Bild: Maximilian Humpert
Der Libanon nimmt mehr Flüchtlinge pro Einwohner auf als alle anderen Länder. Was sagen seine Bürger?

Wie viele Flüchtlinge verträgt Deutschland? Es gibt Prognosen, dass 1,5 Millionen Menschen in diesem Jahr Hilfe in der Bundesrepublik suchen werden. Auf gut 50 Deutsche würde dann etwa ein neuer Flüchtling kommen.

Der Libanon arrangiert sich derweil mit ganz anderen Dimensionen: Je nach Schätzung sollen hier bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge leben – in einem Staat mit 4,5 Millionen Einheimischen. Kein anderes Land der Welt nimmt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viele Flüchtlinge auf.

Neben den Syrern gibt es auch noch weitere Flüchtlingsgruppen, vor allem Palästinenser, Iraker und Armenier. Aber besonders den Syrern wird das Leben schwer gemacht: Der Staat verbietet ihnen das Arbeiten und kümmert sich nicht um die Unterbringung und Verpflegung. Hilfsorganisationen müssen hier einspringen, doch denen fehlt es an genug Geld. In den Zeltlagern, die die Uno-Hilfsorganisation UNHCR bereitstellt, herrschen durch mangelnde Hygiene- und Wasserversorgung oft unzumutbare Lebensbedingungen. Doch die Weiterreise in andere Länder ist für viele Flüchtlinge unbezahlbar.

Der Krieg im Nachbarland, der Millionen zur Flucht treibt, konnte den Libanon kaum unvorbereiteter treffen: Seit mehr als einem Jahr ist in dem Land kein neuer Präsident mehr ins Amt gewählt worden, weil sich das Parlament auf keinen Kandidaten einigen konnte. An den Straßen Beiruts stapelt sich der Müll so hoch, dass schon hunderte Demonstranten durch das Regierungsviertel gezogen sind. Zudem sind viele Einwohner gezwungen, sich teure Notstromgeneratoren zu kaufen, weil mehrmals am Tag der Strom ausfällt.

Wie reagieren gewöhnliche Libanesen auf ihre neuen Mitbewohner?

Assem Bazzi aus Beirut

„Ehrlich gesagt, fühle ich mich furchtbar, denn die Situation ist auf allen Seiten schlecht, egal wie man es betrachtet. Die syrischen Flüchtlinge kommen aus einem vom Krieg erschütterten Land, in dem ein Diktator als Präsident regiert und ISIS vor der Tür steht. Sie flüchten hier in den Libanon, wo wir durch das falsche Handeln der Regierung Probleme mit Elektrizität, Wasser und Müll haben. Es ist eine verdammte Tragödie. Und wie in allen anderen Ländern, haben wir auch hier Leute mit ausländerfeindlichen Ideologien, die gegen die Flüchtlinge sind.

Mit Freunden bin ich zu einem Flüchtlingslager gegangen, um dort die Kinder mit ein paar Spielen aufzuheitern. Ich habe dort niederschmetternde Armut erlebt. Wir haben ihnen Essen und Spielzeug mitgebracht, damit sie einen guten Tag haben.“

Samya Ali Hassan, lebt in Baalbek

„Es ist sehr tragisch. Generell leidet der Libanon unter vielen Problemen, die gelöst werden müssen. Mit den Flüchtlingen ist nun ein weiteres Problem hinzugekommen. Es fehlt unserer Regierung an Koordination und Organisation, was den Flüchtlingsansturm angeht. Andere Länder nehmen nur eine bestimmte Menge an Flüchtlingen auf, während das im Libanon sehr unkontrolliert passiert.

Hinzu kommt, dass der Libanon ein sehr kleines Land ist und wir trotzdem so viele Flüchtlinge aufnehmen. Für die Flüchtlinge ist es ebenfalls tragisch, denn sie können hier deshalb nicht unter komfortablen Bedingungen leben.“

Maher Sinno aus Beirut

„Es ist selbstverständlich, dass die Flüchtlinge lieber hier im Libanon sind als in ihrem Heimatland, wo sie sterben würden - wie zum Beispiel in Syrien. Aber damit die Flüchtlinge bei uns im Libanon nicht verhungern oder durch die Überbevölkerung sterben, muss die libanesische Regierung handeln. Doch es gibt hier bereits viele Probleme.

Wenn der Libanon direkt gehandelt und die Grenzen besser überwacht hätte, wären gar nicht so große Probleme entstanden. Vielleicht können internationale Organisationen uns helfen, besser zu handeln in dieser schwierigen Lage. Ich hoffe nur, dass dann endlich passiert statt nur darüber zu reden oder sich zu beklagen. Ich habe in einer NGO geholfen, die die Flüchtlinge mit Essen und bei anderen Bedürfnissen unterstützt. Es war eine tolle und inspirierende Erfahrung, als ich gesehen habe, wie sehr sie sich darüber gefreut haben.“

Dania Jabal aus Beirut

„Es ist schade, dass die Flüchtlinge ihr Land verlassen und in andere Länder flüchten müssen, ohne zu wissen, wie sich ihr Leben verändern wird. Die libanesische Regierung macht zurzeit Fehler, weil sie in dieser Situation falsche Entscheidungen trifft. Wir haben viele gebildete Flüchtlinge, das könnte uns auch nützen. Sie sollten arbeiten und studieren dürfen. Aber für Syrer und Palästinenser gibt es eine Regel, die ihnen das verbietet.“

Fares Samara, lebt in Beirut

„Es gibt einfach keine Kontrolle im Libanon, deshalb sind so viele Flüchtlinge hier. Es gibt aber keine wirkliche Debatte über die Grenzkontrollen. Niemand denkt wirklich darüber nach, was für einen ökonomischen Einfluss diese Situation hat und wie sie sich auf die libanesische Bevölkerung auswirkt. Die Grenzen sind offen. Teilweise wird zwar eingeschritten, aber ich glaube nicht, dass das genug ist. Es sollte eine Debatte darüber geben, wie man das alles kontrollieren kann und wie man den Einfluss auf die Libanesen abmildert.

Viele hart arbeitende Libanesen verlieren jetzt ihren Arbeitsplatz, weil die Flüchtlinge herkommen und ihnen die Arbeit wegnehmen. Ist das fair? Ich bin mir auch nicht sicher, was richtig und was falsch ist. Die Flüchtlinge haben schließlich auch ihr Zuhause verloren. Das ist keine einfache Situation. Die Libanesen müssen zusammen eine Lösung finden. Aber das tun sie zurzeit nicht.“

Walid Ataia, lebt in Beirut

Es gibt im Libanon keine Flüchtlinge, es gibt nur Leute auf der Durchreise. Sie kommen hierher und reisen auf einem Schiff weiter nach Europa, wo sie dann hoffentlich bleiben. Wenn ein Syrer hier bleibt, dann fühlt er sich anscheinend wohl im Libanon und ist kein Flüchtling mehr.“

Joe, aufgewachsen im Libanon, lebt zurzeit in Afrika

„Es gibt viele Probleme im Land, was die Situation der Regierung angeht. Mit den Flüchtlingen ergeben sich weitere Probleme: Nun müssen Unterbringungen organisiert werden und es gibt mehr Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.“

Ahmad Amhaz, lebt in Baalbek

„Wir heißen die Flüchtlinge willkommen, so wie sie auch uns gut empfangen haben, als Libanesen im Bürgerkrieg geflüchtet sind. Die Leute, die Hilfe brauchen, kriegen auch Hilfe. Das gilt auch für mich: Ich kenne ein paar Flüchtlingsfamilien und ich versuche, ihnen zu helfen, so gut ich kann. Natürlich gibt es auch Leute, die etwas gegen die Flüchtlinge haben, aber die Mehrheit tut so viel sie kann.“