Bild: Reuters/Stephane Mahe
Und warum das den Wahlausgang beeinflussen könnte

Die Ergebnisse der ersten Runde der Präsidentschaftswahl standen gerade fest, da schrieben mir Freunde aus Frankreich, dass sie darüber nachdenken würden, im zweiten Wahlgang für keinen der beiden Kandidaten zu stimmen. 

Nicht für die Rechtspopulistin Marine Le Pen, nicht für den liberalen Europafreund Emmanuel Macron. Sie seien verärgert, schrieben sie, traurig und enttäuscht. Und immer wieder fiel der Begriff "voter blanc", der französische Ausdruck für das Abgeben eines leeren Stimmzettels.

Meine Freunde sind politisch interessiert, sie machen sich Gedanken über die Zukunft, halten den Front National für gefährlich. Und trotzdem überlegen sie, an dieser wichtigen Wahl nicht teilzunehmen. Warum? 

Die Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten war in diesem Jahr so hart umkämpft wie selten. Noch wenige Tage vor dem ersten Wahlgang sahen Umfragen vier der elf Kandidaten fast gleichauf. Am Ende gewannen Macron (24,01 Prozent) und Le Pen (21,30 Prozent). Die Nächstplatzierten, der Republikaner François Fillon (20,01 Prozent) und der Linke Jean-Luc Mélenchon (19,58 Prozent), folgten mit nur geringem Abstand. (bento)

Das heißt: Viele französische Wähler waren nach der ersten Runde enttäuscht, weil es ihr Kandidat nicht in die Stichwahl geschafft hatte.

Schon am Abend des 23. April, dem Tag des ersten Wahlgangs, fragte das Marktforschungsinstitut Harris Interactive fast 3000 Franzosen, wen sie im zweiten Wahlgang wählen wollen (PDF, auf Französisch).

Ein Ergebnis: Meine Freunde sind nicht allein.
  • Von den Franzosen, die in der ersten Runde Benoît Hamon, den Kandidaten der Parti Socialiste, gewählt hatten, sagten 21 Prozent, sich in der zweiten Runde enthalten beziehungsweise einen leeren oder ungültigen Stimmzettel abgeben zu wollen.
  • Unter den Anhängern Fillons lag der Anteil bei 30 Prozent.
  • Und von denen, die im ersten Wahlgang für Mélenchon gestimmt hatten, gaben sogar 36 Prozent an, in der zweiten Runde weder für Macron noch für Le Pen stimmen zu wollen.

In den Wochen zwischen den beiden Wahlgängen schrieben unzählige Franzosen bei Facebook und Twitter, dass sie das Gleiche vorhätten; sie versahen ihre Nachrichten mit Hashtags wie #SansMoiLe7Mai ("Ohne mich am 7. Mai"), #AbstentionRecord ("Rekord-Enthaltung") und #JamaisMacron ("Niemals Macron"). Der Tenor vieler Posts und Tweets: Die Absender wollen keinen der beiden Kandidaten – nicht Le Pen, die "Kandidatin des Hasses", nicht Macron, den "Kandidaten der Finanzen".

Ich wünsche mir, dass Frankreich Mitglied der EU bleibt, offen und tolerant. Das Land ist mir wichtig, ich habe eine Zeitlang in Lyon gelebt, eine meiner besten Freundinnen ist Französin.  Mit ihr sprach ich über die vielen Menschen, die sich enthalten wollen. Sie versuchte, mich zu beruhigen: Es sei normal, dass einige Leute erst mal enttäuscht seien. Nicht umsonst lägen zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang zwei Wochen.

Stimmt. Nur: Am Dienstag, wenige Tage vor der zweiten Runde, wurde öffentlich, dass zumindest die Anhänger von Mélenchon und seiner Bewegung "La France insoumise" bei ihrer ablehnenden Haltung bleiben. Laut der Website der Bewegung wollen 36 Prozent einen leeren oder ungültigen Stimmzettel abgeben, 29 Prozent wollen ganz zuhause bleiben.

Ich versuchte, über Facebook mit einigen von denen, die nicht wählen wollen, in Kontakt zu kommen – und bekam zahlreiche Antworten. Denn sie alle haben Gründe. Sie enthalten sich nicht, weil sie sich nicht interessieren oder es ihnen egal ist, was mit ihrem Land passiert. Sondern aus Überzeugung. 

Hier sind ihre Protokolle:
Darum wollen junge Franzosen am Sonntag nicht wählen gehen:
Anais, 32, aus Fontainebleau
"Ich weigere mich, meine Stimme einem Kandidaten zu geben, dessen Programm überhaupt nicht zu dem passt, was ich mir für Frankreich erhoffe.
Eine Wahl muss immer aus echter Überzeugung heraus geschehen, sonst nichts.
Ich werde auch kein 'vote blanc' abgegeben. Ich finde, die Botschaft ist noch stärker, wenn man nicht ins Wahllokal geht. Damit zeigt man: Die Kandidaten sind nicht mal das wert.
Für mich wäre Jean-Luc Mélenchon der ideale Präsident; sein Programm ist das einzige, das sich um Umwelt- und Ressourcenschutz bemüht."
Quentin, 27, Ingenieur aus Caluire
"Ich wusste seit den Ergebnissen der ersten Runde, dass ich nicht für Macron stimmen würde. Für mich ist er eine Schöpfung der Banken und ein Produkt der Medien.
Ich habe zuerst sogar überlegt, Le Pen zu wählen, aber das kann ich nicht, ich kann ihre Ideen nicht verteidigen.
Also bleibt mir nur die Option, einen leeren Stimmzettel abzugeben oder mich zu enthalten.
Mélenchon repräsentierte für mich eine echte sozialistische Alternative, er wäre mein Präsident."
Emilie, 23, Physiotherapeutin aus Bayonne
"Ich habe mich zwischen den beiden Wahlgängen entschieden, nicht wählen zu gehen. Macron hat dazu aufgerufen, ihn aus Zustimmung zu wählen.
Damit lässt er die 55 Prozent völlig außer Acht, die in der ersten Runde weder für En Marche noch für den Front National gestimmt haben. Mir sagen beide Programme nicht zu.
Klar, Le Pen ist ein Risiko. Aber sie will Referenden abhalten, und sie wird keine Mehrheit im Parlament haben.
Also werden wir ihren Entscheidungen zumindest einen Riegel vorschieben können."
Pierre-Alexis, 21, arbeitssuchend, aus Le Havre
"Ich bin pro-Mélenchon, in den Ideen der beiden Finalisten finde ich mich überhaupt nicht wieder. Keiner der beiden vertritt linke Werte.
Deshalb habe ich gleich nach dem ersten Wahlgang beschlossen, an der Stichwahl nicht teilzunehmen. Auch die Mehrheit meiner Freunde will nicht wählen gehen.
Wie 2002, als Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen antrat, können wir nicht für jemanden stimmen, sondern nur gegen jemanden. Das ist keine Demokratie mehr."
Eine 33-Jährige aus Paris, die lieber anonym bleiben möchte
"Ich habe bisher immer gewählt, aber diesmal werde ich es nicht tun. Meine Entscheidung wurde durch die Debatte am Mittwoch noch gefestigt:
Die beiden Finalisten haben mich absolut nicht überzeugt. Ich will nicht für Macron stimmen, weil ich nicht mit seinen ultraliberalen Ideen übereinstimme.
Die einzige Form, unsere Unzufriedenheit auszudrücken, ist leider die Enthaltung. Ist sie hoch, zeigt das dem gewählten Präsidenten, dass er uns nicht überzeugt hat.
Ich hätte mir gewünscht, dass Fillon in die zweite Runde kommt; sein Programm ist realistisch."
1/12

Einer, mit dem ich mich länger bei Skype unterhielt, ist Kévin, 23. Er wohnt im Westen Frankreichs, in der Nähe von Nantes, und arbeitet in der Gastronomie. Kévin sagt: 

Ich habe in der ersten Runde für keinen von beiden gestimmt, warum sollte ich in der zweiten Runde einen von ihnen wählen? Ich kann mich mit beiden nicht identifizieren.

Für Marine Le Pen könne er auf keinen Fall stimmen; sie widerspreche den grundlegenden Werten Frankreichs: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und mit Emmanuel Macron als Präsident würde es genauso weitergehen wie bisher; in ihm stecke ein bisschen Sarkozy, ein bisschen Hollande. Das habe er satt, sagt Kévin.

Als er am Abend des 23. April sah, wer in die Stichwahl einziehen würde, beschloss er, am 7. Mai einen leeren Stimmzettel abzugeben. Für ihn bedeutet das: Er trifft eine Wahl, nämlich die, keinen der beiden Kandidaten zu wählen. Für ihn gibt es also einen Unterschied zwischen einem "vote blanc", wie man in Frankreich sagt, und einer tatsächlichen Enthaltung – auch wenn beides am Ende gleichbehandelt wird.

Das französische Wahlsystem

In Frankreich werden leere Stimmzettel (ebenso wie ungültige) zwar ausgezählt und in die Wahlbeteiligung einberechnet. Sie haben aber keinen Einfluss auf den Wahlausgang: Bei der Berechnung der Anteile einzelner Kandidaten werden sie als Enthaltungen gewertet; berücksichtigt werden nur die Stimmen, die einen Kandidaten favorisieren.

Warum ist das wichtig?

Würden die "votes blancs" berücksichtigt, könnte das durchaus dafür sorgen, dass keiner der beiden Kandidaten eine absolute Mehrheit hat. Bei der Präsidentschaftswahl 2012 hätte François Hollande dann zum Beispiel nur 48,6 Prozent der Stimmen bekommen.

(Französische Botschaft, Ministère de l’Intérieur, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, "Le Monde")

Ich frage Kévin, ob er dieses Vorgehen nicht für gefährlich hält. Aktuelle Umfragen sehen Macron zwar mit etwa 60 Prozent vorne. Aber schließlich sind Populisten wie Le Pen dafür bekannt, Wähler zu mobilisieren. Wenn umgekehrt viele Franzosen, die eigentlich gegen sie sind, keine gültige Stimme abgeben, könnte es durchaus sein, dass sie am Ende gewinnt. ("Le Point", auf Französisch)

Doch, sagt Kévin, das stimme schon. Aber er habe einfach keine Lust mehr, gegen einen Kandidaten zu stimmen. Das habe er schon 2012 gemacht; damals habe er in der zweiten Runde nicht für Hollande gestimmt, sondern gegen Sarkozy.

Es ist Zeit, für etwas zu stimmen.

Es ist ein grundlegendes Problem des französischen Wahlsystems: Weil ein Kandidat die absolute Mehrheit der Stimmen braucht, um Präsident zu werden, gibt es in der Regel zwei Wahlgänge – und in der Stichwahl sind eben nur zwei Kandidaten übrig. Die Folge: Viele Franzosen wählen das kleinere Übel

Für Kévin und viele andere ist die Stichwahl nicht demokratisch. Sie wünschen sich, dass das "vote blanc" anerkannt wird, sozusagen als eine Art dritter Kandidat. Nur so hätten die Franzosen wirklich eine freie Wahl – und mehr Leute würden wählen gehen. Jean-Luc Mélenchon hatte genau das in seinem Programm gefordert ("Le Monde"). Viele seiner Anhänger wollen sich jetzt auf die Parlamentswahl im Juni konzentrieren. Dann könnten sie wirklich wählen, was sie wollen.

(Bild: Privat)

Kévin will nicht verraten, wen er im ersten Wahlgang gewählt hat. Aber wenn er davon spricht, was er sich für Frankreich wünscht, nennt er immer wieder die drei Worte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – Liberté, Égalité, Fraternité. Mélenchon hatte sie im Wahlkampf immer wieder als seine Roadmap bezeichnet (France Info). "Ich wünsche mir einen Präsidenten, der versucht, eine Gesellschaft auf Basis dieser Werte aufzubauen", sagt Kévin.

Er spricht davon, dass Frankreich "einen großen Wandel" brauche. Die Verfassung gebe es seit 1958, seitdem habe sich zu viel verändert. "Unsere Regeln passen nicht in die Gegenwart."

Es sind große Worte, die auch meine Freunde verwenden: Man müsse das System ändern, ein neues Gesellschaftsmodell entwickeln. Es klingt nach Revolution.

Am Ende kann ich verstehen, warum manche Franzosen in diesem zweiten Wahlgang nicht abstimmen wollen. Und trotzdem: Das ungute Gefühlt bleibt.

Ich frage noch einmal meine Freunde, wie sie sich entschieden haben. Eine Bekannte aus Paris sagt, sie wisse immer noch nicht, ob sie für Macron stimmen oder ein "vote blanc" abgeben werde. Wahrscheinlich werde sie das erst in der Wahlkabine entscheiden. Ein anderer Freund schreibt, dass er Macron wählen werde – auch wenn er ihn nach wie vor nicht voll unterstütze. Er schreibt aber auch, dass er Leute kenne, vor allem Linke, die nicht wählen wollen. Schließlich könne man sich den Umfragen zufolge quasi sicher sein, dass Macron gewinne.

Quasi sicher. Hoffentlich reicht das.


Musik

Bibi hat einen Song veröffentlicht und alle hassen ihn

Es wäre ziemlich dumm, Bianca "Bibi" Heinicke zu bashen. Das macht sie ja schon selbst in ihren YouTube-Videos. Und dann ist da noch ihr Freund und Geschäftspartner Julian Claßen, der sie bei jeder Gelegenheit lächerlich macht. Traurig!

Noch trauriger ist nur, dass Bibi auf YouTube gerade jede Menge Hate abkriegt: Am Freitag hat Bibi ihren ersten Song veröffentlicht. Er heißt "How it is", der Refrain geht "Wap bap wah da de da dah". In den ersten drei Stunden auf YouTube hat "How it is" von Bibi schon eine halbe Million Abrufe – und mehr als 450.000 "Daumen runter".