Der Basketball rollt über die Fingerkuppen. "Swish", so bezeichnen die Amerikaner den Klang des perfekten Wurfs, ohne Ringberührung durchs Netz. In diesem Fall ist es eher ein krachender "Swutsh". Die Netze auf diesem Platz sind aus Metallketten.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Körbe werfen, um mich von der Arbeitswoche zu erholen. Daraus wurde ein Basketballspiel mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, von dem ich viel lernen sollte. Über das Miteinander in Deutschland. Über Flucht und Einwanderung. Über besorgte Bürger, vermeintliche Patrioten und rechtspopulistische Politiker.

Schon auf dem Weg zum Platz war mir die Gruppe aufgefallen. Wer einen Korbleger machte, bekam Applaus. Wer einen Airball warf, erntete Lacher. Ich ging auf die andere Seite des Platzes, um allein ein bisschen auf den Korb zu werfen.

Es dauerte nicht lange, da suchte die Gruppe den Blickkontakt. Ob ich nicht Lust hätte mitzuspielen?

Als erstes stellten sich mir zwei drahtige Jugendliche aus Syrien vor. Danach reichte mir ein ukrainischer Blondschopf die Hand. Der kleine, flinke und irgendwie vornehm wirkende Spielmacher war in Madrid aufgewachsen. Dann war da noch ein Chinese, er spielte im Trikot von Yao Ming, dem ehemaligen Center der Houston Rockets. Die einzige Frau auf dem Platz kam aus Peru. Sie alle hatten sich beim Deutsch-Kurs kennengelernt.

Der eine studierte hier Medizin, die andere Maschinenbau, die beiden Syrer mussten aus ihrer Heimat fliehen. Ich wusste nicht genau, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten sollte. Bevor ich in Verlegenheit geraten konnte, legte mir "Yao Ming" den Ball in die Hände: "Sehen wir mal, was du draufhast."

(Bild: Eric Haidara )

Mein syrischer Teamkollege ist ein Anfänger, der seine fehlende Sicherheit mit kühnen Pässen kompensieren will, die dann am Eichenbaum landen. Soll ich ihm sagen, dass er solider spielen muss? Dafür ist mein eigenes Spiel noch nicht solide genug. Ich hadere – bis mich ein überraschender Pass von der Peruanerin erreicht. Die Position ist gut, ich setze zum Wurf an. Swutch.

Ich bin im Spiel angekommen. Wir liegen uns in den Armen, spielen uns die Pässe zu - und verlieren trotzdem nach 20 Minuten. Aber schon beim Hand-Shake überwiegt die Freude. Nach dem Spiel sitzen wir noch gemeinsam auf der Wiese am Spielfeldrand.

Steht das Spiel symbolisch für das Zusammenleben in Deutschland?, frage ich mich auf dem Rückweg. Das wäre zu einfach. Die Realität ist komplexer als ein Basketballspiel.

Und trotzdem: Was ich auf dem Basketballplatz erlebt habe, gehört zu dieser Realität. Und zwar zu dem Teil, den Rechtspopulisten derzeit zu verdrängen versuchen. Der in der öffentlichen Debatte kaum noch stattfindet.

Es ist gar nicht so leicht, all die Kampfbegriffe abzuschütteln, die Pegida bis Petry etabliert haben. Mit einer Selbstverständlichkeit reden sie von Staatsversagen, Überfremdung und Terrorgefahr, als wären das die einzigen Erfahrungen, die wir täglich machen.

Die Rechtspopulisten behaupten von sich gerne, dass sie hinter die Kulissen der Willkommenskultur schauen würden. Ich frage mich: Welchen ganz konkreten Unterschied hat es in meinem Leben gemacht, dass im vergangenem Jahr eine Million Menschen in Deutschland Zuflucht gesucht haben? Die ganz realistische Antwort: Gar keinen.

Und welchen Unterschied hat es für die beiden Jugendlichen, dass sie im vergangenen Jahr von Syrien nach Deutschland geflohen sind? Sie leben noch.

Rechtspopulisten machen aus Flüchtlingen Invasoren, aus Opfern Täter, aus Wirkung Ursache. Die Wirklichkeit wird verzerrt. Fremde werden unter Generalverdacht gestellt. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hatte den stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland im Mai mit den Worten zitiert: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Politisches Eigentor, dachte ich damals. Inzwischen weiß ich: Es war kein Eigentor und es war auch keine Falle, in die Gauland getappt ist. Er hat das vertreten, wofür er steht: das Ende der Integration.

Wenn Deutschland jetzt über einen Boateng debattiert, einen gebürtigen Berliner, deutschen Nationalspieler und Weltmeister, welche Chance hat dann ein syrischer Jugendlicher, der auf einem Hamburger Hinterhof Basketball spielt, jemals von dieser Gesellschaft anerkannt zu werden?

Rechtspopulismus betrifft aber nicht nur Einwanderer und Flüchtlinge, sondern die gesamte Gesellschaft. Wer wie die AfD-Politiker Gauland und Frauke Petry öffentlich verkünden, dass die deutsche Staatsbürgerschaft nicht ausreicht, um Deutscher zu sein, wer wieder unbefangen mit dem Adjektiv "völkisch" experimentieren will, der greift das Prinzip der modernen Staatlichkeit an. Der gruppiert die Gesellschaft nach Hautfarbe, Herkunft und Konfession.

Dabei geht es in einer Republik genauso wenig wie auf dem Sportplatz darum, woher man kommt, sondern wofür und wie man sich einsetzt. Jeder kann und soll sich einbringen.

Wo der Geist der Republik verloren geht, wo die Gemeinschaft in Gruppen zerfällt, die sich wechselseitig als Fremde ausschließen, werden die Grundlagen des Sozialen zerstört. Da herrschen Unterdrückung, Gewalt und Krieg.

Dahin steuert der Rechtspopulismus, wenn man ihn lässt. Deswegen ist es so wichtig, fremdenfeindliche Reaktionen permanent zurückzuweisen. Und stattdessen die realen Herausforderungen und Probleme zu erkennen. Denn es bringt nichts, sich hinter Vorurteilen zu verschanzen, sich von Ängsten treiben zu lassen oder Aggressionen auf Fremde zu lenken.

Ich für meinen Teil werde mich auf das Spiel des Lebens einlassen – als Mensch, Sportler, mündiger Bürger.

Diese Frauen und Männer haben Flüchtlingen am Hamburger Hauptbahnhof geholfen. Wir haben mit ihnen gesprochen. Im Oktober 2015 – und ein Jahr später noch mal:

"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof.
Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt.
Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.
Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof.
Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte.
Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.
Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen."
"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich.
Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar.
Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.
Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.
Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann.
Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.
Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt.
Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem."
"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern.
Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar.
Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt.
Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern.
Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich.
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.
Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln.
Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen.
Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."
"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe.
An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.
Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen.
Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!'
Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.
Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert.
Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."
"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark.
Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch.
Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.
Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet.
In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich.
Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.
In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann.
Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.
Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht.
Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."
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Gerechtigkeit

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Auf der einen Seite progressive Liberale, auf der anderen Seite konservative Globalisierungsgegner. Zwei Lager, die kaum mehr miteinander in Berührung kommen. Die Schuld, dass sich beide Seiten nicht mehr lesen und wahrnehmen, schieben Experten auf sogenannte "Filter Bubbles" (Medium).