Bild: Alexandra Breitenstein

Ich schlafe, du schläfst, er, sie, es schläft. 

Wort für Wort kämpft sich Fares, 25, durch deutsche Grammatikregeln. Auf seinem Block reiht sich Übung an Übung. Flektieren. Konjugieren. Deklinieren.  

Seit er hier in Deutschland angekommen ist, versucht der Syrer die Sprache zu lernen, sich zu integrieren. Oft fällt es ihm schwer.

Das ist eine der Szenen aus dem Alltag von Geflüchteten, die Alexandra Breitenstein festgehalten hat. Gemeinsam mit der Redakteurin Renate Gaßmann und der Fotografin Sabrina Karakatsanis startete sie im Sommer 2015 das Projekt "Home Stories". 

Die Künstlerin führte dafür lange Gespräche mit Geflüchteten und porträtierte sie in ihrer ersten eigenen Wohnung in Dortmund. Für Alexandra ist die Fotografie ein Weg, um sich in die Situation von Geflüchteten hineinzufühlen. Die Texte und Bilder veröffentlichte sie auf ihrem Blog und in Form eines Katalogs. 

Ein notdürftig mit Paketklebeband geflickter Staubsauger, eine Lampe, deren Verankerung fast aus der Decke reißt, ein mit Fetakäse, Pepperoni und Oliven gedeckter Tisch. Die Bilder zeigen das Alltägliche in einem Leben, das für die Geflüchteten noch so neu ist. 

Die Fotografie ist ein Weg, um sich in die Situation von Geflüchteten hineinzufühlen.
Alexandra Breitenstein

Der Serbe Radomir sitzt auf dem Sofa. In der rechten Hand qualmt eine Zigarette. Er lächelt, sieht glücklich aus. 

Comfort blickt in das Gesicht ihrer Tochter. Beide lachen, kuscheln sich aneinander. Ghana ist jetzt gerade weit weg.

Mohssine steht in der Mitte seines Wohnzimmers – den Blick gen Boden gerichtet. Hinter ihm ein alter Röhrenfernseher, darauf eine grell-pinke Nachttischlampe. Er sieht bedrückt aus. Hat er sich das alles so vorgestellt?

Die Szenen wirken unspektakulär, doch hinter jeder steckt eine Geschichte

Nur eines haben die vielen Bilder gemeinsam: Sie zeigen das Leben von Menschen, die vor Unterdrückung, Armut, Krieg und Verfolgung geflohen sind.  

(Bild: Matt Cardy / Getty Images)

Mit ihrem Projekt greift Alexandra Breitenstein ein Thema auf, das in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderes öffentlich diskutiert wurde. 

In den Jahren 2015 und 2016 beantragten rund 2,6 Millionen Menschen in den Ländern der Europäischen Union Asyl, davon etwa 1,2 Millionen in Deutschland (Eurostat). Viele von ihnen flohen aus Syrien, aber auch aus Afrika machten sie sich über die gefährliche Mittelmeerroute auf den Weg nach Europa. 

In ihren "Home Stories" stellt Alexandra Schicksale von Menschen aus Syrien, Marokko, vom Balkan, aus Ghana und aus Myanmar vor.

In einer von ihnen geht es um Sayed:
Die Rohingya sind eine muslimische Volksgruppe. In Myanmar werden sie verfolgt, vergewaltigt, ermordet. Sayed ist einer von ihnen. Er sagt: "Wir sind Menschen zweiter Klasse."
Sayeds Schwester ist 12, als sie entführt und vergewaltigt wird. Die Familie entschließt sich, das Land zu verlassen. Auf der Flucht verschwinden Schwester und Mutter.
"Sayed hat keine Bilder seiner Familie mehr, deshalb fotografiert er heute oft seine Freunde", sagt Alexandra. "Das Handy ist das wichtigste Instrument im Alltag."
Für Sayed geht es mit dem LKW nach Indien, über die Berge nach Pakistan, in den Iran und von der Türkei aus nach Europa. Er lebt in Paris – zwei Jahre, ohne Geld und ohne Perspektive.
Sayed schafft es nach Deutschland, aber sein Asylantrag wird abgelehnt. In einer Kirche sucht er Zuflucht, um der Abschiebung zu entgehen. Es wird neu entschieden. Er darf in Deutschland bleiben.
"Die meisten Möbel der Geflüchteten sind gespendet worden, hier und da finden sich immer wieder Spuren der Vorbesitzer", sagt Alexandra. "Inzwischen ist Sayed großer Fan des BVB."
Sayed findet eine kleine Wohnung und versucht, sich zu integrieren, schließt alle Deutschkurse ab. Sein Traum: Eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe.
"Der Blick aus dem Fenster erinnert Sayed daran, dass er frei ist und sich nicht mehr verstecken muss."
1/12

Über den Dortmunder Verein "Projekt Ankommen" kam Alexandra mit den Geflüchteten in Kontakt. "Ich habe niemanden gedrängt, von seinen Erfahrungen zu erzählen. Die meisten sind sehr offen mit ihrer Geschichte umgegangen."

Auf die Gespräche bereitete sich die Künstlerin vor. Sie recherchierte: "Wie ist die politische Situation im Herkunftsland? Welche Gruppen leiden dort unter Verfolgung und Unterdrückung? Wie haben sich die Fluchtrouten verändert?

Auch für die Interviews nahm sie sich Zeit. "Die Geflüchteten haben sich gefreut, dass sich jemand für sie interessiert und ihnen zuhört."

(Bild: Alexandra Breitenstein)

Anders als in den Gesprächen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge konnten sie mit Alexandra über ihre Gefühle, Ängste und Hoffnungen während der Flucht sprechen.

"Das hat mich sehr berührt", sagt Alexandra. "Erzählt zu bekommen, wie es sich anfühlt, Angehörige sterben zu sehen, bei Sturm das Mittelmeer zu überqueren und nächtelang auf der Straße zu leben."

Mit ihrer Kamera dokumentierte sie die Wohnungen der Geflüchteten. All ihre Bilder sind aus dem Alltag heraus entstanden. Keines der Motive ist gestellt, sagt sie. 

(Bild: Alexandra Breitenstein)

Die Wohnungen seien zwar nicht groß, aber voller persönlicher Gegenstände. "Ein Ort, wo sie sie selbst sein können. Ein Ort, den sie selbst gestalten können", sagt Alexandra. 

Mit ihren Bildern und Texten möchte die Künstlerin einen persönlichen Zugang zum Leben von Geflüchteten schaffen und zeigen, dass sie sich trotz ihrer Herkunft nicht von uns Deutschen unterscheiden. "Ich möchte meinen Mitmenschen die Angst nehmen", sagt Alexandra. "Leute, die das Projekt verfolgt haben, verstehen die Situation von Geflüchteten jetzt viel besser."

Auch Reem begleitete sie mit ihrer Kamera:
Reem ist Ende 20. Sie entwirft Bühnenbilder, illustriert Kinderbücher. Dann fallen die ersten Bomben.
Zerstörte Straßen, hungernde Kinder und Eiseskälte – die Syrerin hält es nicht mehr aus und flieht in die Türkei. Über die Balkanroute gelangt sie mit ihren Freundinnen nach Deutschland.
"Bei jedem Interviewtermin wurde gekocht. Für die Geflüchteten ist es eine Frage der Ehre, endlich etwas zurück geben zu können", sagt Alexandra.
Reems neues Leben beginnt in Bochum. Sie spricht kein Deutsch, hat keine Arbeit. Sie ist überfordert, vermisst ihre Familie.
Erst mit Hilfe von Ehrenamtlichen findet Reem eine Wohnung. Sie ist dankbar, doch die ablehnende Haltung vieler Deutscher beschäftigt sie. Musik und Tanz muntern sie auf.
Inzwischen ist Reem angekommen. Sie hat an einer Theater-Inszenierung mitgewirkt und arbeitet an einem Comic über ihre Flucht.
1/12
Alle 17 Geschichten, Bilderserien und Informationen zum Projekt findet ihr auf Alexandras Home-Stories-Blog und auf Facebook.

Today

Trump trinkt einen Schluck Wasser – und das Internet erledigt den Rest

Donald Trump hat Durst. Das kann durchaus mal passieren, denn schließlich stand er während seiner gerade abgeschlossenen Asienreise ständig vor Publikum – um Reden zu halten oder Pressekonferenzen zu geben.

Kürzlich kehrte er von dieser Reise zurück, sprach mit US-Journalisten im Weißen Haus darüber. Und weil er zwischendurch was trinken wollte, griff er nach einer Flasche unter seinem Rednerpult.

Er schraubte sie auf, setzte an, trank – nur, dass das irgendwie nicht so aussah wie bei anderen Menschen.