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"Wir schaffen das." Mit diesem Satz meint Angela Merkel wohl alle Deutschen. Einige haben mehr geschafft als andere: Als im September und Oktober täglich bis zu 2500 Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof ankamen, warteten dort mehr als hundert, meist junge Menschen auf sie.

Die Helfer empfingen die geflüchteten Menschen, übersetzten ins Deutsche, kauften ihnen Essen, suchten Schlafplätze – oft bis zur eigenen Erschöpfung, so haben sie es uns damals berichtet.

Jetzt, rund ein Jahr später, haben wir sechs von ihnen erneut getroffen: Sie haben uns erzählt, wie sie mittlerweile über die Flüchtlingskrise denken, was sie sich wünschen – und wie die Zeit am Hauptbahnhof sie verändert hat.

Jalo

Es war wie im Rausch.
Jalo

"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof. Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt. Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.

Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof. Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte. Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.

“Mein Vater ist in Auschwitz geboren und hat dort seine Familie verloren. Wir sind Sinti.
Das Thema Flucht ist Teil meiner Geschichte. Für mich ist die Hilfe hier eine Herzensangelegenheit.
Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Reza, einem zwölfjährigen Afghanen, der aus dem Iran hierher geflohen ist.
Er war mit seinem besten Freund auf der Flucht, aber den hat er auf dem Weg verloren.
Ich habe ihn durchs Dolmetschen kennengelernt. Ursprünglich wollte er in die Schweiz, aber das ist fast unmöglich.
Ich bin schnell zu seiner Bezugsperson geworden. Inzwischen habe ich die Vormundschaft für ihn beantragt.
Bis jetzt hat Reza zwei Nächte bei mir geschlafen, um sich zu erholen. Sonst wohnt er in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Hamburg habe ich ihm schon gezeigt. Ich habe ihm gesagt, es sei seine neue Heimat.”
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Wir sind bereit.
Jalo

Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen. Vor einem Jahr waren wir naiv und haben improvisiert. Aber die Politik hat uns zu Profis gemacht. Jetzt bekämen wir innerhalb von zwei Tagen genügend Helfer zusammen. Wir sind bereit."

Waled

"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich. Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen. Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar. Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.

Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.

“Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien – genau wie ich. Sie sind wie eine Familie für mich.
Als ich nach Deutschland kam, ging es mir genauso wie ihnen jetzt.
Ursprünglich stamme ich aus Syrien. Später habe ich mit meiner Familie sieben Jahre in Libyen gelebt.
Von dort sind wir vor dem Bürgerkrieg geflohen.
Meine Aufgabe hier ist es, die Leute abzuholen und für andere Helfer zu übersetzen.
Sobald ein Zug kommt, renne ich zum Gleis und begleite die Flüchtlinge zu unserem Sammelpunkt in der Bahnhofshalle.
Vom deutschen Staat wünsche ich mir, dass die Flüchtlinge nicht im Zelt schlafen müssen.
Wir haben hier viele Familien mit kleinen Kindern, die können im Winter nicht in einem Zelt übernachten.
Schon ein paar Wohnwagen wären toll. Jeden Tag bin ich rund 15 Stunden am Bahnhof.
Am Wochenende schlafe ich sogar hier – entweder im Schauspielhaus oder in einer Moschee gleich um die Ecke.
Helfen ist besser als Nichtstun.”
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Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann. Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.

Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt. Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem.

Am meisten Sorgen bereitet mir die Sprache: Ich habe ein bisschen Angst, dass ich einen Patienten nicht verstehe. Deswegen mache ich jetzt erst das FSJ, lerne noch besser Deutsch – und versuche dann einen Ausbildungsplatz als Krankenpfleger zu bekommen."

Mina

Ibrahim und ich sind seit neun Monaten ein Paar.

"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern. Nach dem Abi möchte ich in einem Entwicklungsland Englisch unterrichten.

Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar. Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass Syrer oft ohne Besteck essen, weil sie Gemüse und Reis einfach zwischen das Brot klemmen.

“Bevor ich zum ersten Mal am Hauptbahnhof mitgeholfen habe, hatte ich keine Ahnung, was diese Menschen durchgemacht haben.
Die Nachrichten sind voll von Flüchtlingen, und trotzdem weiß man nichts.
Seit zwei Wochen komme ich fast jeden Tag hierher. Morgens Schule, nachmittags und abends helfen.
Wir erleben viele besondere Momente. Einmal sollte ich zwei syrische Familien zu ihrer Unterkunft bringen.
Sie saßen draußen vor dem Hauptbahnhof, es war eisig kalt.
Man hat Verzweiflung in ihren Gesichtern gesehen, Müdigkeit – und dass sie einfach nicht mehr konnten.
Ich bin mit ihnen zu einem Pfadfinder-Heim gefahren.
Als wir dort ankamen und sie bemerkt haben, dass es eine Dusche gibt, eine Toilette, eine Küche mit Essen...
...und mehrere Schlafräume – da war die Verzweiflung weg. Sie haben gelacht. Das hat auch mich glücklich gemacht.
Es gibt viele Leute, die uns Helfer ansprechen und fragen, warum wir das machen. Das macht mich aggressiv.
Ich versuche dann immer, die Situation zu erklären. Wie gut wir es haben, und wie scheiße es denen geht.
Und dass diese Menschen doch auch nur eine Chance haben wollen. So wie wir.”
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Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt.

Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern. Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.

Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln. Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen. Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."

Ibrahim

An den Gleisen habe ich Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.

"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe. Oft haben mich die Menschen nicht verstanden, aber ich habe einfach immer weiter gelabert.

An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar. Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen. Ich glaube, ich bin wirklich auf einem guten Weg.

“Mit dem Flugzeug über Beirut nach Barcelona, dann mit dem Auto nach Dortmund und Hamburg.
So bin ich aus meiner Heimatstadt Lettakia in Syrien nach Deutschland gekommen.
Für mich war das der einzige Weg nach Europa.
Vor zehn Monaten habe ich mein Abitur in Syrien gemacht und habe beschlossen wegzugehen.
Durch den Krieg kann ich dort nicht studieren.
Mein Traum ist es, hier Journalist zu werden und Filmkritiken zu schreiben.
Aber erst muss ich noch besser Deutsch lernen – irgendwann werde ich die Sprache perfekt sprechen.
Immer wenn ich im Bus oder in der Bahn bin, spreche ich einfach mit Leuten.
Viele Flüchtlinge hier haben kein Geld und können kein Englisch. Denen möchte ich helfen.
Einmal habe ich zwei Mädchen dabei geholfen, Geld für die Busfahrt nach Österreich zu sammeln.
Nach zwei oder drei Stunden hatte ich es zusammen, und sie konnten zu ihren Familien. Ich war genau wie die.”
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Das macht mich stolz.

Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!' Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.

Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert. Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."

Rona

Wir fingen an zu weinen. Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen.

"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark. Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch. Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.

Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet. In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich. Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.

“Wenn ich hier helfe, werde ich überhaupt nicht müde.
In den vergangenen drei Tagen habe ich jeweils nur ein bis zwei Stunden in meinem Auto geschlafen.
Ein Hotel zu nehmen, lohnt sich nicht. Als ich dann einmal nach Hause gefahren bin, habe ich 24 Stunden am Stück geschlafen.
Es ist total verrückt. Normalerweise brauche ich neun oder zehn Stunden Schlaf pro Tag.
Ich bin seit zwei Wochen in Deutschland.
Eigentlich bin ich mit sieben Bekannten hergekommen, aber die sind schon längst wieder zurück nach Dänemark.
Ich bleibe noch. Weil ich Afghanisch spreche, arbeite ich hier vor allem als Übersetzerin.
Viele, die hier ankommen, haben Angst. Vor allem Mütter mit kleinen Kindern. Sie weinen oft, das überträgt sich auf die Kinder.
Ich versuche dann, Witze zu machen, und schenke ihnen Luftballons aus Einweghandschuhen: Das bringt sie zum Lachen.”
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Als ich zu Hause in Aarhus ankam, hatte ich wochenlang praktisch nicht geschlafen. Ich duschte, legte mich ins Bett. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht. Also bin ich weiter gefahren und habe Flüchtlingen geholfen – in Kopenhagen, Griechenland und der Türkei.

Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein.

In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann. Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.

Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht. Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."

Elif

Immer noch hängt fast alles an ehrenamtlichen Helfern.

"Nach meiner Zeit am Hauptbahnhof habe ich mich zur Sozialberaterin für Flüchtlinge und Migranten umschulen lassen. Die Prüfung habe ich schon bestanden, der unbefristete Vertrag ist unterschrieben.

Es ist Wahnsinn, dass das geklappt hat, ich freue mich total. Meine Kollegen sind gebildet. Ich habe zwar nur die Hauptschule abgeschlossen, aber ich setze mich persönlich für Flüchtlinge ein und habe deshalb ein großes Fachwissen. Ich kenne den Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten, habe Türkisch und Arabisch gelernt. Wenn ich nicht jeden Tag Flüchtlingen geholfen hätte, würde ich diesen Job nicht haben.

“Meine ganze Freizeit verbringe ich hier am Bahnhof, um zu helfen.
Manchmal komme ich schon morgens um 5 Uhr vor der Arbeit hierher. Bald habe ich vier Tage frei.
Da werde ich rund um die Uhr hier sein, um die Schlafplätze zu koordinieren.
Mein Glaube bringt mich dazu, hier zu helfen. Ich bin Muslima und im Islam sind alle Menschen gleich gestellt.
Egal, wo sie herkommen. Ich kann nicht zu Hause sitzen, wenn ich weiß, dass ich hier gebraucht werde.
Viele Menschen beschweren sich, dass Flüchtlinge iPhones und Nike-Schuhe haben.
Aber wer sagt, dass Kriegsflüchtlinge arme Menschen sind? Ich habe schon Ärzten geholfen, Anwälten und Doktoren.
Vor kurzem war ein drei Wochen alter Säugling hier, der in Deutschland das erste Mal warme Milch bekommen hat.
Wer offen ist und nachfragt, sieht, wie es hier wirklich ist.
Aber ich darf das alles nicht zu nah an mich heranlassen. Ich muss funktionieren – wie eine Maschine.”
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Ohne uns Helfer hätte es mehr Tote gegeben.

Trotzdem fehlt mir die Initiative der Behörden. Immer noch hängt fast alles an ehrenamtlichen Helfern.

'Wir schaffen das' klingt gut. Aber wie? Darüber hat sich Angela Merkel nicht genug Gedanken gemacht. Wir müssen zum Beispiel Flüchtlingspaten für ihren Aufwand entschädigen.

Eine Situation am Hauptbahnhof verfolgt mich bis heute. Eine Frau hatte auf der Flucht schon an der österreichischen Grenze ihr Fruchtwasser verloren. Als sie bei uns am Hamburger Hauptbahnhof ankam, war ihr Kind bereits tot. Ich konnte es ihr nicht sagen. Das hat dann der Rettungssanitäter getan."

Wir berichten viel über die Flüchtlingskrise. Diese vier Artikel helfen zu verstehen, was gerade passiert:


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Unbekannte haben in Dresden drei Polizeiautos angezündet. Die Fahrzeuge standen auf einem Parkplatz im Stadtteil Albertstadt, laut Polizei können alle drei nicht mehr benutzt werden. Der Sachschaden betrage mehrere Zehntausend Euro.

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