Jeden Tag verbringt sie am Hamburger Hauptbahnhof, seit zwei Monaten schon. Dort nimmt Emma Louise Meyer, 23, Menschen in Empfang, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Anfangs halfen viele Menschen mit, doch in den vergangenen Tage kamen immer weniger. Teilweise mussten sich zwei Helfer um 500 ankommende Flüchtlinge kümmern.

Am Dienstag hat Emma deswegen spontan ein Video aufgenommen, in dem sie um Hilfe ruft. Das Video hat sie bei YouTube hochgeladen, fast 100.000-mal wurde es bislang geklickt. Wir haben über das Video berichtet, und rund ein Dutzend weitere Medien auch, darunter "Zeit Online" und n-tv. Emma hat durch dieses Video mehr als 150 neue Helfer akquiriert, das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: Emma wird seitdem im Internet extrem angefeindet.

Musst du jetzt noch mal um Hilfe rufen?

Nicht um meiner Person Willen. Sondern eher: Hilfe, was läuft in unserer Gesellschaft schief?

Der Account "Nationale Volksarmee" hat zum Beispiel auf YouTube kommentiert: "Ich lache über euch dumme Gutmenschen, du wirst so oder so versagen und deine Hilfe wird nichts mehr bringen. Wir stehen im Kulturkrieg, Bürger an die Waffen!! Die Gutmenschen werd bald am Ende sein und der Rest von Merke & Co auch." Was denkst du, wenn du das liest?

Solche Kommentare stammen aus einer ganz anderen Welt. Ich kann sie deswegen nicht ernst nehmen. Auch wenn mir jemand schreibt: "Dummes, verbildetes Weib. Du musst nicht den Immigranten helfen, sondern Du sollst einen Deutschen Mann heiraten und für Haus, Hof und Familie sorgen. Das ist Deine Aufgabe im Leben“, dann denke ich eher: Krass, es gibt tatsächlich noch Menschen, die so denken?

Trotzdem habe ich viele Kommentare gesammelt und will daraus einen Text für einen Poetry Slam schreiben. Denn viele Kommentare sind - trotz ihrer Unangemessenheit - extrem kreativ, das zeigt, wie viel Energie die Menschen darauf verwenden.

Emma Louise Meyer, 23, studiert Kunst und Germanistik in Greifswald. Wenn sie nicht am Hamburger Hauptbahnhof hilft, dann spielt sie Theater. Oder schreibt einen Text für den nächsten Poetry Slam. (Bild: Emma Louise Meyer)

Machen dir die Kommentare Angst?

Die Kommentare sind zu unsachlich, um mir Angst zu machen. Angst macht es mir eher, wenn intelligente Menschen gegen Flüchtlinge hetzen. Dann frage ich mich: Wie kann man so doof sein und gleichzeitig so schlau? Intelligenz und Menschlichkeit gehören für mich zusammen. Dazu gehört auch, dass man Flüchtlinge aufnimmt, die in Gefahr sind.

Bereust du das Video?

Auf keinen Fall! Es hat uns unglaublich viel gebracht. Inzwischen haben wir sogar schon zu viele Helfer, die rennen uns die Tür ein. An unserem Helfertisch am Hauptbahnhof müssen wir einen Posten einrichten, der sich nur um die Freiwilligen kümmert. Deswegen überlege ich auch, das Video aus dem Netz zu nehmen. Wir müssen uns erst mal sortieren, kennenlernen und aufeinander einspielen.

Du sagst, dass du am Bahnhof gemeinsam mit den anderen Helfen eine besondere Energie spürst. "Es ist wie eine Bewegung, die nicht steuerbar ist“, sagtest du bei deinem ersten Interview. Gleichzeitig erfährst du im Netz so viel Hass. Wie passt das zusammen?

Das passt gar nicht in ein Bild. Im Internet überwiegt die negative Resonanz, außerhalb des Internets bei weitem die positive. In Deutschland brodelt die Energie. Man merkt, dass bald etwas passieren wird. Wir sind sehr enthusiastisch - die Rechten aber auch. Es ist sehr viel Energie im Umlauf, das nimmt vielen die Gelassenheit. So merke ich zum ersten Mal, dass Enthusiasmus auch problematisch sein kann.

Merkst Du das auch bei dir selbst?

Einerseits bin ich natürlich vom Helfersyndrom angesteckt und sehr enthusiastisch. Gleichzeitig sage ich auch, wenn ich erschöpft bin: Ich kann jetzt nicht mehr, ich muss schlafen. Und wenn es am Bahnhof Streit gibt, höre ich mir sehr nüchtern beide Parteien an. Deswegen bleibe ich auch bei den Kommentaren so gelassen. Ansonsten würde ich nur noch mehr provozieren.

Wie bekommen wir wieder mehr Gelassenheit in die Debatte?

Wir müssen bei den Kindern anfangen: An den Schulen im ganz Deutschland, auch in Dresden, sollten wir Flüchtlinge integrieren. Dann lernen die Kinder, dass die vielen Vorurteile nicht stimmen. Sie lernen, Dinge zu hinterfragen. Ich glaube, das wird dauern. Und ich bin mir nicht sicher, ob alles gut wird. Aber wir Freiwilligen und Kinder werden einiges reißen.