Wir haben den Flüchtlingen in Hardheim einen freundlichen Brief geschrieben - und wurden danach mit Hasskommentaren überhäuft. Alexander Demling ertränkt sie in Wodka.
Warum wir den Brief geschrieben haben - und was er ausgelöst hat

Die Welle kam - wir hätten besser darauf vorbereitet sein müssen. Am Donnerstagabend wurden wir mit Beleidigungen und Hasskommentaren überschwemmt. Ich wurde persönlich angegriffen, vor allem aber Deutschlands Flüchtlinge. Wieder einmal.

Wir schlossen daraufhin irgendwann die Kommentare. Aber was war da überhaupt passiert?

Eine Gemeinde im fränkischen Odenwald hatte Benimmregeln für Flüchtlinge veröffentlicht (SPIEGEL ONLINE). Nach der Anrede "Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann" folgt ein Sperrfeuer von Vorschriften: "Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer", stand dort. Und: "Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen."

Ich fand, der Ton des Briefs sendete eine falsche Botschaft und schrieb einen eigenen. Ich gebe zu, mit der einen Reaktion hätte ich - nach drei Jahren bei SPIEGEL ONLINE - rechnen können.

Anschließend veröffentlichten wir den Brief auf Englisch, ließen ihn auf Arabisch übersetzen und baten Monis Bukhari, ihn zu verbreiten. Monis hilft mit einer Facebook-Gruppe 90.000 Flüchtlingen, in Deutschland zurechtzukommen. Seitdem schreiben mir Dutzende Syrer und andere liebe Nachrichten, wie ihnen der Brief Mut macht. Wie dankbar sie den Deutschen sind, dass sie in einer Notsituation helfen. Und dass sie so schnell wie möglich, Teil dieses wunderbaren Landes werden wollen.

رسالة جميلة من الصديق أليكساندر دملينج إلى كل اللاجئين السوريين في المانيا :)English http://goo.gl/3mSDohأعزائي اللا...

Hardheims Bürgermeister Volker Rohm hat mir auch geschrieben. Er hat beteuert, dass jede der Regeln auf "real passierten Vorgängen" beruht und "keine Rechtslastigkeit, kein moralischer Zeigefinger" die Intention war.

Ich glaube ihm jedes Wort. Ich bin sicher, dass die Integration von 1000 Flüchtlingen in einem kleinen Ort einiges an Toleranz erfordert. Ich habe großen Respekt vor dem, was Rohm und viele andere Bürgermeister und Landräte in Deutschland gerade leisten. Dass sein Regelwerk einen falschen Ton trifft, ist entschuldbar in so einer Situation.

Und trotzdem: Wer das Hardheimer Regelbuch liest, muss den Eindruck haben, dass jedes Ressentiment berechtigt ist. Es klingt, als seien die Flüchtlinge wie eine Landplage in diesen Ort eingefallen und hätten es in ein verdrecktes Chaosdorf verwandelt. Dass Flüchtlinge in Hardheim Laub kehren und verfaultes Obst einsammeln, erfährt man nicht.


In der hervorragenden Reportage in der "Süddeutschen Zeitung" (zum Artikel), die Hardheim in den Fokus der Republik rückte, schildert der Autor, wie in Hardheim (und sicher nicht nur dort) aus Gerüchten vermeintliche Tatsachen werden, die oft keiner ernsthaften Prüfung standhalten. Dass Einzelfälle und Keinzelfälle auf "die Flüchtlinge" verallgemeinert werden.

Ich glaube deswegen, dass es einen anderen Brief brauchte: Einen, der Flüchtlinge daran erinnert, dass sie Teil unserer Gemeinschaft sind, nicht "fremde Männer und Frauen", die gefälligst die Toiletten benutzen sollen.

Wer erwachsene Menschen belehrt wie kleine Kinder, drängt sie in die Passivität, schlimmstenfalls in die Aggresivität. Wer Flüchtlinge mit einer positiven Botschaft bei der Ehre packt, ihnen deutlich macht, dass sie auch Verantwortung dafür tragen, dass Integration gelingt, der kann guter Hoffnung sein. Ich bin mir sicher, dass viele Flüchtlinge ein Verantwortungsgefühl für diese Gesellschaft entwickeln, das vielen gebürtig Deutschen längst abgeht.