Bild: dpa; Montage: bento
Und Millennials gleich mit. Alle Ergebnisse findest du in unserer Datenanalyse.

Frauen halten im Bundestag deutlich seltener Reden als Männer. Und Millennials gar noch seltener. Das ist das Ergebnis einer Datenanalyse von bento über den Redeanteil der Abgeordneten im Deutschen Bundestag. 

Im aktuellen Bundestag sitzen 221 Frauen und 488 Männer (Bundestag). Der Frauenanteil liegt also bei 31,2 Prozent, es ist der niedrigste Stand seit 1998. Gleichzeitig waren zu Beginn der Legislaturperiode im Oktober 2017 nur 23 Abgeordnete 30 Jahre oder jünger – ein Anteil von 3,2 Prozent. Sieben der 23 jungen Abgeordneten sind Frauen.

Der Bundestag soll uns alle vertreten – Frauen und Millennials sind im Plenarsaal jedoch deutlich unterrepräsentiert. 

Wir wollten wissen: Können sie das durch einen größeren Redeanteil wettmachen? Wie nutzen die einzelnen Fraktionen ihre Möglichkeit, Abgeordnete aus unterrepräsentierten Gruppen in den Mittelpunkt zu stellen? 

Wie wir die Redezeit der Abgeordneten ermittelt haben

In der Mediathek des Bundestages werden alle Reden aufgezeichnet – man kann sie sich nach Abgeordneten sortieren lassen. Wir haben ein Programm geschrieben, welches Namen, Parteizugehörigkeit, Alter und Geschlecht aller Abgeordneten listet und dann ihre Reden automatisch auswertet. Bei einigen Vielrednern mussten wir einzelne Reden nachtragen.

Enthalten sind alle Reden der ersten beiden Jahre – vom ersten Sitzungstag am 24. Oktober 2017 bis zur 109. Sitzung während der Sommerpause, einer außerplanmäßigen Sitzung zur Vereidigung von Annegret Kramp-Karrenbauer als neue Verteidigungsministerin. 

Als Millennials bezeichnen wir alle, die zum Einzug in den Bundestag 30 Jahre oder jünger waren. Für die Berechnung der Redeanteile wurden ausgeschiedene und nachgerückte Abgeordnete genauso behandelt wie Abgeordnete, die durchgehend Mitglied des Bundestags sind. 

Der aktuelle 19. Deutsche Bundestag wurde im September 2017 gewählt. Einen Monat später, am 24. Oktober, kamen die neuen Abgeordneten erstmals zu einer Sitzung zusammen. Die meisten Mandate holten CDU/CSU und die SPD, die seit Anfang 2018 eine Große Koalition bilden. Stärkste Oppositionspartei wurde die AfD, die neu in den Bundestag einzog.

Wie viele Abgeordnete in einer Debatte reden dürfen, hängt von der Größe der Fraktion ab: Je größer die Fraktion, umso mehr Redezeit steht ihr zu – und umso mehr Abgeordnete können ans Mikrofon treten. Die Länge der Redezeit für die Fraktionen richtet sich nach einem festen Verteilungsschlüssel, der regelmäßig zu Beginn der Wahlperiode vereinbart wird. (Deutscher Bundestag)

Dieser wird "Berliner Stunde" genannt, weil die Minuten Redezeit pro Fraktion zu einer vollen Stunde addiert werden. Offiziell steht er nirgends, eine Sprecherin des Bundestages hat bento den Verteilungsschlüssel jedoch wie folgt bestätigt:

Was nicht vom Bundestag vorgegeben wird: Wer innerhalb der Fraktionen wie lange ans Mikro darf. Ob eine Fraktion einen oder mehrere, Männer oder Frauen, Junge oder Alte ans Pult schickt, entscheidet sie allein. 

1 Wie oft Abgeordnete bis 30 Jahren im Bundestag am Rednerpult stehen – und welche Partei die meisten Millennials zu Wort kommen lässt:

3,2 Prozent aller Abgeordneten waren zu Beginn der Legislaturperiode bis 30 Jahren. Und die konnten sich in ihren Fraktionen nicht immer durchsetzen: Nur 2,8 Prozent aller Reden – insgesamt 22 Stunden – entfallen auf die Millennials.

Die meisten Millennials sitzen in der AfD-Fraktion (7 Abgeordnete), es folgen FDP und Union (je 6), die SPD (3) und die Linke (1). Die Grünen haben keinen jungen Abgeordneten.

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Wer redet am häufigsten? Mit fünf jungen Abgeordneten bestückt die FDP die meisten Rednerinnen und Redner in der Top 10. Darunter sind auch die einzigen drei Frauen der Bestenliste. Auf Platz 1 liegt allerdings ein anderer.

So oft – und lang – sprechen die jungen Politikerinnen und Politiker:

Insgesamt lässt keine Fraktion ihre ohnehin wenigen Millennials überproportional ans Rednerpult. Mit einer Ausnahme: der FDP. Der Anteil an Abgeordneten bis 30 liegt bei 7,4 Prozent. Und diese halten immerhin 8,8 Prozent aller FDP-Reden. 

Dass das so ist, sei reiner Zufall, sagt Gyde Jensen zu bento. Gyde ist 30, die jüngste weibliche Abgeordnete im Bundestag, und stand nach CDU-Kollege Philipp Amthor am häufigsten am Rednerpult. Eine Redequote für Frauen oder Millennials gebe es in der Fraktion nicht, sagt Gyde. Jede, die wolle, könne diesen Wunsch äußern. 

(Bild: FDP/Gyde Jensen)

Für die Sprecher der einzelnen Themenbereiche gelte bei der FDP-Fraktion allerdings "Erstzugriffsrecht", sagt Gyde. Sie selbst ist menschenrechtspolitische Sprecherin und Vorsitzende im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe – und beansprucht daher menschenrechtsrelevante Themen für sich. Bei Themen, wo die Zuständigkeit nicht ganz klar sei, komme es "schon mal zu Diskussionen", sagt Gyde – "aber dann einigen sich die Kollegen eben untereinander, wer wann reden wird".

Ganz ähnliche Erfahrungen macht auch Philipp Amthor in der Unions-Fraktion: "Wer bei uns redet, bemisst sich allein nach der fachlichen Zuständigkeit", sagt Philipp zu bento. Dass er unter allen Millennials am meisten Reden angehäuft habe, liegt seiner Einschätzung nach an den Themen, die er beackert. "Ich mache viel zu innerer Sicherheit und EU-Politik – beide Themen sind im Bundestag dauerpräsent."

Dass ihm ältere CDU-Abgeordnete den Vortritt lassen, liege wohl am Ruf, den er sich erarbeitet hat:

„Die Kollegen wissen, dass ich große Lust auf Debatten habe, deshalb lassen sie mich gerne in den Ring steigen.“
Philipp Amthor

Den Amthor-Bonus haben aber nicht alle. Die FDP-Politikerin Gyde beobachtet, dass junge Menschen im Bundestag häufiger ignoriert werden. Gerade ältere Kollegen würden oft mit einer "Komm erst mal in mein Alter"-Attitüde die jüngeren zurechtweisen. "Dabei will ich vielleicht gar nicht im hohen Alter immer noch im Bundestag sitzen", sagt Gyde. 

Gyde glaubt, viele Diskussionen könnten besser laufen, wenn Teams bunter gemischt wären: mehr Frauen, mehr Menschen mit unterschiedlichen Berufen, mehr Altersgruppen. "Studien haben gezeigt, dass gerade in der Außenpolitik Friedensverhandlungen dann nachhaltiger gelingen und ein Erfolg wahrscheinlicher wird, wenn mehr Frauen mitverhandelt haben", sagt Gyde. Unter anderem das International Peace Institute hat errechnet, dass Friedensverträge eine 35-prozentig höhere Chance haben, 15 Jahre zu überdauern, wenn Frauen involviert waren.

2 Wie viel Redezeit Frauen im Bundestag für sich beanspruchen können – und welche Politikerinnen am häufigsten zu Wort kommen:

Alle Abgeordneten haben in den zwei Jahren insgesamt 9364 Reden gehalten und zusammen 850 Stunden gesprochen. Im Schnitt dauert eine Rede also 5,4 Minuten. 

Frauen haben davon insgesamt 255,3 Stunden in 2797 Reden gesprochen. Das sind anteilig 30 Prozent – also nur ein bisschen weniger als es ihrem Sitzanteil (31,2 Prozent) zusteht. 

So weit, so fair. Aber geht es innerhalb der Fraktionen genauso gerecht zu? 

So oft kommen Politikerinnen in den einzelnen Fraktionen ans Rednerpult:

Die einzigen beiden Fraktionen, in denen Frauen also häufiger als ihrem Anteil entsprechend Reden halten, sind FDP und Grüne. 

  • Bei der FDP liegt der Frauenanteil bei 23,5 Prozent – die weiblichen Abgeordneten halten jedoch 25,3 Prozent der Reden. 
  • Am besten ist das Verhältnis bei den Grünen: mit einem Frauenanteil von 57,4 Prozent und einem weiblichen Redeanteil von 59,7 Prozent. 

Anteilig am seltensten kommen Frauen bei der Union zu Wort. 

  • Die Frauenquote liegt bei 21,2 Prozent. Und deren Anteil an den gehaltenen Reden liegt bei nur 15,6 Prozent.

Wer steht überhaupt am häufigsten am Mikro? In die Top 10 haben es insgesamt zwei Frauen geschafft. ES sind, mit zwei Ausnahmen, nur Politiker und eine Politikerin aus der Großen Koalition.

Diese Abgeordneten sprechen am häufigsten:

Fast nur Mitglieder der Großen Koalition nehmen die vorderen Plätze ein. Klar: CDU, CSU und SPD stehen die meisten Redeanteile zu. Dass hingegen Frauke Petry und Mario Mieruch mit in der Top 10 sind, liegt daran, dass fraktionslose Abgeordnete aus dem Verteilungsschlüssel für Redeanteile fallen. Sie dürfen durch eine Sonderregel häufiger ans Mikro (Deutscher Bundestag). Sprich: Mieruch und Petry reden nicht lange, aber oft.

Schaut man auf die Länge, liegt das Regierungspersonal vorne. Sie sprechen im Bundestag nicht nur zu neuen Gesetzesvorhaben – sondern müssen sich regelmäßig in Fragestunden den Abgeordneten stellen. Als Kanzlerin sprach Angela Merkel daher in gerade mal 14 Reden insgesamt 8 Stunden und 9 Minuten – so lang wie niemand sonst im Bundestag.

Abgeordnete wie die FDP-Politikerin Gyde Jensen können nicht von diesem Bonus profitieren. Aber sie begreife das als Herausforderung, sagt Gyde.

„Ich kann Anliegen nicht in fünf Schachtelsätzen wiederholen, ich muss alle meine Argumente in drei Minuten unterbringen.“
Gyde Jensen

Ihre ersten Reden hat Gyde daher mehrere Nächte lang vorbereitet. Mittlerweile reichen ein paar Stunden von der Idee bis zur fertigen Rede. Und eben Durchsetzungsvermögen: "Manchmal musst du einfach sagen: 'Hey, ich will zu dem Tagesordnungspunkt sprechen!' - und nicht: 'Also ich könnte vielleicht auch, wenn sonst niemand will.'"

Ihr CDU-Kollege Philipp Amthor drückt es ähnlich aus:

„Alter sollte kein Grund für falsche Zurückhaltung sein.“
Philipp Amthor

Was sagen die Zahlen über den Redeanteil junger Abgeordneter und Frauen im Bundestag nun aus?


Wenn es um die Repräsentation bestimmter Gruppen geht, versagt unser Bundestag also gleich doppelt. Frauen und Millennials sind unterrepräsentiert – und entsprechend schwierig ist es für sie auch, im Plenarsaal wahrgenommen zu werden. Die Verantwortung liegt bei den Fraktionen. Aber längst nicht alle setzen sie um: Gerade bei den linken Parteien gibt es wenig bis gar keine Millennials, auch stehen sie kaum am Rednerpult. Am besten repräsentiert sind Millennials noch bei der FDP und bei der Union. Frauen indes haben es in den Fraktionen fast überall schwer, hier mit Ausnahme der Grünen.

Das kann viele Ursachen haben. Eine davon: US-Psychologen haben herausgefunden, dass Männer oft mit größerem Selbstbewusstsein auftreten – in westlichen Industrienationen sei die "Selbstbewusstseins-Lücke" besonders groß. Auf die Arbeit im Bundestag übertragen bedeutet das: Der männliche Abgeordnete sagt bei der Frage, wer nun die Rede hält, in der Fraktion schneller zu als die genauso gut qualifizierte Frau. Sie wägt noch ab. 

Vielleicht sollten die Männer das auch ab und zu in Betracht ziehen: Dass der erstbeste Redner nicht notwendigerweise der erste und beste ist. 


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