Bild: UNHCR
Ein Gespräch über den Beitrag, den Privatfirmen in der Migration leisten können – und über die Gefahren.

Weltweit sind mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Nur ein Bruchteil ist laut UNHCR asylsuchend und kommt bis nach Europa. Die meisten sind Migrantinnen und Migranten, die entweder innerhalb ihres Heimatlandes vor Verfolgung oder Hunger fliehen – oder in Nachbarländer geflohen sind. 

Das Umherziehen in Hoffnung auf eine Perspektive nennen Expertinnen den "Migrationszirkel". Die Frage ist, wie den Millionen Menschen in diesem Zirkel geholfen werden kann, sich eine Zukunft aufzubauen. 

Firmen sollen jetzt helfen, die Flüchtlingskrise zu lösen

Große Akteure wie die UNHCR, die Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen, vertrauen längst nicht mehr nur auf Regierungen. In Zeiten, in denen immer mehr Populisten an der Macht sind, wird Hilfe für Schutzsuchende gekappt. US-Präsident Donald Trump hat Anfang des Jahres angekündigt, Entwicklungshilfegelder um ein Fünftel zu kürzen (Reuters). Gleichzeitig senkt er auch die Aufnahmequote für Geflüchtete drastisch: Statt wie noch vor zwei Jahren 110.000, sollen dieses Jahr nur noch 18.000 Schutzsuchende aufgenommen werden (Vox). 

Die Privatwirtschaft hingegen scheint ihr Engagement zu steigern. Ob große Mode- und Möbelketten oder Mobilfunkanbieter, viele Firmen engagieren sich zunehmend für Menschen auf der Flucht. Auf einer Geberkonferenz Ende vergangenen Jahres kamen so umgerechnet knapp 230 Millionen Euro zusammen (UNHCR). 

Was versprechen die Firmen sich davon – billige Arbeitskräfte und Woke Washing? Oder ist ihr Engagement eine echte Chance für Schutzsuchende? Und welche Rolle spielen dann noch NGOs und Regierungen? Das fragen wir Amanda Bisong. 

bento: Amanda, internationale Firmen fangen an, eine größere Rolle für Menschen auf der Flucht zu spielen. Woher kommt das Interesse?

Amanda Bisong: Es gab auch schon vor zehn Jahren Firmen, die sich für Migranten und Menschen auf der Flucht einsetzten. Aber klar, je mehr Menschen auf der Flucht sind oder sich in Migrationskreisläufen durch verschiedene Länder bewegen, desto dringender brauchen wir Lösungen für sie. Was jetzt also passiert, ist dass Unternehmen begreifen, dass sie eine Schlüsselrolle spielen können. 

bento: Und zwar?

Amanda: Die meisten Menschen fliehen vor Kriegen, unterdrückenden Regimen oder Hungersnöten und wollen sich woanders ein neues Leben aufbauen. Da geht es dann um ökonomische Fragen: einen sicheren Job, eine Chance, schlicht um ein Auskommen.

„Firmen erkennen, dass sie jungen Menschen auf der Flucht da Perspektiven bieten können und selbst davon profitieren.“

Zum Beispiel wenn sie junge Kreative fördern oder beim Aufbau eines Start-ups helfen.

bento: Durch die Coronakrise ist die globale Welt jedoch gerade im Stillstand – eine Wirtschaftskrise könnte folgen. Sind Firmen als Partner zuverlässig und übernehmen die Verantwortung auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?

Amanda: Die Hilfsprogramme für Menschen auf der Flucht werden aktuell weniger durch Unternehmen bedroht als durch Regierungen. Im Zuge der Coronakrise sind gerade viele Länder an der eigenen Sicherheit und Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger interessiert. 

Aber es gibt positive Ausnahmen: Portugal hat gerade allen Asylsuchenden im Land einen Aufenthaltsstatus gegeben, damit sie Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Ich könnte mir vorstellen, dass Regierungen nun auch Unternehmen fördern, die migrantische Arbeiter beschäftigen. 

Denn das ist es ja, was Firmen leisten können: Menschen Chancen geben, die auf der Flucht sind.

bento: Gibt es ein Beispiel, bei dem das Ineinandergreifen von Staaten und Privatunternehmen gut gelingt? 

Amanda: Die EU hat ein Handelsabkommen mit dem Libanon und Jordanien geschlossen, von denen Geflohene in den Ländern nun profitieren. In beiden Ländern leben viele Menschen in Flüchtlingslagern, oft ohne große Perspektive. Nun werden sie von großen Firmen vor Ort Arbeitskräfte angestellt und das, was sie produzieren wird bevorzugt in den Handel gebracht. 

Was wir dort sehen, ist ein Blick auf Migration, der sich verschiebt: Sie wird nicht mehr nur negativ gesehen, sondern als wirtschaftlicher Faktor. 

bento: Besteht da nicht die Gefahr, dass Migrantinnen und Migranten ausgebeutet werden?

Amanda: Es geht ja nicht um billige Arbeitskräfte, es geht um kreative junge Menschen, die sich eine Zukunft aufbauen wollen. Die sind dankbar, dass sie nicht im Migrationskreislauf gefangen bleiben – sondern die Chance bekommen, zu arbeiten.

bento: Fürchtest du, dass Firmen mit ihrem Engagement "woke washing" betreiben, wenn sie sich für die Belange von Migranten einsetzen – also ein paar hübsche Bilder für die Geschäftsberichte produzieren?

Amanda: Ich sehe bei vielen Firmen, dass die sich ehrlich engagieren. Ein Modegigant zum Beispiel hat Ende vergangenen Jahres eine Vereinbarung mit der Migrationsorganisation IOM unterzeichnet. Die Modekette verpflichtet sich, migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter in ihre Produktion einzubinden – und das nach geltenden ethischen Standards. So soll Ausbeutung verhindert werden. 

Firmen können auch gar nicht mehr anders: 

„Wir leben in einer Zeit, in der Verbraucherinnen und Verbraucher von Firmen verlangen, Verantwortung zu übernehmen.“

Sie müssen sich an gewissen Standards messen.

Ich sage damit nicht, dass es keine Firmen gibt, die rücksichtslos handeln. Aber ich sage, dass es eine Lernkurve gibt. 

bento: Du bist oft mit Menschen in Flüchtlingslagern in Kontakt. Was sagen die eigentlich dazu, woher welche Art der Hilfe kommt? 

Amanda: Menschen auf der Flucht sind keine homogene Gruppe. Aber was sie eint, ist, dass sie alles verloren oder aufgegeben haben, um weiterzukommen. Sie brauchen neues Selbstvertrauen und hoffen darauf, sich wieder selbst versorgen zu können. 

Jede Form der Hilfe, die Schutzsuchenden ermöglicht, wieder auf die Beine zu kommen, ist daher wertvoll. 

bento: Wie meinst du das?

Amanda: Es sind gerade vor allem Migranten, die viele Länder am Laufen halten. Sie arbeiten im Gesundheitswessen und bei Lieferfirmen, sie sitzen im Supermarkt an der Kasse oder holen unseren Müll ab. 

„Migranten sind keine Belastung für die Wirtschaft – sondern der Grund, dass wir diesen Lockdown überleben können.“

Ich hoffe, dass das gerade viele realisieren und sich der Blick auf Migranten und ihren Beitrag für ihre Aufnahmeländer verändert. 


Fühlen

Mein Haus, mein Brot, mein Workout: Muss ich mich jetzt selbst optimieren?
Wie wir die Coronakrise am besten durchstehen, ohne uns zusätzlich zu stressen

Ich liege auf meinem Bett, starre an die Decke und gehe im Kopf alles durch, was ich an diesem Tag tun wollte: Unterlagen sortieren, laufen gehen, einen Brief schreiben, ein Curry kochen, einen kleinen Stoffhasen nähen und irgendetwas, wofür ich die Yogamatte brauche, die hinter meinem Regal verstaubt. Ich bin genervt. Ich fühle mich gestresst. Ich gehe in die Küche und esse Kekse.

Währenddessen auf Instagram: selbstgebackenes Brot und "Quarantäne-Fitness"

Eigentlich habe ich meine Social-Media-Feeds bestmöglich von Inhalten befreit, die mich zu oft dazu brachten, mich selbst mit anderen zu vergleichen. Nun aber, da das analoge Leben stark eingeschränkt ist, sehe ich im Digitalen, wie andere mit ihrer freien Zeit zu Hause umgehen. 

Die Selbstisolation oder Quarantäne ist dabei offenbar der perfekte Nährboden für den Wunsch nach Selbstoptimierung: Auf Instagram teilen die Menschen ausgefeilte Morgenroutinen, Yogasessions, Fitnesskalender und Sprachkurse, renovierte Schlafzimmer und aufgeräumte Schubladen, selbstgebackenes Brot und Drei-Gänge-Menüs jeden Abend.