Bild: dpa/Kay Nietfeld

Im südlichen Mittelmeer hat sich offenbar wieder ein Flüchtlingsunglück ereignet. Und wieder sollen Hunderte Flüchtlinge ertrunken sein. Nach Angaben der italienischen Küstenwache sind mehr als 300 Flüchtlinge umgekommen, die in mindestens vier Booten auf dem Weg von Ägypten in Richtung Europa waren. Ägyptische Medien berichten von bis zu 400 Opfern. (SPIEGEL ONLINE)

Das Unglück erinnert an eine Katastrophe vor genau einem Jahr: Damals waren 800 Migranten vor der libyschen Küste ertrunken. Sie waren in einem Schmugglerboot eingeschlossen, das Leck schlug und sank.

Wie konnte es erneut zu so einem Unglück kommen?

Tausende Flüchtlinge versuchen jeden Monat, aus Nordafrika und der Türkei mit Booten nach Europa zu kommen. Für Schmuggler ein riesiges Geschäft: Zwischen drei bis sechs Milliarden Euro setzen kriminelle Banden nach Schätzung der europäischen Polizeibehörde Europol allein 2015 mit Menschenhandel um (Europol).

Im Auftrag der Europäischen Union ist die Grenzschutzagentur Frontex damit betraut, das Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten abzusuchen und die Außengrenzen zu sichern. Bis 2014 gehörte es zur Aufgabe von Frontex, gekenterte Boote auf offener See zu bergen und die Flüchtlinge zu retten. Die Mission hieß "Mare Nostrum", lateinisch für "Unser Meer", ein alter Name für das Mittelmeer. Mittlerweile sichert Frontex auf EU-Geheiß nur noch europäische Küstenabschnitte – es gibt also keine Hilfe mehr für Flüchtlinge, die auf offener See kentern.

Die Idee dahinter: Flüchtlinge sollten so abgeschreckt werden, überhaupt die Überfahrt zu wagen. Wer allerdings um sein Leben fürchtet oder Hunger leidet, lässt sich auch von EU-Sparmaßnahmen nicht abhalten. Eine Studie des Goldsmith College in London kommt zu dem Schluss, dass die EU-Politiker dies auch wissen. In einem internen Bericht warnte Frontex, dass der Abzug der maritimen Unterstützung, "höchstwahrscheinlich in einer höheren Zahl an Todesopfern resultiert". (Studie bei Goldsmith)

„"It has to be stressed that the withdrawal of naval assets from the area, if not properly planned and announced well in advance, would likely result in a higher number of fatalities."“
Aus einem Frontex-Bericht
Wie viele Flüchtlinge ertrinken jährlich im Mittelmeer?

Je länger die Bürgerkriege in Syrien und Libyen andauern und je verheerender die Hungersnöte in Somalia und Eritrea sind, desto mehr Flüchtlinge versuchen, nach Europa zu gelangen. 2014 starben nach Angaben der International Organization for Migration (IOM) knapp 3300 Flüchtlinge auf See, im Folgejahr waren es 3770. 2016 sind bislang mehr als 1100 Flüchtlinge ertrunken. (IOM)

In die deutschen Medien schaffen es vor allem schwere Schicksalsschläge, bei denen mehrere Hundert Flüchtlinge ertrinken. Tatsächlich berichten die libyschen oder ägyptischen Medien jedoch beinahe täglich von gekenterten Flüchtlingsbooten mit Toten.

Welche Flüchtlingsrouten gibt es?

Es gibt drei gängige Routen, um nach Europa zu kommen: Die Westroute von Marokko und Algerien nach Spanien, die Zentralroute von Tunesien, Libyen und Ägypten nach Italien sowie die Ostroute von der Türkei nach Griechenland. Die meisten Flüchtlinge sterben auf der Zentralroute – es ist die gefährlichste Route, weil hier die meisten Seemeilen zwischen Afrika und den europäischen Landungsstellen liegen. 2016 sind laut IOM bereits mehr als 700 Menschen auf der Zentralroute ertrunken. (IOM)

(Bild: Mapbox / bento)
Warum kam es gerade jetzt wieder zu so vielen Toten?

Zynisch formuliert: Die Saison ist eröffnet. Im Herbst und Winter setzen weniger Flüchtlingsboote über, die See im Mittelmeer ist rauer. Ab April nimmt die Anzahl der Überfahrten wieder zu, und damit auch die Zahl der Unfälle. Erst nach Oktober gehen die Überfahrten merklich zurück. (Zahlen des UNHCR)

Aber auch ein politischer Faktor spielt eine Rolle: Die EU hatte jüngst einen Flüchtlingsdeal mit der Türkei ausgehandelt, der Migranten, die von der Türkei nach Griechenland fliehen, dorthin zurückbringt. Damit wollte die EU Migrationsströme an der Ostroute unterbinden.

Im Resultat versuchen nun wieder mehr Flüchtlinge auf anderen Wegen nach Europa zu kommen – Syrer und Afghanen schlagen sich nach Ägypten durch, Afrikaner nach Libyen. Libyen ist als Staat gescheitert, ein Bürgerkrieg macht die Lage im Land unübersichtlich. Schmuggler bewerben bereits die neuen Routen in sozialen Netzwerken (SPIEGEL ONLINE), der ägyptische Präsident hofft bereits auf EU-Gelder und einen ähnlichen Deal wie die Türkei (Middle East Eye).

Von dort hoffen sie dann, die mehrere hundert Kilometer Seeweg nach Italien zu schaffen. IOM sieht für die Aprilwochen bereits einen Anstieg der Flüchtlingszahlen von mehr als 400 Prozent, für Griechenland hingegen gehen die Zahlen zurück (IOM). Dabei war die Route sehr viel sicherer: Griechische Inseln wie Samos oder Kos sind nur ein bis vier Kilometer von der Türkei entfernt.

Quellen
  • Migrant smuggling in the EU (Europol)
  • Data of Missing Migrants 2014-2016 (IOM)
  • Migration Flows Europa (IOM)
  • Refugees/Migrants Emergency Response - Mediterranean (UNHCR)


Today

Warum deutsche Muslime die AfD mit Hitlers NSDAP vergleichen
Der Entwurf des Parteiprogramms enthält einen klaren Anti-Islam-Kurs.

Auf ihrem Bundesparteitag Ende April will die AfD zum ersten Mal ein Grundsatzprogramm beschließen, einen offiziellen Entwurf gibt es schon (PDF auf der AfD-Homepage). Neben Kritik an EU und Euro sowie an der aktuellen Asyl‐ und Flüchtlingspolitik enthält der zahlreiche Forderungen, die sich gegen den Islam und seine Anhänger richten.

Die zentrale These lautet: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." In dem Papier erzeugt die AfD einen Gegensatz zwischen dem Islam auf der einen Seite und "unserer freiheitlich-demokratischen Werteordnung" auf der anderen Seite.

Auch Beatrix von Storch, stellvertretende AfD-Parteivorsitzende, äußerte sich am Wochenende zu dem Thema: "Der Islam ist an sich eine politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Damit positioniert sich die AfD eindeutig als Anti-Islam-Partei.