Bild: Malte Eckert
Wir haben in der Flüchtlingsunterkunft in Ostfildern nachgefragt.

Steigt durch Flüchtlinge die Kriminalität in Deutschland, und müssen wir deshalb Angst haben? In einer Spezialausgabe von Maybrit Illners Talkshow diskutierten am Donnerstagabend 13 Gäste über den "Streitpunkt Flüchtlinge".

Dabei ging es auch um Ostfildern, eine Stadt in Baden-Württemberg. In einem Neubaugebiet, in dem viele Familien wohnen, leben seit November vorübergehend in einem alten Kindergarten Flüchtlinge, die sogenannte Blumenhalle. Ganz in der Nähe soll nun bald eine neue, dauerhafte Unterkunft gebaut werden.

Manchen Anwohnern bereitet das Sorge: In der Notunterkunft war es zu "gewalttätigen Auseinandersetzungen" gekommen, einige fürchten, "dass die Probleme aus der bisherigen Unterkunft nun mitten ins Familienwohngebiet getragen werden", sagte die Moderation eines kurzen Einspieler-Videos während der Talkshow.

Bei Maybrit Illner zu Gast war Christian Snurawa, Familienvater aus Ostfildern. Er berichtete von Messerstechereien und Schlägereien in der aktuellen Notunterkunft, sagte, dass er Angst um seine beiden Kinder habe – und bemängelte, dass es kein Integrationskonzept für die Flüchtlinge gebe.

Wir haben vor Ort nachgefragt: Wie ist die Situation in der Notunterkunft? Müssen die Bürger Angst haben?

Malte Eckert, 31, und Marcela Ulloa, 45, engagieren sich im Verein "Freundeskreis Asyl Ostfildern" und koordinieren die Arbeit der Ehrenamtlichen in der Blumenhalle. Sie sind verärgert, dass sie als Betreuer der Unterkunft in der Talkshow gar nicht zu Wort kamen.

Bei Maybrit Illner gestern Abend ging es vor allem um Übergriffe und Polizeieinsätze in der momentanen Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Scharnhauser Park in Ostfildern. Was ist dort passiert?

Malte: Aktuell leben 150 Männer aus 17 Nationen in der Blumenhalle. Einige von ihnen wohnen in kleineren Zimmern, viele schlafen aber in Hochbetten in der ehemaligen Sporthalle. Privatsphäre gibt es da nicht. Es kam schnell zu Reibereien: Handys wurden geklaut, es gab Rangeleien, irgendwann kam zum ersten Mal die Polizei. Am 4. Januar gipfelte das in einer Massenschlägerei zwischen mehreren Nationalitäten, am Ende wurde auch jemand wegen versuchten Totschlags in Untersuchungshaft genommen. Es gab einen großen Polizeieinsatz, den haben die Anwohner natürlich mitbekommen.

Das sagt die Polizei

Das Polizeipräsidium Reutlingen bestätigt, dass es in der Asylunterkunft Blumenhalle "vereinzelt" Einsätze gegeben habe, nennenswert sei insbesondere die Auseinandersetzung im Januar. "Insgesamt ist die Flüchtlingsunterkunft aus polizeilicher Sicht eher unauffällig", sagte Björn Reusch, Mitarbeiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit. Allgemein lasse sich für den Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Reutlingen festhalten, dass sich die von Flüchtlingen begangenen Straftaten überwiegend in oder an den Unterkünften ereignen und nur sehr selten außerhalb. Überwiegend handele es sich um Körperverletzungsdelikte unter den Bewohnern.

Wie habt ihr darauf reagiert?

Malte: Wir merkten schnell, dass immer die Gleichen für die Ausschreitungen verantwortlich waren. Wir sprachen mit dem Landratsamt und mit der Stadt und baten darum, einige Personen anderswo unterzubringen. Lange passierte nichts. Der "Freundeskreis Asyl" versuchte, auf die anderen Instanzen einzuwirken, zusammen haben wir dann eine Lösung gefunden.

Marcela: Inzwischen wohnen einige der Männer nicht mehr bei uns, sondern in einer speziellen Unterkunft, in der sie intensiver betreut werden.

Malte: Nach dem Einsatz am 4. Januar überlegten wir auch, was wir selbst ändern können. Wir entwickelten ein Patensystem, um eine intensivere Betreuung zu gewährleisten: Pro Zimmer gibt es jetzt zwei Ansprechpartner, an die sich die Bewohner bei Problemen wenden können. Oft führen kleine Missverständnisse zu Konflikten, Gespräche sind da die beste Lösung.

Marcela: Außerdem gibt es Gruppen zu einzelnen Themenbereichen wie Sport, Theater, Musik oder Arbeitsintegration. Man sieht also, wir arbeiten mit einem klaren Integrationskonzept.

Marcela Ulloa, 45, und Malte Eckert, 31, koordinieren die Arbeit der Ehrenamtlichen in der Blumenhalle.(Bild: Francis Mougel)
Wie ist die Situation heute?

Marcela: Die Situation ist entspannt, die Polizei musste nur noch zweimal wegen Kleinigkeiten kommen: Einmal gerieten zwei befreundete Bewohner aneinander, einmal gab es Streit um einen Kühlschrank. Natürlich ist nicht alles perfekt, uns sind die Probleme bewusst, aber wir arbeiten an ihnen.

Malte: Für uns ist es normal, Konflikte im Dialog zu lösen, für viele andere Kulturen nicht. Mittlerweile verstehen die Männer, dass man miteinander sprechen kann.

Marcela: Sie bemühen sich wirklich um ein friedliches Miteinander.

Trotzdem haben manche Anwohner Angst.

Malte: Es ist verständlich, dass Menschen gewisse Ängste haben, aber ich würde mir wünschen, dass sie den Schritt machen und in Kontakt mit den Flüchtlingen kommen.

Marcela: Viele der Ehrenamtlichen wohnen auch im Scharnhauser Park, wir haben Familien und wir bringen unsere Kinder mit. Ich habe selbst zwei Kinder, zehn und sieben Jahre alt, sie kommen mit in die Blumenhalle, sie bewegen sich dort frei. Manchmal lade ich einige der Männer zu mir nach Hause ein, sie essen mit uns und gucken mit meinen Kindern fern.

In der Blumenhalle wohnen aktuell 150 Männer aus 17 Nationen.(Bild: Malte Eckert)
Wie soll es weitergehen – mit der Unterkunft und mit den Flüchtlingen, die dort leben?

Malte: Es ist geplant, dass die Blumenhalle nur bis Ende März bestehen bleibt und dann geschlossen wird. Noch ist unklar, wie die 150 Bewohner im Landkreis verteilt werden.

Marcela: Die Männer, die jetzt in der Blumenhalle leben, werden nicht in die neue Unterkunft kommen, das steht fest. Dort sollen etwa 100 neue Flüchtlinge einziehen.

Malte: Wir wünschen uns, dass wir einen fließenden Übergang hinkriegen von der Notunterkunft zu einer normalen Wohnsituation. Wir wollen verhindern, dass der Integrationsprozess, in dem die Männer gerade stecken, unterbrochen wird. Das wäre das Beste für alle.

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