Bild: Getty Images/Joe Raedle
"Schämen Sie sich!"

Mit der rechten Hand wischt sich Emma González die Tränen aus den Augenwinkeln, mit der linken hält sie ein Blatt Papier, auf das sie per Hand ihre Rede geschrieben hat. Dann bricht die Wut durch ihre Trauer, Emma González beugt sich näher ans Mikrofon und schreit ihre Anklage heraus:

Er hätte nicht so viele Schüler mit einem Messer verletzt! Schämen Sie sich!

Der Ruf richtet sich an Donald Trump und an alle anderen amerikanischen Politiker, die gegen strengere Waffengesetze in den USA eintreten und Geld von der Waffenlobby NRA annehmen. Denn wenige Tage zuvor hat ein 19-Jähriger Schüler in Emma González' Schule in Parkland mit einer halbautomatischen Waffe um sich geschossen. Er tötete 17 Menschen, 14 davon Schüler. Während der 19-Jährige durch die Gänge lief, versteckte sie sich in einem Klassenzimmer.

(Bild: Getty Images/Joe Raedle)

Jetzt steht González auf einem kleinen Podium in Fort Lauderdale, Florida, fast versinkt sie hinter den Mikrofonen der Fernsehsender, CNN überträgt live. Und Emma González hat keine Lust, sich auf die üblichen Worte der Trauer zu beschränken, wie üblich den Zusammenhalt der Community zu beschwören. Stattdessen geht sie US-Präsidenten Donald Trump direkt an:

Sie müsse hier heute stehen, weil Präsident Trump nichts anderes tue, als zu versichern, dass er in Gedanken und Gebeten bei den Opfern und ihren Familien sei. "Thoughts and prayers", das steht in den USA inzwischen für das, was nach jedem Amoklauf passiert: Politiker sprechen mitfühlende Worte, ändern aber keine Gesetze. Emma González hat genug davon.

An jeden Politiker, der Spenden von der NRA nimmt: Schämen Sie sich!
Emma González
"Wenn der Präsident mit mir sprechen möchte (...), werde ich ihn fragen, wie viel Geld er von der National Rifle Association bekommen hat. (...) Aber das ist auch egal, denn ich weiß es schon: 30 Millionen Dollar!"

Ihre Generation sei offenbar die einzige, sagt González, die bemerken würde, was für ein "Bullshit" von den Gegnern einer effektiven Waffenkontrolle verbreitet werde.

"Sie sagen, härtere Waffengesetze würden Waffengewalt nicht verringern. We call bullshit! Sie sagen, ein guter Typ mit einer Waffe würde einen schlechten Typen mit einer Waffe stoppen. We call bullshit!"
Das hier wird der letzte Amoklauf gewesen sein.
Emma Gonzalez

Emma González ist nicht allein.

Viele ihrer Mitschüler filmten noch während des Amoklaufs ihre Reaktion, twitterten in den Tagen darauf Politiker an und forderten strengere Waffenkontrollen. So entstanden anders als bei früheren Amokläufen beklemmende Videos und Posts, die auch Gegner strenger Waffenkontrollen nicht so einfach ignorieren können.

Amerikanische Medien haben die Augenzeugenberichte und Tweets der Überlebenden inzwischen zusammengefasst. Sie zeugen von der Wut der jungen Schüler. Und sie zeigen, wie sehr die Überlebenden hoffen, dass es diesmal anders kommt, dass nun endlich Gesetze geändert werden.

Die Schüler der Stoneman Douglas sind Teil einer Generation, die mit sogenannten "school shootings" aufgewachsen ist.

Sie wurden kurz nach dem Massaker an der  Columbine High School am 20. April 1999 geboren, sind groß geworden in dem Bewusstsein, dass jederzeit ein Amoklauf passieren kann. Und trotzdem sind seitdem die Waffengesetze nicht entscheidend verschärft worden.

"Post-Columbine generation" nennen einige US-Medien diese Schüler. Von klein an bekommen sie beigebracht, wie sie sich im Ernstfall zu verhalten haben, wo sie sich verstecken sollen. Diese Übungen sind in amerikanischen Schulen inzwischen üblich. Denn schon längst ist der Amoklauf an der Columbine High School nicht mehr der tödlichste in der USA.

Schon am Donnerstag hatten Schüler eine Andacht organisiert, schnell waren Rufe zu hören:

Keine Waffen mehr! Keine Waffen mehr!

Auch am Wochenende demonstrierten Schüler in Florida für strengere Waffengesetze. "Ihr seid verantwortlich", riefen sie.

Vor allem viele der Schüler selbst haben kein Verständnis dafür, dass man sich mit 18 Jahren eine halbautoamtische Waffe kaufen kann, aber noch keinen Alkohol trinken. "Wir sind Kinder", sagte David Hogg, ein 17-Jähriger Überlebender des Amoklaufs. "Ihr seid die Erwachsenen, ihr müsst etwas tun."

Kelsey Friend (links) und David Hogg schildern, was sie erlebt haben(Bild: Getty Images/Mark Wilson)

Hogg selbst hatte sich mit anderen Schülern in einem Schrank versteckt, als er entschied, dass es so nicht weitergehen könne. Der junge Journalist zückte sein Handy und begann die Mitschüler zu interviewen.

"Ich habe diese Videos aufgenommen, weil ich nicht wusste, ob ich überleben werde", sagt Hogg (CNN). Aber ich wusste: Wenn die Videos überleben würden, würden sie unsere Geschichte erzählen und ich hoffte, dass diese Geschichte etwas ändern würde."

Trauer in Parkland – die Bilder

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Viele Schüler wollen nun nach Tallahassee, in die Hauptstadt Floridas, reisen und dort direkt mit den verantwortlichen Politikern reden. Wie dringend nötig eine Gesetzesänderung wäre, zeigt diese Grafik:

(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Ob sie Erfolg haben werden, ist unklar. Denn natürlich wird nach jedem Amoklauf in den USA über strengere Gesetze diskutiert, meist passiert nichts. Vor allem, weil die Waffenlobby mächtig ist, viele leidenschaftliche Unterstützer hat und viel Geld an Politiker spendet, die das Geld dringend für ihre Wahlkämpfe brauchen.

Und auch nun halten Waffenliebhaber wieder dagegen, versuchen die Erfahrung der inzwischen mehr als 150.000 Schüler wegzudiskutieren, die laut "Washington Post" seit 1991 Zeuge eines Amoklaufs in einer Schule geworden sind.

Aber dieses Mal halten die Überlebenden noch entschlossener dagegen als sonst. Wenn es sein muss, direkt bei Instagram, Snapchat oder Twitter.


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