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Auch viele Flüchtlinge präsentieren sich auf Facebook und Instagram glücklicher, als sie in Wahrheit sind. Manche bringen ihre Freunde damit in Lebensgefahr.

Wenn Yaseen Saleh Facebook öffnete, sah er eine wunderschöne, fremde Welt: Seine Freunde machten Selfies mit hübschen Mädchen, ihre Teller, die sie fotografierten, waren voll von ungewöhnlichem Essen. Die Gebäude, vor denen sie posierten, sahen ganz anders aus, als die in Yaseens Heimatstadt Qudsia.

Der Alltag des 14-Jährigen sah nicht so rosig aus: Der Vorort von Damaskus wurde von Rebellen kontrolliert, die gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad kämpften. Wenn Assads Truppen den Ort beschossen, musste sich seine Familie im Haus verbarrikadieren. Die Schule fiel seit Monaten aus, in den Geschäften wurde das Essen knapp.

Viele stürzen sich wegen dieser Fotos in den Tod.
Khaled Al Zafari

Yaseen redete auf seinen Vater ein, zeigte ihm die Bilder seiner Freunde und überzeugte ihn, mit der ganzen Familie nach Deutschland zu fliehen. Dass ihr Boot vor der griechischen Küste kentern würde und er in einem mazedonischen Wald seine Gruppe verlieren würde, darauf hatten ihn die Instagram-Posts seiner Freunde nicht vorbereitet.

In sozialen Netzwerken zeigt man die schönen Seiten des Lebens. Gerade wer eine schlimme Zeit überstanden hat, will Freunden und Familie zeigen: Macht euch keine Sorgen, mir geht es wieder gut. Warum sollten Flüchtlinge da anders sein? Videos von der schlimmsten Reise ihres Lebens wollen sie kaum auf Instagram posten - und wenn, sieht der fertige Clip manchmal aus wie eine spannende Abenteuerreise.

هاد الفيديو من وقت من طلعت عل الحدود المقدونية لا وقت ما وصلت عل الحدود الهنغارية...و للامانة هو شي بسيط عن يلي صار و شفنا...

Khaled Al-Zafari machen solche Bilder Sorgen: Er ist 2013 aus Syrien nach Deutschland geflohen. Der Doktorand aus Berlin warnt seine Landsleute, ihr neues Leben in allzu warmen Farben zu malen: "Sie ermutigen Syrer zuhause, alles zurückzulassen“, sagt er. "Viele stürzen sich wegen dieser Fotos in den Tod."

Al-Zafari weiß gut, dass viele seiner Landsleute auch zuhause um ihr Leben fürchten. Tausende andere säßen aber in anderen arabischen Staaten oder der Türkei. Selten unter guten Bedingungen, aber häufig sicher. Von denen sollte sich niemand von Bildern auf Facebook leichtfertig zu einer lebensgefährlichen Flucht hinreißen lassen, findet er.

Khaled Al Zafari aus Syrien fürchtet den Instagram-Effekt

Jedes Mal, wenn er nach seiner Ankunft in Deutschland Bilder auf Facebook zeigte, schrieben ihm seine Freunde begeisterte Nachrichten, nannten ihn den "Prinz von Europa". In Wahrheit saß er meist an seinem Schreibtisch, lernte Deutsch und suchte einen Teilzeitjob. Inzwischen postet Khaled fast gar keine Bilder mehr.

Manchmal hilft nicht mal das: Der syrische Ingenieur Amer floh 2011 aus Libyen nach Berlin, seine Familie blieb. Das Leben in Deutschland ernüchterte ihn schnell: Es gebe in Deutschland nichts zu tun, versucht der Ingenieur seiner Mutter klarzumachen.

"Willst du uns nicht bei dir haben?", fragte sie ihn wütend und widersetzte sich dem Rat ihres Sohnes. Inzwischen sind sie in Deutschland vereint, nach einer lebensgefährlichen Flucht verstehen seine Eltern Amer aber endlich.

Noch immer bitten ihn alte Bekannte um Ratschläge für die Flucht nach Deutschland. Mit manchem Freund hat sich Amer zerstritten, weil er ihnen von der Flucht abrät. Weil er Angst hat, dass sie mit einem Schlepperkahn untergehen könnten.

Rama Jarmakani

Unsere Autorin Rama Jarmakani ist im April aus Syrien nach Deutschland geflohen. In ihrer Heimat hat die 27-Jährige für die BBC und Al-Jazeera gearbeitet , in Berlin lernt sie derzeit Deutsch.

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