Baptiste Quetier ist für Europa gerannt, auf der Brust ein Herz in den Farben der deutschen und der französischen Flagge. Auf den letzten Metern des 10-Kilometer-Laufs haken er und seine deutsche Freundin sich unter, sie kommen gemeinsam ins Ziel.

Beide sind Teil eines deutsch-französischen Teams, Baptiste hat es gegründet: "Ich wollte ein Zeichen für Europa setzen", sagt er.

Heute, ein Jahr später, schlägt das Herz des 26-Jährigen nur noch für Frankreich. Genauer gesagt für Marine Le Pen, die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin bei der Wahl in Frankreich.

Sie ist gegen Europa in seiner jetzigen Form und will die Franzosen darüber abstimmen lassen, ob sie aus der Europäischen Union austreten. Sie plant, als Präsidentin Fremdenfeindlichkeit in der Verfassung zu verankern: Unternehmen sollen bevorzugt französische Staatsbürger einstellen. Für Le Pen gilt: Frankreich zuerst. 

Und diese Frau will Baptiste unterstützen. Was ist passiert seit dem Lauf für die deutsch-französische Freundschaft?
Marine Le Pen ist gegen Europa in seiner jetzigen Form

Viele Franzosen in Baptistes Alter unterstützen Marine Le Pen und ihre Partei, den rechtsextremen Front National (FN): In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 23. April stimmte ein Viertel der 18- bis 34-Jährigen für Le Pen. Ihr Gegner in der Stichwahl am Sonntag, der liberale Europafreund Emmanuel Macron, kam in dieser Altersgruppe auf nur 21 Prozent.

Wer sind die jungen Wähler, die Frankreichs Grenzen schließen und zur alten französischen Währung, dem Franc, zurückkehren wollen? 

Das Meinungsforschungsinstitut Ifop zeichnet folgendes Bild: Die jungen Le-Pen-Wähler seien vor allem männlich, wohnten in ländlichen Gegenden, kämen aus der Mittelschicht und fänden oft nur schwer einen Job. Sie suchten nach Sicherheit in einer immer schneller werdenden Welt. Ihnen scheint Marine Le Pen genau diese Hoffnung zu geben. Doch ihr Versprechen fußt auf Nationalismus und einer radikalen Abschottung nach Außen. 

(Bild: Privat)

"Den Cocktail, den der Front National ihnen bietet, verbindet das Versprechen auf eine radikale Veränderung der Gesellschaft mit traditionellen, patriotischen und identitären Werten", schreibt die Soziologin Anne Muxel in der französischen Zeitung "Le Monde". Das scheint auch junge Leute außerhalb der klassischen FN-Wählerschaft anzusprechen. Leute wie Baptiste.

Aber was bewegt sie dazu, einer so radikalen Politikerin ihre Stimme zu geben?  

Der 26-jährige Baptiste, Oberlippenbart, wuschelige braune Haare, sitzt in der Pariser Wohnung eines Freundes vor Skype. Morgen wird er ein Meeting von Marine Le Pen besuchen. Er wird für sie johlen und die französische Nationalhymne singen. 

Baptiste hat an der Universität in Dijon Germanistik studiert, ist viel gereist, hat vier Jahre in Deutschland und England gelebt und dort als Sprachassistent gearbeitet. Zwei Jahre lang stand er als Juniorbotschafter des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) in seiner Freizeit vor Schülern. Er schwärmte von Europa und erzählte von Programmen, mit denen sie ins Ausland gehen können. Auch er nahm an einem Austausch mit dem DFJW teil.

"Europa hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin", sagt Baptiste. In seiner Zeit in Deutschland sei er selbstbewusster geworden. Er habe dort gelernt, auf Fremde zuzugehen. Aus einigen sind mittlerweile Freunde geworden. Die andere Kultur, interessante Gerichte, die neue Sprache – all das fand Baptiste faszinierend. "Die deutsche Mentalität liegt mir, ich mag Pünktlichkeit und Verbindlichkeit", sagt er. 

Gerade versucht er, auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich Fuß zu fassen. Einfach ist das nicht. Sein Praktikum ist unbezahlt, Geld bekommt er von seinen Eltern. Sein Traum ist es, später selbst eine Schule zu leiten, 3000 Euro würde er gern verdienen. 

Meine Zeit in Deutschland hat mich geprägt, sie hat mir Selbstvertrauen gegeben.
Baptiste

Heute hilft er Flüchtlingen dabei, in Frankreich anzukommen, bringt ihnen in einer Sprachschule Französisch bei. Doch je mehr er mit den jungen Männern und Frauen aus Eritrea, Afghanistan und Iran gearbeitet habe, so erzählt Baptiste, desto mehr habe ihn das Gefühl beschlichen, dass es zu viele seien. Dass Frankreich überrannt werde. "Wir können uns nicht um alle kümmern", sagt Baptiste. 

"Meine Sprachklassen sind jetzt schon voll und es warten noch immer Migranten auf einen Platz", sagt Baptiste. "So kann Integration nicht gelingen." Arbeitslosigkeit und Armut seien bereits unter Franzosen zu hoch. Aus seiner Sicht habe Frankreich keine Kapazitäten, mehr Leute aufzunehmen. 

Zur Einordnung: Im Jahr 2016 beantragten etwa 84.000 Menschen in Frankreich Asyl. In Deutschland waren es im selben Zeitraum etwa 745.000. (Eurostat)

Für Marine Le Pen ist jeder einzelne von ihnen zu viel. Bei einer Wahlkampfveranstaltung im April sagte sie, die "massive Einwanderung" sei "ein Drama für Frankreich".

Deshalb wolle sie Abschiebungen vereinfachen, nur noch 10.000 Migranten pro Jahr aufnehmen und straffällig gewordene Ausländer sofort in ihre Heimatländer zurückschicken. Sie wolle dem Land die Grenzen zurückgeben – klare populistische Forderungen, die Baptiste unterstützt. 

Nützlich oder raus – das ist der gefährliche Nationalismus, der sich in Frankreich und Europa seit einiger Zeit breitmacht. 

Wer Baptiste nach dem Moment fragt, in dem er endgültig beschloss, Front National zu wählen, dem sagt er: "An einem Arbeitstag haben fünf Leute vor meiner Klassentür gewartet – obwohl mein Französischkurs ohnehin schon überfüllt war. Da habe ich mir gedacht: Es gibt hier einfach zu wenige Leute, die sich um die Neuankömmlinge kümmern können."

Der Wunsch nach Kontrolle ließ Baptiste im September des vergangenen Jahres auf den YouTube-Kanal von Jean-Marie Le Pen klicken, Mitgründer des Front National und Vater von Marine Le Pen. Zunächst hatte er von ihm das Bild eines "rassistischen, ausländerfeindlichen, gefährlichen alten Mannes". Doch das änderte sich.

Jede Woche schaute er sich Le Pens Videos an – über Syrien, die Staatsverschuldung und Europa – und sah in ihm immer mehr einen "ehrlichen Politiker, der Probleme endlich mal beim Namen nennt", sagt er.

Dass sich Jean-Marie Le Pen in der Vergangenheit mehrfach antisemitisch geäußert, den Holocaust geleugnet und die Konzentrationslager der Nazis als ein "Detail der Geschichte" abgetan hat, scheint Baptiste egal zu sein.

Baptiste (mit Mütze) und seine Schüler(Bild: Privat)

Seine Bewunderung für Jean-Marie Le Pen färbte nach und nach auf dessen Tochter Marine Le Pen ab. Sein anfängliches Engagement für Europa wandelte sich immer mehr in einen Kampf für Frankreich

Wer Baptiste zuhört, der stellt schnell fest: Dieser Mann hat sich blenden lassen von den scheinbar einfachen Lösungen für die großen Probleme einer ganzen Nation. 

Marine Le Pens Taktik scheint aufgegangen zu sein: Sie versucht schon lange, den Front National wählbar zu machen, ihn vom rassistischen, antisemitischen Image ihres Vaters zu befreien. Dafür ließ sie ihn sogar aus der Partei werfen. 

Außerdem hat sie kurz vor dem zweiten Wahlgang die Parteiführung des Front National abgegeben. Ihr Ziel: sich als Kandidatin aller französischen Bürger zu inszenieren. 

Im April teilte Baptiste dem Deutsch-Französischen Jugendwerk mit, dass er aus dem Netzwerk der Juniorbotschafter austreten wolle. Nach jahrelanger Mitgliedschaft ein radikaler Schritt.

Für den Abschiedsbrief brauchte er zwei Stunden, er schrieb ihn mit der Hand. Wer seine Worte liest, erkennt zwischen den Zeilen Angst vor einer unsicheren Zukunft. Baptiste schreibt, dass er Marine Le Pen wählen werde, da sie mit einem Ausstieg aus der EU die hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich bekämpfen werde.

Gerade jungen Franzosen fällt es tatsächlich oft schwer, einen Job zu finden. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Frankreich bei fast 25 Prozent (Statista). Le Pen weiß das für sich zu nutzen – und trifft damit offenbar einen Nerv.

Bevor Baptiste den Brief zur Post brachte, tippte er ihn noch einmal am PC ab. Er lud ihn in einer internen Facebook-Gruppe der DFJW-Juniorbotschafter hoch, dann verließ er die Gruppe. 

Anschließend blinkten auf seinem Handy immer wieder neue Nachrichten auf: Freunde fragten ihn, ob sein Text ernst gemeint sei. Anderen beschimpften ihn. Oder sagten ihm, dass sie nicht länger mit ihm befreundet sein wollen. Besonders seine deutschen Kumpels können nicht verstehen, warum er Marine Le Pen unterstützt. 

Um die 15 Freunde hat Baptiste verloren, seitdem er sich zum Front National bekannt hat

Manchmal hat Baptiste Zweifel, ob er sich für die richtige Partei entschieden hat. Dass der Front National Muslime und islamistischen Terror oft in den gleichen Topf wirft, stört ihn. Deshalb ist er bis jetzt auch noch nicht in die Partei eingetreten.

Um die 15 Freunde habe er verloren, seitdem er sich zum Front National bekannt hat. Als seine Mutter ein Plakat von Marine Le Pen auf seinem Auto entdeckte, sagte sie, dass sie sich für ihn schäme. Natürlich mache ihn das traurig. Doch Baptiste bleibt dabei, am Sonntag wählt er Le Pen. 


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In Frankreich brauchen Models bald eine ärztliche Bescheinigung
Worum geht es?

Models dürfen in Frankreich ihren Job nur noch dann ausüben, wenn ein Arzt ihnen bestätigt hat, dass sie nicht untergewichtig sind. Das sieht der Erlass zu einem Gesetz gegen Anorexie vor, der nun in Kraft getreten ist. Das Gesundheitsministerium will damit Magersucht bei Jugendlichen verhindern und die Verbreitung von falschen Schönheitsideale stoppen. (BBCZeit Online)