Bild: Kai Feldheim

"Ich habe beschlossen zu leben", sagt Yussuf. Er steht am Fenster des Krankenhauszimmers, blickt hinab auf die staubigen Straßen Beiruts. Dünn, fast durchsichtig, spannt die graue Haut über seinen kahlen Schädel. Yussuf sieht aus wie ein greiser Mann, dabei ist er erst 13 Jahre alt. Aus seiner Brust ragt ein Schlauch, der den kleinen mageren Körper mit Chemikalien vollpumpt. Rituximab, Cyclophosphamid, Prednison. Yussuf kennt sie alle beim Namen. "Ich muss Arzt werden und ein Medikament erfinden, damit kein Kind mehr sterben muss, weil es arm ist."

Eigentlich dürfte Yussuf gar nicht mehr leben. Eigentlich hat er sein Todesurteil schon vor zwei Jahren bekommen: diffuses großzelliges B-Lymphom. Lymphdrüsenkrebs. In Deutschland bedeutete das: Diagnose, Chemo und in 70 Prozent der Fälle auch Heilung. Für einen Flüchtlingsjungen im Libanon, für Yussuf heißt das: Sterben.

Eine Krankenversicherung für Flüchtlinge gibt es nicht. Und eine Krebsbehandlung im Libanon kann sich ohne Versicherung niemand leisten. Erst recht kein syrischer Flüchtling.

Dass Yussuf heute noch immer lebt, ist ein Wunder. "Normalerweise kommen Kinder wie Yussuf gar nicht mehr in die Klinik", sagt seine Ärztin.

Im Libanon wurde er zunächst abgewiesen, zurück in Syrien bekam er die falsche Diagnose, die falsche Chemo, zwei Rückfälle, zwei Jahre Krankenhaus. Yussufs Leiden im Zeitraffer.

Und Yussuf wäre längst tot, hätte er Mariam nicht getroffen.

Mariam, eine junge Frau aus Berlin. Eine, die mit natürlichen Todesurteilen so gar nicht einverstanden ist. Eine, die zwar nicht an Wunder glaubt aber daran, dass jedes Kind das Recht haben sollte zu leben. Deshalb hat sie vor fünf Jahren den ersten Verein für Kinderkrebshilfe im Libanon gegründet.

Yussuf und Mariam(Bild: Mariam)

"Das wir einmal diese Verantwortung tragen würden, hätte ich nie im Leben erwartet", erinnert sich die heute 34-Jährige. Sie sitzt vor einem kleinen Café in Kreuzberg, 2700 Kilometer entfernt von Beirut, von Yussuf. Ihre schwarzen Locken, die dunklen Augen, all das erinnert ein bisschen an ihren Papa, der vor 45 Jahren als Student vom Südlibanon nach Deutschland gekommen war. Mariam geht den umgekehrten Weg.

Als sie 2012 den Verein "Akuthilfe für Kinder und Jugendliche im Libanon" gründet, geht es für sie um einen Einzelfall und darum, ein Band zu knüpfen zur Heimat ihres Vaters.

(Bild: Mariam)

Dass der Konflikt im benachbarten Syrien zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen des 21. Jahrhunderts ausarten würde, war damals nicht abzusehen. Nicht, dass fünf Jahre später über 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Land leben würden. Nicht, dass das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das UNHCR, kurz davor sein würde, unter der Verantwortung zu kollabieren.

"Es ist doch abstrus: Unser kleiner Verein soll eine Aufgabe stemmen, die nicht mal große Hilfsorganisationen leisten können", sagt Mariam. Sie hat deshalb einen zweiten Verein im Libanon gegründet: Karma.

Es ist die einzige Organisation, die krebskranken Flüchtlingskindern im Libanon hilft. Selbst Ärzte ohne Grenzen und das überforderte UNHCR überstellen ihnen ihre kranken Patienten, weil sie sich nicht zuständig fühlen oder das Geld fehlt. 18 Ehrenamtliche – für alle krebskranken Kinder im Libanon.

(Bild: Mariam)

Mariam will es sich nicht anmerken lassen, doch sie fühlt sich allein gelassen mit einer viel zu großen Aufgabe: Das Geld wird weniger, die Notfälle immer mehr.

32 sind es im Moment.
Die Behandlungskosten lassen sich nie planen
Mariam

"Wenn das so weiter geht, dann werden wir an einen Punkt kommen, an dem wir Kinder abweisen müssen." Abweisen, aufgeben, das Todesurteil Krebs stillschweigend akzeptieren ohne wenigstens gekämpft zu haben.

Denn Kinderkrebshilfe hat nicht gerade die Pole-Position inne im Wettlauf um die Spendengelder. Spender wollen: Ein bisschen Welt retten und zwar so effizient und schnell wie möglich, am besten mit zehn Euro im Monat. Dabei sind Spenden für krebskranke Kinder ungefähr so sexy wie die Chemo selbst. "Die Behandlungskosten lassen sich nie planen“, sagt Mariam. "Mal sind es 10.000, mal sind es 20.000 Dollar und manchmal stirbt das Kind trotzdem."

In Yussuf haben sie inzwischen 32.000 Dollar gepumpt – bis zur vollständigen Heilung werden es mehr als 100.000 sein.
(Bild: Kai Feldheim )

Geld, mit dem sich andere einen Sportwagen oder eine Segelyacht kaufen. Mit dem man ganzen Dörfern helfen könnte – das ist ein Vorwurf, den Mariam oft zu hören bekommt. "Das Schlimmste, was wir machen können, ist, mit dem Massenelend das Leid des einzelnen zu rechtfertigen", antwortet Mariam dann immer. Yussufs Leid.

"Mein größter Traum ist es zu reisen", sagt Yussuf. Er sagt das so sachlich und ernst, als würde er eine Rechenaufgabe lösen. "Ganz einfach: Wenn ich eine realistische Chance haben will zu überleben, muss ich weg aus dem Libanon", erklärt er. Was Yussuf braucht: eine Knochenmarktransplantation. Was es im Libanon nicht gibt: eine Spenderkartei mit passenden Spendern und Geld, 90.000 Dollar um genau zu sein. In Europa gibt es beides.

Was erleben Menschen auf ihrer Flucht? Wie kommen sie in der neuen Heimat zu Recht? Unsere besten Geschichten im Slider:
1/12
Es sind schon drei Kinder gestorben, die auf der Warteliste standen und es nicht rechtzeitig geschafft haben.
Mariam

Deshalb hat Yussufs Mutter beim UNHCR einen Antrag auf Resettlement wegen medizinischer Versorgung gestellt. Der Antrag liegt seit eineinhalb Jahren in irgendeinem Aktenstapel in der französischen Botschaft. Noch immer warten sie, in der illusorischen Hoffnung, dass doch etwas passiert.

Wenn Angela Merkel, François Hollande und Co. Pläne vorstellen, um das Flüchtlingsproblem mit Resettlement-Programmen zu lösen, klingt das für sie wie Hohn, denn von 1,5 Millionen im Libanon lebenden Flüchtlingen wurden seit 2011 15.000 Menschen in die Europäische Union umgesiedelt. 1 Prozent! So ein Resettlement ist wie ein Sechser in der Flüchtlingslotterie. Sehr, sehr selten.

(Bild: Mariam)

"In zwei Fällen haben wir es tatsächlich geschafft, dass Kinder umgesiedelt wurden", erinnert sich Mariam, "aber in beiden Fällen war die Behandlung zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen". Eine zähe Bürokratie und jahrelanges Warten sind die Norm. Zeit, die sich der Krebs nicht nimmt. "Es sind schon drei Kinder gestorben, die auf der Warteliste standen und es nicht rechtzeitig geschafft haben."

Und auch Yussufs Zeit läuft langsam ab.

Mariam ist gerade wieder in den Libanon gereist. Auch um Yussuf zu besuchen. Sie sitzt dann immer an der Kante seines Bettes und sie reden. Über das Leben – und den Tod. "Ich bin froh Mariam als Freundin zu haben, mit der ich über alles sprechen kann", erzählt Yussuf. Dann, wenn ihn die grinsenden bunten Fische an der babyblauen Krankenhauswand wieder herausfordernd anglotzen. Dann, wenn ihn die Wut zu zerreißen droht.

Mariam nimmt seinen Arm, fährt mit der Hand über den kahlen Hinterkopf. Mit einem blauen Kuli zeichnet sie ein kleines Peace-Zeichen auf die papierartige graue Haut. Als Stinkefinger für den verdammten Krebs.

(Bild: Kai Feldheim )

"Es ist meine Schuld", sagt Yussuf traurig, als müsse er vor Gericht ein Geständnis ablegen. "Ich will meine Mutter nicht mehr heulen sehen. Mein Vater kann sich die Granatsplitter nicht aus dem Kopf operieren lassen, weil meine Behandlung das Geld auffrisst. Meine Brüder, 16 und 14, müssen auf der Baustelle arbeiten, damit ich atme, hier liege, nichts tue", sagt er verbittert. "Und was ist, wenn ich wirklich sterbe? War dann alles umsonst?

Hier erfährst du mehr über Mariams Projekt Karma und kannst dafür spenden.

Bartholomäus von Laffert auf Twitter: @bartvola


Einfach mal machen? Diese Flüchtlingshelfer berichten, wie sie die Zeit am Hamburger Hauptbahnhof erlebt und die Erfahrungen sie verändert haben:
"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof.
Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt.
Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.
Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof.
Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte.
Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.
Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen."
"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich.
Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar.
Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.
Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.
Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann.
Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.
Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt.
Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem."
"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern.
Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar.
Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt.
Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern.
Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich.
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.
Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln.
Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen.
Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."
"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe.
An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.
Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen.
Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!'
Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.
Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert.
Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."
"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark.
Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch.
Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.
Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet.
In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich.
Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.
In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann.
Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.
Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht.
Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."
1/12

Today

Dieses Video ist in Deutschland ab sofort verfügbar – YouTube und Gema einigen sich

Dieses Bild soll ab sofort Teil der Internetgeschichte sein: