Die Kuh ist in Indien heilig – das ist keine Binse, sondern politischer Fakt: In vielen Bundesstaaten ist das Schlachten von Rindern und der Besitz ihres Fleisches verboten, Verstöße werden streng geahndet. In manchen Städten darf die Kuh nicht mal von der Straße gejagt werden. Ihr Wohlergehen ist religiösen Hindus sehr wichtig – aber ist das Tier ihnen damit auch wichtiger als ihre Frauen?

Diese Frage hat sich der indische Fotograf Sujatro Ghosh in seinem aktuellen Fotoprojekt gestellt. Der 23-Jährige hat indischen Frauen Kuhmasken aufgesetzt und sie an unterschiedlichen Orten fotografiert.

Sujatro will damit "stillen Protest" gegen die politischen Verhältnisse in seinem Land ausdrücken, in dem aktuell mehr über die Bedeutung der Kuh diskutiert werde, als die Rechte von Frauen.

Denn einige verteidigen die Kuh mit brutaler Gewalt – und spalten damit die indische Gesellschaft.
  • Selbsternannte "Kuhwehren" aus radikalen Hindus töten Moslems und Dalits – jene, die aus dem Kastensystem herausfallen – mit dem Vorwand, sie würden Rindfleisch essen oder Kühe töten. Ob das stimmt, ist meist Nebensache.
  • In Dadri, eine Stadt östlich von Neu Delhi, wurde im September 2015 ein Mann von einem Mob ermordet, weil ein Gerücht herumging, seine Familie habe Kühe geschlachtet und ihr Fleisch im Kühlschrank gelagert. Die Familie sagte, es handelte sich um Büffelfleisch. Die Regierung bestätigte das nach einer Prüfung. (The Hindu)
  • Mittlerweile muss nicht mal eine Kuh in der Nähe sein, sie zu verteidigen. Zuletzt wurde ein 16-jähriger Moslem im Zug von einem Mob erstochen, weil er eine Taqiyah – eine muslimische Kappe – trug. Die Täter beschimpften ihn als "Rindfresser". (BBC, Livemint, Hindustan Times)

Die Entwicklungen führen in Indien zunehmend zu Protest. Anfang Juli erst gingen Tausende in Neu Delhi gegen die religiös motivierte Gewalt auf die Straße. Sie verwendeten dafür den Hashtag #NotinMyName, der ursprünglich Moslems diente, um sich vom Islamismus zu distanzieren. (The Indian Express)

Indiens teures Fleisch

Trotz allem ist Indien – nach Brasilien – der zweitgrößte Rindexporteur der Welt. Das Land macht damit im Ausland mehr Umsatz als mit dem berühmten Basmatireis. Offiziell verkauft es aber nicht Kuh- sondern Büffelfleisch. (Handelsblatt)

Auch im Land ist wird nur Büffelfleisch verzehrt. In den vergangenen Monaten haben die Kontrollen von Viehtransporten jedoch erheblich zugenommen. Betroffen sind meistens Moslems und Dalits. Erstere, weil sie damit handeln. Letztere haben traditionell die Aufgabe, tote Rindkadaver zu entsorgen. 

Zwar sind die Spannungen zwischen radikalen Hindus und Moslems nicht neu.

Sei dem Wahlsieg der hindunationalistischen Partei BJP und Premierminister Narendra Modi 2014, haben sie sich jedoch verschärft. Religion wird immer mehr zur politischen Räson. Mehrere Bundesstaaten haben seitdem härtere Rindfleischverbote erlassen. Sogar die Todesstrafe wird in diesem Zusammenhang diskutiert.

Lies hier, was junge Inder heute über das Kastenwesen denken:

Und was hat das jetzt mit Frauen zu tun?

Der junge Fotograf Sujatro findet es beunruhigend, "dass es viel länger dauert, Gerechtigkeit für eine Frau, die vergewaltigt oder belästigt wurde, zu bekommen, als für eine Kuh." (BBC)

Laut Regierungsstatistik wird in Indien alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt. Experten rechnen mit weitaus höheren Dunkelziffern, weil viele das Vergehen aus Angst vor Stigmatisierung nicht melden. Gewalt gegen Frauen ist ein Problem jeder sozialen Schicht.

Deswegen war es Sujatro auch besonders wichtig, Frauen in unterschiedlichen Alltagssituationen zu zeigen: im Zug, zuhause, an öffentlichen Plätzen, aber auch in Regierungsgebäuden. "Weil Frauen überall verletzlich sind."

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Seitdem sein Projekt online ging und Medien über ihn berichteten, bekommt Sujatro Morddrohungen von radikalen Hindus. Aber er erlebt auch viel Zuspruch: Frauen melden sich bei ihm, die Teil seines Projekts sein wollen. 

Deswegen hat er jetzt eine Crowdfunding-Aktion gestartet. 

Mit Maske und Kamera will der aus dem südindischen Kalkutta stammende Fotograf nach Bombay, Bangalore, Kerala und in den Nord-Osten des Landes reisen. Er schreibt: "Ich will, dass meine Botschaft so viele Menschen wie möglich erreicht." (Bitgiving.com)


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