Bild: bento/Steffen Lüdke
Immer mehr Menschen kommen über die Meerenge bei Marokko in die EU.

Sie schlafen auf ihren Booten, retten von früh morgens bis spät in die Nacht. Die Frauen und Männer der spanischen Schiffe der Gesellschaft für Seenotrettung haben in diesen Tagen so viel zu tun wie noch nie.

Rund 400 Migranten ziehen sie derzeit pro Tag aus dem Wasser der Straße von Gibraltar. Nur 14 Kilometer trennen hier Europa von Afrika. Seit Mai steigen die Zahlen der Menschen, die von Marokko aus die Überfahrt wagen, stark an.

153 Menschen sind bis zum 20. Juli bereits gestorben, mehr als im gesamten Jahr 2017 – und das gute Sommerwetter hat gerade erst begonnen. Retter, Bürgermeister und Polizisten rechnen mit weiter steigenden Zahlen. Allein am Freitag haben die Männer mindestens 774 Menschen aus dem Wasser gezogen.

Wir haben mit José Manuel Garrote, 42, über die die schwierige Situation in der Straße von Gibraltar gesprochen.

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Wir treffen ihn im Hafen von Algeciras, gerade desinfiziert er das Deck seines Schiffes. 160 Migranten haben auf Deck die Nacht verbringen müssen, die Turnhallen, in die sie normalerweise gebracht werden, sind hoffnungslos überfüllt.

José erzählt:

2017 war ich in Malaga stationiert. Zwei- oder dreimal mussten wir in die Straße von Gibraltar ausrücken. Jetzt sind es viel mehr Menschen, wir kommen nicht hinterher. Es ist viel schlimmer als im vergangenen Jahr.

Unser Boot bricht seit Tagen Rekorde: Eine ganze Woche lang haben wir uns nicht ausruhen können. In den vergangenen beiden Tagen haben wir jeweils 140 und 160 Menschen an Land gebracht. Es geht immer weiter, morgens und auch nachts. Wir schlafen auf dem Boot.

Fast alle Menschen, die in Marokko losfahren, retten wir – selbst wenn die Menschen nicht in Seenot geraten.
José

Die Menschen kommen aus Mali, Gambia, Senegal – und gelegentlich auch aus Bangladesch. Das ist neu, normalerweise wählen sie die Route über Libyen.

Dass die Menschen jetzt hier auf dem Boot gefangen sind, sogar darauf schlafen müssen – für mich ist das echt hart. Die haben schon eine schlimme Zeit, wenn wir sie aus dem Meer retten. Sie sitzen in Spielzeugbooten, diese Gummiboote, die Kinder am Strand benutzen.

Da passen normalerweise vier Menschen hinein, tatsächlich sitzen aber oft auch zwölf Menschen in so einem Boot. Und dann kommen sie hierher und müssen zu Hunderten auf einem Boot schlafen. Unter freiem Himmel.

Sie wissen nicht, wie sie sich auf dem Meer verhalten sollen.
José

Die Boote haben keinen Motor, die Menschen haben oft nur ein paar Paddel. Allein eine leichte Brise oder die Strömung, die es hier gibt, können extrem gefährlich werden. Wenn sie Glück haben, werden die Boote nicht auf den Atlantik getrieben.

Einige können wir dann mit dem Helikopter oder dem Flugzeug noch orten, aber nicht alle. Diese Menschen sind verloren. Wir erfahren nichts mehr darüber.

Und dann sind da natürlich die Leichen, die ich sehe.
José

Während ich die einen rette, ertrinken die anderen. Ich stelle mir vor, dass ich das sein könnte. Oder meine Tochter. Ich stelle mir vor, was passieren würde, wenn ich mit ihr auswandern würde. Meine Groß-Großeltern sind nach Kuba ausgewandert, ich bin ein Sohn von Einwanderern. 

Vor vier, fünf Monaten mussten wir Menschen aus sehr schlechtem Wetter retten. In dem Boot waren zwölf Menschen. Nur einer hat überlebt. Ich und meine Kollegen mussten vier Leichen aufsammeln, zwei Menschen sahen wir vor unseren Augen sterben. Ich habe einen von ihnen einen Rettungsring zugeworfen, aber er hatte nicht mehr genug Kraft. Uns selbst ist es ja verboten, ins Wasser zu springen. Das würde unser Leben aufs Spiel setzen.

Ich selbst habe lange in Galizien gearbeitet. Irgendwann wurden wir zur Verstärkung hierhin in den Süden Spaniens beordert. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, wie schlecht die Situation dieser Leute hier ist.

Wenn eine Mutter ihre Tochter auf so ein Boot lässt, müssen die Bedingungen an Land sehr schlecht sein. Die Menschen können bei der Überfahrt sterben – und das wissen alle.

Zu Hause erzähle ich nur das, was ich muss. Meine Familie erfährt so wenig wie möglich von dem, was ich hier mache und was ich hier täglich sehe. Ich will nicht, dass meine Tochter weiß, was diese Menschen erleben. Aber sicherlich ist das Gegenteil richtig: Sie sollte alles wissen. Das hier ist unmenschlich.


Gerechtigkeit

Wir waren in der Stadt, in der gerade jeden Tag Hunderte Geflüchtete ankommen
Von Marokko nach Spanien sind es 14 Kilometer, sie entscheiden über Leben und Tod.

Angèle Gomis hat eine Odyssee hinter sich, die in Afrika begann und in Europa nun – vorerst – endet. Sechs Stunden war die Senegalesin in einem Schlauchboot unterwegs, sagt sie. Sie habe gebetet, geschrien, erbrochen und dabei immer wieder Wasser aus dem Boot geschöpft.

14 Kilometer nur misst die schmalste Stelle der Straße von Gibraltar. Vom spanischen Festland aus kann man an guten Tagen Marokko erspähen, wo Gomis, eine Nichtschwimmerin, in der Hafenstadt Tanger in ein Boot stieg, mit dem sie aufs Meer hinausfuhr – und dort von Seenotrettern gefunden wurde.