Sanna Marin ist 34, linke Sozialdemokratin und jetzt Regierungchefin. Junge Finnen und Finninnen erwarten viel von ihr, haben aber auch Angst.

Wer ist Sanna Marin? Diese Frage dürften sich zuletzt viele gestellt haben. Denn die 34-jährige Sozialdemokratin wurde am Dienstag neue Premierministerin von Finnland. Sie ist damit die jüngste Regierungschefin der Welt. Ihr Land hat aktuell die EU-Ratspräsidentschaft inne. Bislang war Sanna Marin finnische Verkehrministerin. 

Das Alter der neuen Regierungschefin beeindruckt viele Menschen. Collagen, die sie zusammen mit anderen finnischen Politikerinnen zeigen, wurden in den vergangenen Tagen regelrecht zum Meme. 

Kein Wunder: Seit Sanna Marin die Regierungsspitze übernommen hat, wird die Mitte-Links-Koalition aus Sozialdemokraten, Linken, Grünen und Liberalen von fünf Frauen angeführt. Vier von ihnen sind noch unter 35. Wie geht das?

Veera Alahuhta muss lachen, wenn man ihr diese Frage stellt. Die 24-Jährige ist die Generalsekretärin der finnischen Jusos. "Die Frauen an der Spitze kommen nicht aus dem Nichts", sagt sie. In den vergangenen Jahren habe sich vieles verändert.

"Als ich ein Kind war, wurde Finnland die ganze Zeit von einer Präsidentin regiert. Ich denke, das hat viele Mädchen beeinflusst."

Die Präsidentin, die Veera als Vorbild nennt, war Tarja Halonen, ebenfalls Sozialdemokratin. Von 2000 bis 2012 war sie als erste Frau Staatsoberhaupt. Ein Spruch von ihr wurde so bekannt, dass er auf Englisch bis heute auf Zitatbildern geteilt wird: "Frauen erhalten leicht die schwierigsten Aufgaben."

Veera Alahuhta freut sich über den Erfolg ihrer Parteifreundin. "Die Frauen an der Spitze kommen nicht aus dem Nichts", sagt sie.

(Bild: Jenni Lang)

"Glass cliff", gläserne Klippe, nennen Wissenschaftler das Phänomen: Frauen bekommen oft erst dann die Führungsrolle,  wenn es am Schwierigsten ist. Wird Sanna Marin jetzt also nur Regierungschefin, weil es ein Mann verbockt hat? 

Nein, sagt Reetta Siukola vom Zentrum für Informationen zur Geschlechtergerechtigkeit, Frauen seien in der finnischen Politik schon lange präsent (BBC). Auch Veera Alahuhta von den finnischen Jusos sieht es so: "Im Moment sind sehr viele junge Frauen in der finnischen Politik aktiv. In wenigen Jahren könnten sie ihre Parteien anführen oder Ministerinnen werden."

Finnland gilt als eines der geschlechtergerechtesten Länder der Welt. 

Der "Global Gender Gap Report" des Weltwirtschaftsforums (WEF) sah das Land im vergangenen Jahr neben Island, Norwegen und Schweden weltweit führend in diesem Bereich. Aktuell sind 47 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen, 48 Prozent der Abgeordneten waren bei der Wahl im April jünger als 45. Die meisten Wählerstimmen ihrer Partei holte damals: Sanna Marin.

"Sie war vor ihrem Ministeramt im Stadtrat von Tampere, der drittgrößten Stadt unseres Landes, und auf Regionalebene aktiv", zählt Veera Alahuhta auf. "Zusätzlich war sie an der Spitze unseres Jugendverbands und Vize-Chefin der Partei."

„Wir Sozialdemokraten brauchen Leute wie sie.“
Veera Alahuhta, Generalsekretärin der finnischen Jusos

Ein bisschen erinnert die Karriere von Sanna Marin an Kevin Kühnert. Nur, dass sie vier Jahre älter und bereits in Regierungsverantwortung ist. Ähnlich wie Kühnert wirbt sie für einen Kurs, der gleichzeitig altmodisch und progressiv erscheint. Reden beginnt sie mit "Liebe Genossinnen und Genossen", in der Sozialpolitik ist sie nach Ansicht finnischer Experten linker als Parteifreunde. Ansonsten ist sie eine Vorzeige-Progressive, die offen über die Diskriminierung spricht, die sie als Kind erfuhr, weil ihre Mutter kaum Geld hatte und mit einer Frau zusammenlebte.

Was beide Jungstars aber auch verbindet: Sie sind Mitglieder sozialdemokratischer Parteien, die tief in der Krise stecken. In Deutschland steht die SPD mit Umfragewerten von unter 15 Prozent besonders schlimm da. In Finnland, wo die "SDP" zuletzt auf knapp 18 Prozent der Stimmen kam, sieht es kaum besser aus. 

Jüngste Umfragen sehen die Partei nur noch auf Platz vier, das Durchschnittsalter der finnischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten liegt aktuell bei fast 62 Jahren – keine der anderen wichtigen Parteien in Finnland ist so alt. Veera Alahuhta sieht die Krise der SDP aber auch als Chance zur Veränderung: "Deshalb erhalten junge Menschen an vielen Orten Verantwortung."

„Jeder weiß, dass die Zukunft unserer Partei von Jugendlichen und ihrem Engagement abhängt.“
Veera Alahuhta

Mikkel Näkkäläjärvi, 29, Vorsitzender der finnischen Jusos, erwartet, dass Sanna Marin als jüngste Ministerpräsidentin nicht nur den Vorsprung seiner Partei verteidigt. "Ich hoffe, dass sie Themen, die für junge Menschen wichtig sind, stärker als bisher auf die politische Agenda setzen wird", sagt Mikkel und fährt mit einer ganzen Liste an Themen fort, die aus seiner Sicht wichtig sind: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Ungleichheit. Aber auch Menschenrechte und die Zukunft des Sozialstaats.

Mikkel Näkkäläjärvi, 29, Vorsitzender der finnischen Jusos, will Klimaschutz und den Erhalt von Arbeitsplätzen.

(Bild: Kira Hagström)

"Ich denke, es gibt Ähnlichkeiten zwischen Finnland und Deutschland. Wir sind beide westliche Länder, die vom Export abhängig sind. Wir müssen Jobs erhalten, aber auch den Klimawandel stoppen. Es ist nicht einfach, diese Ziele zu vereinen", sagt der Politikstudent aus Lappland.

Die finnische Grünen-Politikerin Merve Caglayan gehört zu einer der vier Regierungsparteien, die aktuell bereits von einer Frau geführt werden. Sie bezweifelt, dass eine einzelne Person an der Spitze die Gesellschaft verändern kann.

„Sie ist ja erst die dritte Ministerpräsidentin unseres Landes.“
Merve Caglayan, Mitglied im Vorstand der finnischen Grünen

Merve Caglyan fürchtet, dass die Gleichstellung in Finnland weniger weiter ist, als es oft scheint: "Die Rhethorik der rechten Parteien richtet sich insbesondere gegen junge Frauen."

(Bild: Salla Merikukka)

Vor allem der Aufstieg der Rechtspopulisten lässt Merve zweifeln. "Die Rhethorik der rechten Parteien richtet sich insbesondere gegen junge Frauen. Viele haben deshalb inzwischen Angst, sich politisch zu engagieren." Dennoch, sagt Merve, freue sie sich über die neue Regierungschefin. 

Fünf Frauen an der Spitze des Landes könnten zusammen vielleicht ja doch ein Umdenken bewirken.

Elisa Gebhard sieht es ähnlich: "Das ist auch für unsere Gesellschaft eine Ausnahmesituation." Die 26-Jährige aus Helsinki ist die Vorsitzende des nationalen Jugendrates. Auch sie erlebt, dass sich längst nicht alle Finnen über den Vormarsch junger progressiver Frauen freuen. "Auf Twitter nehmen viele alte Männer das als Bedrohung war und schimpfen", erzählt sie. 

Elisa Gebhard vom nationalen Jugendrat spürt, dass die jungen Politikerinnen oft angefeindet werden: "Auf Twitter nehmen alte Männer das als Bedrohung war."

(Bild: Emmi Holopainen)

Wie das aussieht, konnte man direkt nach der Nominierung Sanna Marins erleben. Als der Vorsitzende der Rechtspopulisten online mit dem Bild eines Popcorn-Eimers gratulierte, sammelten sich darunter innerhalb von Minuten Kommentare, in denen die junge Politikerin abwechselnd als Roboter, Kleinkind oder gedemütigtes Opfer eines Wrestling-Kampfs verspottet wurde. Auch in solchen Situationen scheint Finnland Deutschland nicht ganz unähnlich.

Es wird eine der schwierigsten Aufgaben für die neue, jüngste Ministerpräsidentin der Welt – die Forderungen ihrer Generation zu vertreten und dabei klar zu machen, dass sie auch die Ministerpräsidentin der alten Männer ist. 


Gerechtigkeit

Was ein langjähriger Aktivist über die Klimakonferenz denkt
Nathan Thanki war 2011 zum ersten Mal dabei. Werden junge Leute heute anders wahrgenommen? Ein Gespräch.

In Madrid treffen sich seit vergangener Woche Diplomaten aus aller Welt, um über Lösungen für die Klimakrise zu beraten – während draußen Tausende junge Menschen die teilnehmenden Regierung zum Handeln auffordern. Ihre Hoffnungen, dass es beim 25. Weltklimagipfel zum Durchbruch kommt, sind klein.

Nathan Thanki (29) besuchte bereits 2011 als Mitglied einer UN-Jugendorganisation die Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban. Heute, acht Jahre später, ist er auch in Madrid vor Ort. 

Hat sich der Einfluss der Jugend in der Klimadebatte verändert? Welche Hoffnungen setzt er noch in die Klimapolitik? Darüber haben wir mit Nathan gesprochen.