Bild: Philip Eichler
"Es muss anfangen aufzuhören"

Kurz vor 14 Uhr fährt ein Boot über den Main, an Bord jubeln mehrere Menschen. "Geil, geil, geil", ruft einer von ihnen, "es hat geklappt." Während Wellen an der Außenwand empor spritzen, seilen sich im Hintergrund fünf Menschen vor der Frankfurter Skyline ab. Über ihnen entfaltet sich auf der "Alten Brücke" ein meterlanger orangener Banner: "Safe Passage Now" – sichere Überfahrt jetzt. Unter ihnen sammeln sich innerhalb weniger Minuten etwa 50 junge Menschen in Schlauchbooten und spannen ein Seil. 

Der Main ist damit dicht, für mehr als vier Stunden wird kein Schiff mehr an dieser Stelle vorbeikommen. Jachten, Ausflugsdampfer und kleinere Barkassen müssen abdrehen.

Hunderte Menschen beobachten die Situation vom Ufer aus. Die Blockade war eine Idee von Personen aus dem Umfeld des Seebrücken-Bündnisses. Seit vergangenem Sommer hat die Bewegung Hunderttausende auf die Straßen gebracht. Sie forderten die Aufnahme von Geflüchteten aus dem Mittelmeer und Unterstützung für Seenotrettungs-Initiativen. 

Mehr als 60 Städte und Kommunen haben sich seitdem zu "sicheren Häfen" erklärt. Städte wie Berlin, Rostock, Düsseldorf oder Tuttlingen verprechen, freiwillig mehr Geflüchtete aufzunehmen. Dass der Zuspruch dafür immer noch groß ist, zeigte ein Spendenaufruf von Jan Böhmermann, der eine Million Euro für die Bewegung einbrachte (SPIEGEL ONLINE).

Doch bislang hat das an der Lage auf dem Mittelmeer nichts verändert. 

Das Sterben vor der europäischen Haustür geht weiter. Seit Jahresbeginn ertranken laut UN-Flüchtlingshilfswerk mindestens 669 Migranten. Und diejenigen, die gerettet werden, sitzen oft noch Tage oder Wochen fest, wie vor wenigen Wochen die Menschen auf der "Seawatch 3" von Carola Rackete. Allein an diesem Wochenende retteten die Schiffe "Ocean Viking" und "Open Arms" insgesamt mehr als 300 Menschen (Tagesschau). Wann und wo sie in Europa an Land dürfen, ist noch unklar. 

Um darauf aufmerksam zu machen, haben die Aktivistinnen und Aktivisten der Seebrücke an diesem Wochenende erstmals die Taktik geändert. 

"Wir bringen die Blockade vom Mittelmeer nach Deutschland. Niemand soll mehr wegsehen können", sagt eine Sprecherin der Seebrücke Frankfurt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Main bereits blockiert.

Wenige Stunden zuvor sah es noch so aus, als fände in der Innenstadt eine weitere der vielen Demonstrationen statt, die das Bündnis seit dem vergangenen Sommer organisiert. Unter den Teilnehmenden sind Studierende, Familien, die Grüne Jugend, Pax Christi, die iranische Exil-Opposition – und trotz Ferien einige Jugendliche mit "Fridays for Future"-Fahne. Etwa 1200 Menschen, schätzt die Polizei. 

Bei der Demonstration zeigen sich die Gegensätze. Linksradikale stehen neben bürgerlichen Eltern mit Kinderwagen, die Jusos demonstrieren gegen ihre eigene Partei.

Bei der Demonstration zeigen sich die Gegensätze. Linksradikale stehen neben bürgerlichen Eltern mit Kinderwagen, die Jusos demonstrieren gegen ihre eigene Partei.

(Bild: Philip Eichler)

Einer von ihnen ist Bahab. Der 22-jährige Afghane erzählt am Rand der Demo auf Englisch, dass er eigentlich nur zu Besuch bei seinem Bruder in Frankfurt sei. Seine Familie ist über ganz Europa verstreut. Bahab, seine Mutter und Schwester leben in Schweden, zwei weitere Geschwister in Griechenland und Frankreich. Die Familie floh vor dem Krieg in ihrer Heimat und weil sie nach dem Tod des Vaters keine Lebensgrundlage mehr gehabt habe, erzählt Bahab. 

Ihm selbst scheint es vergleichsweise gut zu gehen. Bahab kam bereits 2011 über die Türkei nach Schweden, damals ging es noch mit dem Flugzeug. Er will bald ein Studium anfangen und hat inzwischen eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Davon könne sein Bruder nur träumen, sagt er. Dieser kam vor vier Jahren nach Europa, auf dem Weg musste er Schlepper bezahlen, das Mittelmeer in einem Schlauchboot überqueren und zu Fuß die Balkanroute schaffen. 

Doch heute, meint Bahab, habe er noch mehr Angst um ihn. Was, wenn er eines Tages abgeschoben wird wie die 69 Afghanen, die Bundesinnenminister Horst Seehofer an seinem 69. Geburtstag feierte (SPIEGEL ONLINE)? "Ich verstehe die deutsche Migrationspolitik nicht", gesteht Bahab schließlich. 

Bahab (zweiter von rechts) mit seinem Bruder. Er hofft, dass er nicht nach Afghanistan abgeschoben wird.

(Bild: Philip Eichler)

"Ihr feiert euch für eure Menschlichkeit und schickt Menschen in ein Kriegsgebiet?"

Dass der junge Afghane nicht der Einzige mit dieser Frage ist, zeigt sich, als die Seebrücke-Demonstration an der hessischen SPD-Zentrale vorbeikommt. Während zwei Genossinnen in einem Grußwort die Flüchtlingspolitik ihrer Partei verteidigen, demonstrieren die Jusos wenige Meter entfernt mit einem Banner dagegen. Auch Menschen im Publikum schauen skeptisch, Biere werden geöffnet und Zigaretten angezündet. Als die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen ihre Rede vorsorglich mit dem Satz "Ich bin vermutlich ein noch viel größeres Feindbild für euch…" beginnt, gibt es nur peinliche Stille statt Applaus. Die Demonstranten hinterlassen den Sozialdemokraten schließlich einen roten Rettungsring vor der Tür und ziehen weiter. Die Jusos ziehen mit.

Das Dilemma der SPD-Jugend zeigt, in welchem Zwiespalt ein Jahr nach den ersten Großdemonstrationen das ganze Seebrücken-Bündnis steckt: Einerseits sollen sich möglichst viele Organisationen angesprochen fühlen, die Seebrücke soll ein breites Bündnis sein. Andererseits geht es für die beteiligten Hilfsorganisationen darum, die derzeitigen Zustände, die aus ihrer Sicht Politiker fast aller Parteien zu verantworten haben, anzuprangern und zu beenden. Sie wollen retten statt reden.

Deshalb die Blockade. "Während wir hier reden, ertrinken auf dem Mittelmeer vermutlich gerade Menschen", sagt Christiane Jellonnek. Die 34-Jährige ist Teil des Teams, das die Fluss-Blockade geplant hat. Sie trägt schwarze Hose, Adidas-Schuhe, ein graues Oberteil ohne Ärmel und einen blonden Pferdeschwanz. Ihre großen blauen Augen lassen erahnen, wie intensiv die Planung der letzten Tage gewesen sein muss. Die Demonstration war lange angekündigt, die Sperrung des Mains nicht. Nur die direkt Beteiligten wussten Bescheid. 

Als die offizielle Demonstration kurz vor 14 Uhr nahe des Mainufers zu Ende geht, seilen sich vor der Frankfurter Skyline bereits die ersten Aktivisten von der Brücke ab. 

Unten auf dem Wasser spannen ungefähr 50 junge Menschen mit Schwimmwesten in Kanus und Schlauchbooten ein Seil. Während sich die Demonstrierenden am Fluss einfinden, ist der bereits blockiert. Das DLRG schaut vom Ufer aus zu.

Um kurz nach 18 Uhr räumen die Seebrücke-Aktivistinnen und Aktivisten den Main. Die selbst angekündigte Blockade “bis etwas passiert” ist vorbei.

(Bild: Philip Eichler)

"Wir bleiben hier so lange, bis die Stadt Frankfurt mit uns Verhandlungen aufnimmt", schallt es vom Lautsprecherwagen über das Wasser. Die Blockierer haben sich mit Bananen und Saft eingedeckt, von der Wasserschutzpolizei ist fast eine halbe Stunde lang nichts zu sehen. Es scheint so, als könne die Aktion länger dauern. Während auf den Booten weitere Banner ausgerollt und orange Schwimmreifen aufgeblasen werden, sammeln sich am Ufer immer mehr Menschen. 

Das Presseboot, das die Aktivisten extra organisiert haben, kreist um die Brücke. Am Ufer applaudiert spontan eine Schulklasse, Reden werden gehalten, Geflüchtete erzählen von ihren Erfahrungen in Lagern auf den griechischen Inseln. Um 16 Uhr, zwei Stunden nach Beginn der Blockade, hat sich von der Stadt Frankfurt noch niemand gemeldet. Oben auf der Brücke sitzen etwa 200 Menschen in der Nachmittagssonne. 

"Wir wollen zeigen, dass Bewegungsfreiheit nicht für alle gilt", sagt Christiane.

Seit vergangenem Sommer dürfen Geflüchtete mit subsidiärem Schutzstatus, in deren Heimat Krieg herrscht, wieder Angehörige nachholen. Doch der Familiennachzug wurde auf 1000 Personen im Monat beschränkt. Wegen der Obergrenze warten vor allem Menschen aus Syrien oft immer noch auf ihre Angehörigen. Einige von ihnen sind auch auf den Booten.

Um die Lage zu ändern, setzen die Aktivistinnen auf die Hilfe der Städte. Vor Ort, dort wo Deutschkurse gegeben und Geflüchtete als Nachbarn kennengelernt werden, scheint es oft noch Rückhalt für eine andere Flüchtlingspolitik zu geben. Als die "Seawatch 3" vor einigen Wochen tagelang nicht in Italien anlegen durfte, bot der CDU-Oberbürgermeister von Rottenburg am Neckar die Aufnahme der Migranten in seiner Stadt an. Die Initiative war vergeblich, doch auch in anderen Orten wehren sich Unionspolitiker regelmäßig gegen die Asylpolitik der Bundesregierung. 

Doch ausgerechnet in Frankfurt, wo Geld- und Warenströme fließen und Menschen aus aller Welt zusammenkommen, sind weitere Migranten bislang eher unerwünscht. 

Die örtliche CDU begründete ihre Ablehnung der Seebrücken-Forderungen im vergangenen Herbst bereits mit dem Wohnungsmarkt, SPD und Grüne stimmten als Koalitionspartner ebenfalls gegen einen entsprechenden Antrag, obwohl sie eigentlich dafür sind.

Auch während der Blockade meldet sich niemand, um mit den Aktivisten zu verhandeln. Als nach etwas mehr als vier Stunden nichts passiert ist, beschließen die etwa zweihundert Teilnehmenden abzuziehen. Die Kletterer seilen sich auf die Boote ab, die den Main daraufhin wieder freigeben. 

Die Polizei scheint vor allem froh zu sein, dass die Aktion so plötzlich vorbei ist, wie sie begonnen hat. Die Gruppe hat mit den Bildern vom stundenlang besetzten Fluss ein Zeichen gesetzt. Doch ihr wichtigstes Ziel, eine offizielle Reaktion der Stadt Frankfurt, hat sie verpasst. Die Gruppe bricht ihre Blockade ab. 

War das Ziel zu hochgesteckt? Oder reagiert die Politik einfach so, wie sie es aus Sicht vieler Engagierter auch im Mittelmeer macht: Weggucken und warten? Christiane und die anderen Aktivistinnen wirken erschöpft. Wie soll es weitergehen? Christiane atmet tief durch: "Es muss einfach anfangen aufzuhören."


Gerechtigkeit

Lass uns keine Freunde bleiben – warum Nicht-Reden auch eine Option ist
Greta Thunberg, Rezo und Megan Rapinoe haben etwas gemeinsam

Sie will retten, nicht reden. Wenn Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg Ende August mit einer Segel-Jacht emmissionsarm in die USA reist, will sie dort beim Uno-Klimagipfel viele Menschen treffen, nur einen nicht: US-Präsident Donald Trump. "Wenn er nicht bereit ist, der Wissenschaft und Experten zuzuhören, wie soll ich ihn dann überzeugen? Wie soll irgendjemandem von unserer Bewegung das gelingen?", sagte die 16-Jährige im Schweizer Fernsehen auf die Frage, was sie dem Präsidenten sagen würde. (SPIEGEL)

Die "Fridays for Future"-Aktivistin ist nicht die Einzige, die in jüngster Zeit Trump das Gespräch verweigert hat. In El Paso, wo vergangene Woche ein junger weißer US-Amerikaner 22 Menschen erschoss, protestierten bei 40 Grad Celsius zahlreiche Menschen gegen den Beileids-Besuch des US-Präsidenten. Der kam vorsorglich erst gar nicht an die Gedenkstelle mit Blumen und Plakaten sondern umfuhr den Tatort mit seiner Kolonne. 

Im Umgang mit erklärten Rassisten und Frauenfeinden wie Donald Trump ist Nicht-Reden in den USA inzwischen zu einer beliebten Strategie geworden.

Auch das Fußball-Nationalteam der Frauen hatte nach seinem WM-Erfolg wenig Interesse an einem Auftritt mit dem Präsidenten. Stattdessen hielt Kapitänin Megan Rapinoe in New York eine Rede, in der sie für Respekt für Frauen, die Rechte von LGBTQ und den gesellschaftlichen Zusammenhalt warb. "Wir haben eine Verantwortung füreinander!"