Sinkende Boote, Schleuser mit Waffen und eine tödliche Bahnfahrt: Hier erzählt der 24-jährige Muhammad Nasser, wie er von Syrien nach Altena im Sauerland kam.

bento in Altena

Die Kleinstadt Altena in Nordrhein-Westfalen hat mehr Flüchtlinge aufgenommen als vorgeschrieben – und freut sich auf noch mehr. bento-Redakteurin Sara Maria Manzo berichtet einen Tag aus der sauerländischen Provinz. Hier sind alle Beiträge

Der Basmane-Platz in Izmir ist der Ort, wo sich jeder trifft, der nach Europa fliehen möchte. Auch unsere Reise begann dort. Schon vor einem Jahr hatte ich meine Heimat Aleppo in Syrien verlassen und bin in die Türkei gegangen. Mit einer Gruppe von Freunden wollte ich mich nun auf den Weg nach Deutschland machen.

In Izmir warteten wir zwei Tage in einem Herbergszimmer. Meine Freunde und ich schliefen abwechselnd, um den nächsten Termin für unsere Reise mit einem Todesboot nach Europa nicht zu verpassen. Die Herberge war überfüllt mit Menschen verschiedener Nationalitäten, die wie wir nach Europa wollten. Viele Flüchtlinge mussten in Parks oder auf der Straße schlafen.

Diese Erfahrung zerstörte unsere Hoffnung.

In der dritten Nacht brachte uns ein Schlepper zu einem LKW, der an die Ablegestelle fuhr. Dort waren fünf Männer, drei Türken und zwei Syrer, die für die Schlepper arbeiteten. Alle waren bewaffnet.

Als wir das Boot sahen und die vielen Menschen, die es bestiegen, weigerten wir uns mitzufahren. Wir waren sicher, dass das Boot sinken würde. Aber die Schmuggler zwangen uns mit der Waffe an Bord. Danach nahmen sie den Leuten ihre Taschen weg, weil sie angeblich zu schwer waren. Ich habe mich auf meine Tasche gesetzt, damit sie sie mir nicht wegnehmen konnten.

Meine Freunde und ich saßen am hinteren Ende beim Fahrer. Nach 200 Metern begannen die Leute vorne zu schreien. Wasser lief ins Boot. Dann versagte der Motor. Wir versuchten, mit den Händen zurück an den Strand zu paddeln. Wer schwimmen konnte, sprang ins Wasser, um das Boot wieder an Land zu ziehen. Erst nach anderthalb Stunden erreichten wir den Strand wieder und brachen im Sand zusammen. Die Frauen suchten nach ihrem Gepäck. Es war leer – Reisepässe, Papiere, die Schmuggler hatten alles gestohlen. Diese Erfahrung zerstörte unsere Hoffnung. Wir hatten Angst. Und entschieden uns, umzukehren.

Von Izmir aus brachen wir später in Richtung Bodrum auf, das für seine einfachen Schmuggelwege nach Kos bekannt ist. Dort einigten wir uns mit einem Schlepper auf 1200 Dollar pro Person.

Die Polizei an der Grenze hielt viele Flüchtlinge auf, doch uns ließen sie passieren. Vom nächsten Dorf aus fuhr der Zug ab, der die Flüchtlinge zur serbischen Grenze bringen sollte. Viel zu viele Leute versuchten, den Zug zu besteigen. Sie waren wie Raubtiere in ihrer Verzweiflung. Die Polizei versuchte, sie zurückzudrängen.

Ich habe die Bootsfahrt überlebt, nur um jetzt in einem mazedonischen Zug zu ersticken.

Auf der Seite, auf der wir waren, gab es keine Polizei. Die Fenster des Zuges waren offen. Wir kletterten hinein. Oh Gott, was hatten wir für ein Glück.

Drinnen konnten wir uns kaum bewegen, aber waren froh, auf dem Weg nach Serbien zu sein. Doch nach ein paar Stunden wurden wir durstig und hungrig. Wir wussten nicht, dass wir Wasser und Nahrung brauchen würden, weil wir nicht wussten, wie lang der Weg sein würde. Es kam kaum Fahrtwind in den Zug hinein, weil wir so langsam fuhren. Ich habe die Bootsfahrt überlebt, nur um jetzt in einem mazedonischen Zug zu ersticken, dachte ich.

Fotostrecke: Mittlerweile ist die Grenze zu Mazedonien geschlossen
1/12

Nach mehr als sechs Stunden erreichten wir den letzten Bahnhof in Mazedonien. Kurz danach kamen Krankenwagen, wir hörten Menschen schreien. Ich ging in die Richtung, wo die Schreie herkamen, aber die Polizei ließ niemanden heran. Fünf bis sieben Menschen waren während der Zugfahrt gestorben, genau konnte ich das nicht sehen. Vom Todesboot hatten wir unsere Reise also mit dem Todeszug fortgesetzt.

Mit meinen Freunden und allen anderen Flüchtlingen machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Serbien. An der Grenze flüsterte uns einer von drei Soldaten zu, wir sollten ihm Geld geben, dann ließe er uns passieren. Wir gaben jedem von ihnen 50 Euro.

Von der Hauptstadt Belgrad aus konnten wir nach drei Tagen zur ungarischen Grenze. Wir hatten uns das viel schwerer vorgestellt, aber es war ziemlich einfach. Hinter einer Tankstelle warteten viele Schleuser, die Flüchtlinge nach Budapest brachten. Der Schmuggler fuhr uns zu einem Lkw, der uns nach Deutschland bringen sollte. Es waren ungefähr 20 Leute in dem Laster, die Schlösser waren verriegelt. Wieder ein Todestransport? Der Laster fuhr um 2 Uhr nachts los, nach fünf Stunden hielt er an. Der Fahrer befahl uns, runterzuklettern.

Fotostrecke: Muhammad in der Flüchtlings-WG im sauerländischen Altena
1/12

Wir hatten erwartet, zwischen Wäldern und Feldern anzukommen, in der Landschaft, die wir von Bildern aus Deutschland kannten. Aber entlang der Straße waren Werkstätten und Märkte. Nach kurzer Zeit kam die Polizei und nahm uns mit zu einer Turnhalle, wo viele andere Flüchtlinge waren. Drei Wochen hat unsere Reise gedauert. Wir waren in Bayern angekommen. Jetzt sind wir in Deutschland.

Das ist unsere Geschichte. Es gibt viele tragische Geschichten, die niemals aufgeschrieben werden, es gibt viele Geschichten, die im Meer endeten. Alles, was dem syrischen Volk widerfahren ist, ist das Ergebnis des weltweiten Schweigens gegenüber der Verbrechen Assads, seiner Armee und seiner Helfer.

Aus dem Arabischen übersetzt von Marc Röhlig und Christoph Sydow.

bento in Altena: