Was steckt dahinter?

Am Anfang war dieser Artikel: "Tief in der Nacht: Bundesregierung schleust Flüchtlingsmassen über Flughäfen ein". Darin wird beschrieben, wie angeblich außergewöhnlich viele Flugzeuge aus der Türkei, Ägypten und Griechenland nachts in Deutschland landen würden. Als Beispiele werden die Flughäfen Hannover und Köln/Bonn genannt, außerdem ein Bundeswehr-Fliegerhorst bei Wunstorf.

Zeugen für die nächtlichen Landeanflüge: "mehrere Informanten". Und die Schlussfolgerung: Bei den Maschinen muss es sich um eine "Rush-Hour for Refugees" handeln. Angeblich schleust die Bundesregierung heimlich Flüchtlinge ins Land.

Bitte was?

Der Artikel erschien vergangene Woche auf der Homepage des Kopp-Verlages, bekannt für Bücher wie "Grenzenlos kriminell", "Heilung durch Energiemedizin erfahren" oder "Die magische Knochensuppe".

Schnell gehörte er zu den meist geteilten News-Artikeln im deutschsprachigen Netz. Auf Facebook wird die Geschichte in rechten Gruppen nacherzählt. Selbst am noch nicht eröffneten Berliner Flughafen sollen nachts Flüchtlinge herbeigeflogen werden:

Eigentlich sollten die Ausrufezeichen schon reichen, um das Thema ins Reich der Verschwörungstheorien zu verabschieden!!!!1!!1!!!

Leider ist es damit trotzdem nicht aus der Welt. Also haben wir bei Fluggesellschaften, beim Flughafen-Management und bei der Bundeswehr nachgefragt. Am Ende zeigt sich: totaler Quatsch. Für alle Behauptungen gibt es gewöhnliche Erklärungen.

Landen nachts mehr Flieger aus der Türkei?

Ja. Aber das hat nichts mit geheimen Flügen zu tun – sondern mit dem Nachtflugverbot. Viele Flughäfen in Deutschland haben eines, die beiden Flughäfen Köln/Bonn und Hannover jedoch nicht. Entsprechend werden sie von Ferienfliegern gerne nachts genutzt.

Bei den Flügen handelt es sich um rein touristischen Verkehr, sagt Alexander Weise, Pressesprecher beim Flughafen Köln/Bonn. "Die Flüge haben auch gegenüber dem Vorjahr nicht zugenommen, obwohl der Gesamtverkehr in der Ferienzeit um 18 Prozent wuchs."

In der ersten Augustwoche dieses Jahres habe es zum Beispiel 146 Landungen aus der Türkei gegeben, 62 am Tag und 84 in der Nacht. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 158 Landungen, 80 am Tag und 78 in der Nacht.

Verschleiern die Flughäfen die Uhrzeiten?

Nein. Alle An- und Abflüge sind aufgelistet. Hier für Köln/Bonn und hier für Hannover. Unabhängige Radar-Seiten wie Flightaware oder Flightradar24 zeigen zudem die Flüge in Echtzeit.

(Bild: Flightaware)
Welche Flieger kommen in der Nacht?

Die meisten Abflughäfen sind Orte in der Türkei und werden vor allem von Pegasus Airlines, einem türkischen Billiganbieter, und SunExpress, einer Tochtergesellschaft von Lufthansa und Turkish Airlines, betreut.

SunExpress hat seinen Flugplan für den Sommer 2016 nach eigenen Angaben im April aufgestellt und seitdem nicht verändert. Wöchentlich bietet das Unternehmen mehr als 300 Flüge an, von insgesamt 19 deutschen Flughäfen zu 21 türkischen.

Wer sitzt in den Maschinen?

Wir haben mit Peter Glade, Commercial Director bei SunExpress gesprochen. Demnach sitzen in den Maschinen vor allem:

  • Touristen, die möglichst viele Urlaubstage nutzen wollen und daher gerne späte Flieger nutzen,
  • Geschäftsreisende, die ebenfalls am Tagesrand fliegen,
  • und Menschen, die Verwandte in der Türkei besuchen. In Deutschland leben mehr als drei Millionen Deutsch-Türken.

Um den Bedarf zu decken, fliege eine Boeing 737 bei SunExpress im Sommer rund 16 Stunden am Tag, sagt Glade. "Das wäre ohne Nachtflüge kaum möglich."

Die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" hat einen Reporter nach Köln/Bonn geschickt und die ganze nacht den Flugverkehr beobachten lassen. Ergebnis: Er habe nichts gesehen, "was das Gerücht der heimlichen Flüchtlingsflieger stützen würde". ("Junge Freiheit")

Und der Bundeswehrstützpunkt?

Auf einschlägigen Seiten wird allein ein Augenzeuge zitiert, der behauptet, bei Wunstorf würden "zivile Passagiermaschinen" landen. Im niedersächsischen Wunstorf ist das Lufttransportgeschwader 62 stationiert. Der Presseoffizier sagt: "Das ist eine ganz klare Lüge". Der Stützpunkt sei nur für Militärmaschinen freigegeben und nachts geschlossen: "Platzschließung ist 17 Uhr."

Auch auf der Bundespressekonferenz waren die vermeintlichen Flüchtlingsflieger Thema. Tobias Plate, Sprecher des Innenministeriums, antwortete:

"Das ist der größte Unsinn, den ich seit langem gehört habe."

Die komplette Antwort hier im Video ab Minute 45:13.

Also gibt es keine Flüchtlings-Flieger?

Nein, jedenfalls nicht "massenhaft" und auch nicht "heimlich". Was es allerdings gibt: sogenannte Resettlements im Rahmen des Flüchtlingsdeals mit der Türkei. Der sieht vor, dass die Türkei Flüchtlinge aus der EU aufnimmt und beherbergt. Im Austausch werden ausgewählte Asylbewerber legal nach Europa eingeflogen.

Insgesamt kamen so nach Angaben der Caritas bislang 435 syrische Flüchtlinge in sechs Flügen nach Deutschland. Erstmals im April, zuletzt am 16. August. Die Zielflughäfen sind laut Innenministerium Hannover und Kassel.

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