingeschränktes Themenspektrum angesprochen, an, dass sie es schwerer hätten, aus Themenbereichen wie Beauty herauszubrechen und stattdessen Comedy oder Politik zu machen, weil sie damit ihre Zuschauerinnen und Zuschauer enttäuschen würden und mit "kritischen, mitunter bösartigen Kommentaren" rechnen müssten, sobald sie "den normierten Erwartungen" widersprechen. (Furtwängler Studie)

Wer macht die Menschen in den neuen Medien erfolgreich? 

Das sind nicht die alten, weißen Männer aus den Unternehmensvorständen, denen man viel zu leicht veraltete Rollenbilder unterstellen kann. Nein, das sind wir. Die Zuschauerinnen und Zuschauer. Mit unseren Abos, unseren Klicks, unseren Kommentaren.

Unter den Top 100 der erfolgreichsten Menschen auf YouTube und Instagram sind Frauen laut der neuen Furtwängler-Studie vor allem dann vertreten, wenn sie dünn sind, lange Haare haben und sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty beschäftigen. 

Das sind die Frauen, die von der breiten Masse beachtet werden. Das sind anscheinend die Bereiche, die man Frauen zutraut. Und wenn diese Frauen andere Bereiche anfassen wollen, müssen sie mit bösen Kommentaren und Anfeindungen rechnen. Und weniger Klicks.

Wir beschweren uns über das Bild, das über Frauen in der Gesellschaft herrscht? Dass ihnen viel zu wenig zugetraut wird? Schauen wir, womit wir Frauen erfolgreich machen: Mode, Ernährung und Beauty. 

Dabei gibt es sie: Frauen, die sich in den "neuen Medien" mit Politik, Gesellschaftsthemen oder Comedy befassen. Die unseren Blick erweitern und uns die Augen ganz ohne weißen Kajal öffnen. 

Da ist zum Beispiel Natasha Kimberly #Nobeautychannel. Die studierte Journalistin befasst sich auf ihrem YouTube-Kanal mit Rassismus, unrealistischen Schönheitsvorstellungen durch soziale Medien oder berichtet auch einfach von ihrem Job als TV Realisatorin und Regisseurin. Natasha hat etwa 400.000 Abonnenten.

Mai Thi Nguyen-Kim alias MaiLab ist Chemikerin und lädt auf YouTube Wissenschafts-Videos für ihre 200.000 Abonnenten hoch. Ist Burnout eine echte Krankheit? Wie gefährlich ist Schlafentzug? Oder auch Was ist dran am Gender Pay Gap?

Kathrin Fricke alias Coldmirror ist ein YouTube-"Urgestein", denn sie ist seit bald 13 Jahren dabei, und macht Comedy-Videos. Angefangen hat alles mit Harry Potter-Synchronisationen, dann kamen eigene Zeichentricksereien und sogar kurzzeitig eine eigene TV-Sendung auf Einsfestival. Trotzdem hat sie "nur"  1,1 Millionen Abonnenten.

Zum Vergleich: Beauty-Bloggerin DagiBee hat fast vier Millionen Follower auf YouTube, BibisBeautypalace fast 5,6 Millionen. Pamela Reif folgen auf Instagram 4,1 Millionen Accounts

Und auch auf Instagram gibt es spannende Frauen, die sich mit mehr als Beauty, Mode und Ernährung beschäftigen.

Jessica Jörges (@buntezukunft) ist Malerin – Handwerk, nicht Kunst. Sie stärkt mit ihrem Account nicht nur das Bild vom Handwerk im Allgemeinen, sondern vor allem auch das von Frauen im Handwerk.

Amina Yousaf (@ami_you) schreibt immer wieder über Gesellschaftsthemen, vor allem über Feminismus, Hate Speech und Rassismus.

Es gibt sie. Man muss nur die Augen offen halten – und sie dann auch unterstützen: mit Kommentaren, Likes und Shares. Sonst können wir auch gleich die alten, weißen Männer wieder machen lassen.


Streaming

Wie Hollywoodstars jetzt versuchen, mehr Frauen in den Regiestuhl zu kriegen

Auf der Leinwand sieht es so aus, als wäre Hollywood bereits auf einem guten Weg, was die Gleichberechtigung von Mann und Frau angeht: Dort gibt es Actionheldinnen, Frauen treten in Komödien und Dramen als wichtigste Charaktere auf und am Ende sind Filme mit Frauen in den Hauptrollen auch noch die erfolgreicheren.

Hinter der Kamera sieht es in Hollywood derzeit allerdings noch ganz anders aus: Im vergangenen Jahrzehnt führte nur bei vier Prozent der erfolgreichsten 1200 Kinofilme eine Frau Regie – in Zahlen ausgedrückt waren das gerade einmal 53 Filme.