Bild: Social-Bee
"Mitleid ist wertvoll, noch wertvoller ist ein Arbeitsplatz"

Zeray aus Eritrea ist teamfähig, weil er die mit 85 Menschen die Fahrt übers Mittelmeer in einem Schlauchboot überlebt hat. Und Bengalie aus Sierra Leone war auf seiner Flucht drei Monate zu Fuß unterwegs. Er ist deshalb absolut zielorientiert, meint er. 

Würden Zeray und Bengalie das wirklich so in einem Vorstellungsgespräch sagen?

Wahrscheinlich nicht. Diese provokanten Slogans stammen aus einer aktuellen, bundesweiten Werbekampagne, die dazu dienen soll, Flüchtlinge und Arbeitgeber zusammenzubringen. Die einen suchen nach Jobs, die anderen haben sie. Nur werden beide nicht unbedingt auf den anderen aufmerksam.

Auf Plakaten blicken auch Nasar und Qutayba mit ernstem Blick in die Kamera. Sie hängen in U-Bahnhöfen und an Straßen in München, Hamburg, Köln, Stuttgart, Frankfurt am Main, und Düsseldorf.

So sehen sie aus:
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Vielleicht hast du auch schon eines der 2200 Plakate und 4000 Screens entdeckt. Aber wer steckt eigentlich dahinter?

Ein kleines Start-up aus München namens "Social-Bee", das vor etwa zwei Jahren von Zarah Bruhn und Max Felsner gegründet wurde. Ziel der beiden ist es, volljährigen Flüchtlingen eine feste Arbeitsstelle zu vermitteln – und überhaupt erst einmal auf das Problem aufmerksam zu machen: „Viele Geflüchtete werden erst gar nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen“, sagt Zarah zu bento.

Wie funktioniert Social-Bee?

Social Bee ist vergleichbar mit einer Zeitarbeitsfirma, die Geflüchteten werden von ihr angestellt und an Unternehmen weitervermittelt. Social Bee erhält dafür eine Gebühr, mit der sie das Gehalt und zusätzliche Fortbildungskurse für die Arbeitenden zahlt. Die Firma arbeiten "non-profit", behält also keine Gewinne ein. Nach 1,5 Jahren sollen die Betreuten dann in feste Anstellungen wechseln. 

Bislang haben 47 Menschen das Programm bei Social Bee durchlaufen. Ein Dutzend sind bereits in feste Jobs vermittelt worden. Der Aufenthaltsstatus ist dabei egal – Social Bee will jedem motivierten Bewerber eine Chance geben.

Was will Social-Bee mit der Kampagne erreichen? Und wie können sie sich den Aufwand überhaupt leisten? Wir haben Zarah Bruhn gefragt.

Zarah Bruhn(Bild: Social Bee)
Qutayba aus Syrien ist stressresistent, weil er auf der Flucht verhaftet und mehrere Tage verhört wurde – ist das nicht etwas zynisch?

Die Flucht ist schrecklich, das ist die Realität. Mit diesen Aussagen wollen wir provozieren und auf die Schicksale der Geflüchteten aufmerksam machen. Wir können sie nicht nur mit Welcome-Refugee-Plakaten begrüßen, wir müssen uns auch darum kümmern, dass sie Arbeit finden und integriert werden. 

Aber die Geflüchteten qualifizieren sich doch durch mehr als ihre Flucht?

Klar, wir wollen sie nicht auf ihre Flucht reduzieren. Wir wollen sagen: Die Flucht war eine schreckliche Zeit, aber daraus kann auch eine Stärke erwachsen. 

Welche Fähigkeiten müssen die Bewerber mitbringen?

Es geht uns allein um die Motivation. Jeder, der arbeiten will, ist herzlich willkommen. Es ist egal, ob sie eine Ausbildung in der Heimat gemacht haben oder nicht. Wir haben sowohl Menschen eingestellt, die keinerlei Vorkenntnisse hatten, als auch welche, die studiert haben. 

Wie kam es dazu, dass du Social-Bee gegründet hast?

Ich habe BWL und Maschinenbau studiert und 2015 ein Auslandssemester in Stockholm gemacht. Eine meiner Kommilitoninnen war aus Syrien geflohen und hatte es geschafft, als Gasthörerin an den Vorlesungen teilzunehmen. Mit ihr zusammen habe ich dann am Bahnhof geholfen, als dort weitere Geflüchtete ankamen. Später, als ich zurück in München war, habe ich dort weitergemacht.

Aber ich wollte einfach mehr tun. Jetzt geht es um Integration, und die gelingt vor allem durch Arbeit. Im vergangenen Jahr hieß es, dass 29 Dax-Konzerne gerade einmal vier Flüchtlinge eingestellt haben. Das liegt einerseits an den Unternehmen, die Bewerbern keine Chance geben, aber sicherlich auch an der vielen Bürokratie.

Mehr über die Arbeitssituation von Flüchtlingen und was die Regierung dafür tut:

Und wie kam es dann zu der Kampagne?

Eine unserer Mitarbeiterinnen hat Kontakt zur Werbeagentur Jung von Matt. Die hatten schließlich die Idee, pro bono eine Kampagne für uns zu machen. Der Werbevermarkter Ströer unterstützt uns ebenfalls und zeigt in Großstädten wie Hamburg und Berlin unsere Plakate. Außerdem unterstützen uns weitere Stiftungen und Konzerne.

Ihr habt einige eurer Mitarbeiter zum Beispiel bei als Essenslieferanten engagiert. Ist das wirklich ein Erfolg, wenn viele von ihnen doch höhere Qualifikationen haben?

Jede Arbeit ist ein Erfolg. Für Geringqualifizierte ist das ein super Einstieg. Außerdem bieten wir nebenbei Weiterbildungsmaßnahmen an, geben Deutschkurse und Bewerbungstraining. Einer unserer Beschäftigten hat als Foodora-Fahrer begonnen und arbeitet nun wieder in seinem alten Job als Architekt. Ein anderer war Labor-Helfer und ist nun qualifizierter Labormitarbeiter.

Auf euren Plakaten sind nur Männer zu sehen. Was ist mit Frauen?

Wir wollten auch Frauen abbilden, aber es haben sich vor allem Männer dazu bereit erklärt, ihre persönliche Fluchtgeschichte zu erzählen. Ansonsten richten wir uns an an Frauen und Männer und wollen in Zukunft Frauen auch noch gezielter ansprechen. 

Auch Uli Hoeneß unterstützt euch und hat gesagt, dass er einen Geflüchteten beim FC Bayern einstellen will. Der FC Bayern hat doch aber genügend finanzielle Mittel, um mehrere einzustellen?

Wir haben Mitte Februar einen Termin beim Verein und werden uns genau das wünschen.  


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Was die Vorwürfe gegen Dieter Wedel so unfassbar macht
Alle haben davon gewusst.

Die meisten Vorwürfe vor dem Hintergrund von #Metoo haben gemeinsam, dass ihre Anklägerinnen sich nach Jahren des Schweigens äußern. Auch im Fall des deutschen Regisseurs Dieter Wedel ist das so.

Die Vorwürfe sind so lange her, dass sie juristisch gesehen sogar verjährt wären. Immer wieder kommt dann die Frage auf: Warum erst jetzt? Warum haben sich die Frauen erst jetzt geäußert?

So unangebracht diese Frage und so komplex die Antwort hierauf auch ist, der eigentliche Skandal ist: Die Frauen haben sich nicht erst jetzt geäußert. Es hörte nur niemand hin.