Bild: Paul Zinken/ dpa
Es geht um viel mehr als nur höhere Löhne.

Es brennt bei der Berliner Feuerwehr. Großbrand. Flächendeckend. Und bislang sind alle Löschversuche gescheitert. 

Seit Beginn des Jahres musste bereits an mehreren Tagen der Ausnahmezustand erklärt werden. Dann gingen mehr als 1500 Notrufe ein, Rettungswagen waren ausgelastet und Löschfahrzeuge mussten aus dem Betrieb genommen werden, damit genügend Kollegen die Notfallwagen fahren konnten (Morgenpost).

Zusammengefasst: Es sind zu viele Einsätze – für zu wenig Personal. Behördenleitung und Senat sind alarmiert. Erste Maßnahmen sind bereits eingeleitet.

Auch in anderen Bundesländern kennt man die Probleme. Doch den Feuerwehrleuten in Berlin reicht es jetzt. In dieser Woche halten sie eine Mahnwache vor dem Roten Rathaus ab. Dort lassen sie Tonnen mit Feuerholz brennen. 

Die Situation ist katastrophal. Sie ist seit Jahren schlecht, aber jetzt geht es einfach nicht mehr.
Stefan Ehricht, Verdi

Vor zwei Wochen zeigte sich das Dilemma an einem Fall. Der Berliner Amateurfußballer Damantang Camara, 24, starb an einem angeborenen Herzfehler, zuvor war er auf dem Sportplatz zusammengebrochen.

Die Feuerwehrleute, die auch Rettungseinsätze fahren, mussten aus Mangel an Alternativen mit einem Löschfahrzeug kommen, ein Notarzt musste einen weiten Weg fahren, und bei der Wahl des Krankenhauses war man sich unschlüssig – erst nach eineinhalb Stunden wurde Camara eingeliefert. Der Fall beschäftigt auch die Demonstranten vor dem Rathaus. 

Wir haben mit zwei Feuerwehrleuten und Verdi-Betriebsgruppensprecher Stefan Ehricht über ihren Arbeitsalltag gesprochen. 

Feuerwehrfrau Isabelle*, 29

Zur Frühschicht stehe ich um 4.30 Uhr auf, bringe meine Tochter um 6 Uhr noch vor allen anderen in den Kindergarten und trete um 6.30 Uhr meinen Dienst an. Danach schaffe ich es vielleicht, eine Tasse Kaffee zu trinken, aber meist geht es dann schon zum ersten Einsatz.

Häufig bekommen wir kurz vor Feierabend noch einen Notruf rein und müssen noch mal los. Dann komme ich erst um 20 Uhr raus, wenn meine Tochter schon lange im Bett liegt. Ohne familiäre Unterstützung ist das nicht möglich. 

Mein Mann ist derjenige, der mit meiner Tochter zu Kindergeburtstagen geht, während ich eine Wochenendschicht habe. Nach dem neuen Schichtsystem haben wir gerade einmal sechs freie Wochenenden pro Jahr.

Ich merke, dass ich verspannt bin, Rückenschmerzen habe, weil es auch körperlich so anstrengend ist. Vor allem kann ich mich aber oft schlecht konzentrieren und wegen des Schichtdienstes schlafe ich schlecht. Kollegen melden sich derzeit oft krank, und das liegt sicherlich nicht an der Grippewelle, sondern weil sie den Stress nicht mehr ertragen. 

Bei den bundesweiten Zahlen des Deutschen Feuerwehr Verbandes zeichnet sich ein weniger dramatisches Bild ab.
Rechnet man Freiwillige Feuerwehr, Berufsfeuerwehr, Jugendfeuerwehr und Werkfeuerwehr zusammen, gab es im Jahr 2000 rund 1.380.000 Mitglieder, 2015 waren es nur noch etwa 1.307.700.
Die Zahl der Brandtoten ging deutlich zurück: 1990 waren es 787, 2015 gab es 367 Todesopfer.
Doch der Tätigkeitsbereich der Feuerwehr verändert sich: Die Zahl der Rettungsdiensteinsätze lag 2010 bei etwa 1.556.800, in 2015 waren es 2.054.800. Ein Problem: Die Fehlalarmierungen haben im gleichen Zeitraum um eine halbe Million zugenommen.
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Ich spreche oft mit meinen Kollegen über die hohe Belastung, vor allem, wenn man nur zu zweit im Einsatzwagen unterwegs ist. Oft geht es um den Stress mit der Familie, dass die Kinder traurig sind, wenn Papa nicht mit zur Familienfeier kann oder sich der Partner immer um den Haushalt kümmern muss. Wenn ich keine Familie hätte, wäre ich wohl schon längst in ein anderes Bundesland gezogen. Die anderen Kollegen, die gegangen sind, lachen einen schon geradezu aus. 

Wir haben so viel Druck, hinzu kommen die schlechte Bezahlung und kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Es gab bereits erste Fälle, bei denen Menschen ums Leben gekommen sind, weil die Helfer zu spät da waren. Mich wundert es, dass nicht noch viel mehr Menschen gegen Feuerwehr und Rettungsdienst klagen. 

Wie reagiert der Berliner Senat?

Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte am Mittwoch zusammen mit dem ständigen Vertreter des Landesbranddirektors, Karsten Göwecke, die Mahnwache besucht. Er sagte: "Die neuen Stellen und Fahrzeuge sind der erste Schritt. Wir müssen etwas tun. Und wir tun etwas"

"Für uns ist völlig klar, dass Polizei und Feuerwehr unter guten Bedingungen arbeiten sollen", heißt es von einer Sprecherin der Innenverwaltung auf Anfrage von bento. Im Februar habe man deshalb schon zahlreiche Maßnahmen beschlossen. Geplant sind rund 350 neue Stellen, außerdem soll es Hunderte Beförderungen geben. Es werden rund 100 neue Fahrzeuge für insgesamt 8,7 Millionen Euro beschafft. Zehn Millionen Euro sind für weitere Instandsetzungs- und Baumaßnahmen vorgesehen.

Für die Gewerkschaft ist das lediglich ein kleiner Schritt. "Das reicht lange nicht aus", sagt Ehricht. Es seien Investitionen von 100 Millionen Euro nötig. Bei den Fahrzeugen seien es rund 60 Millionen.

Meine Tochter hat neulich zu mir gesagt, dass ich gerade so viel arbeite. Sie sagte mir, dass es schöner ist, wenn ich zu Hause bin. Das tut weh. Ich versuche ihr dann immer zu erklären, wofür wir da sind. Dass Menschen auch nachts Hilfe brauchen. Von den Problemen bei der Arbeit erzähle ich ihr natürlich nie. 

Sie erklärt auch allen in der Kita stolz, dass ich Feuerwehrfrau bin, sie will auch eine werden.

*Isabelle möchte für diese Geschichte anonym bleiben. 

Müssen Berliner Angst vor einem Kollaps haben?

Wir haben Roland Goertz gefragt. Er ist Leiter des Lehrstuhls für Abwehrenden Brandschutz an der Uni Wuppertal und ehemaliger Leiter von zwei Berufsfeuerwehren.

Wie dramatisch ist die Lage in Berlin?

Dass die Kollegen auf dem Zahnfleisch gehen, kann ich gut nachvollziehen. Dass aber das System zusammenbricht, würde ich vorsichtig anzweifeln. Bundesweit kommen derzeit viele belastende Entwicklungen zusammen. Auch in Köln gab es kürzlich Proteste.

Was für Entwicklungen?

Die Zahl der Feuerwehreinsätze steigt seit Jahren. Das liegt auch daran, dass die Bevölkerung ein immer höheres Anspruchsdenken hat. Da wird die Feuerwehr gerufen, wenn ein daumendicker Ast auf der Straße liegt.

Auch die Einsatzzahlen des Rettungsdienstes steigen dramatisch. Durch unnötige Einsätze im Rettungsdienst müssen die für die Feuerwehr geplanten Einsatzkräfte häufig Rettungsmittel besetzen oder sogar ganze Löschfahrzeuge als 'First-Responder' zu Rettungsdiensteinsätzen ausrücken. Das führt zu erheblichen Belastungen der Einsatzkräfte. 

Hinzu kommt das europäische Arbeitszeitgesetz: Einsatzkräfte dürfen nicht mehr so lange im Dienst sein. Um das auszugleichen, müssen mehr Stellen geschaffen werden. Eine Ausbildung bei der Feuerwehr dauert zwei Jahre, zum Rettungsassistenten drei. Es dauert, bis Nachwuchs da ist. 

Die Zahl der Brandtoten geht deutlich zurück. Wie passt das zusammen?

Das liegt auch an technischen Weiterentwicklungen und Rauchwarnmeldern in den Wohnungen. Die Einsätze gehen trotzdem nicht zurück, es kommt jetzt häufiger zu Fehlalarmen. Und wie gesagt: Die Feuerwehr wird nicht nur gerufen, um Brände zu löschen.

Worüber sich die Berliner Berufsfeuerwehr aufregt:
  • Personalmangel: Laut Verdi brauche es mehr als 1000 zusätzliche Feuerwehrleute, um den Dienstplan wieder komplett abzudecken. "Es gibt Mitarbeiter, die haben bis zu 800 Überstunden angesammelt", sagt Stefan Ehricht, Betriebsgruppensprecher bei Verdi und Feuerwehrmann auf der Wache Spandau-Nord.
  • Der Personalmangel führe dazu, dass Fahrzeuge nicht ausreichend besetzt seien. Umso häufiger müssten deshalb auch Löschfahrzeuge oder Rettungswagen aus weit entfernten Stadtteilen anfahren. Ein gefährlicher Mix: Anfahrtszeiten verlängerten sich, die Rettung komme verspätet – oder sogar zu spät.

    "Es kann schon mal sein, dass man von Spandau zu einem Einsatz nach Rudow muss – das sind 40 Minuten Anfahrt", sagt Ehricht. "Und dann kommt noch dazu, dass man sich als Fahrer in dem Gebiet nicht auskennt und unsere Navis schon seit mehreren Jahren nicht mehr aktualisiert wurden. Taucht unerwartet eine Straßensperrung auf, fährt man völlig falsch."
(Bild: Paul Zinken/dpa)
  • Schichtsystem: Anfang des Jahres erfolgte die Umstellung von einem 24-Stunden-Schicht-System auf ein neues Zwölf-Stunden-System. Eigentlich sollten damit weitere Überstunden vermieden werden. Das große Problem: Die Erholung reiche nicht aus. Nach dem alten System gab es bis zu fünf freie Tage zwischen den Schichten, jetzt sind es teilweise nur drei oder weniger. Hinzu kommt die Abwechslung zwischen Tag- und Nachtschichten. "Insgesamt haben wir eine 48-Stunden-Woche", sagt Ehricht. "Wenn ich höre, dass die IG-Metall von der 35-Stunden-Woche spricht, kann ich nur lachen. Ich wäre schon mit 44 zufrieden." 
  • Weitere Herausforderung: In Berlin müssen Feuerwehrleute zu 80 Prozent Rettungsdiensteinsätze fahren, nur zu 20 Prozent Einsätze für Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeuge. "Das Notfallrettungswesen ist aber wesentlich anstrengender und intensiver. In Bayern zum Beispiel ist das Verhältnis genau umgekehrt." 
  • Bezahlung: Im mittleren feuerwehrtechnischen Dienst bekommen Brandmeister die Besoldungsstufe A7. In Berlin sind das rund 2200 Euro pro Monat. "Wir sind im bundesweiten Vergleich das Schlusslicht", sagt Ehricht. 
Wir haben eine 48-Stunden-Woche
Stefan Ehricht, Verdi
  • Marode Ausrüstung und Wachen: Die veralteten Navis seien nur ein Teil des Problems. Feuerwehrmänner berichten, dass sie länger als eine Woche nur kaltes Wasser zum Duschen gehabt hätten, dass Rolltore händisch bedient werden müssten und sogar Oldtimer mit H-Kennzeichen reaktiviert wurden, weil zu viele Fahrzeuge kaputt waren.

Der Deutsche Feuerwehrverband will sich zur konkreten Situation in Berlin nicht äußern. Ulrich Bogdahn ist im Verband der stellvertretende Bundesvorsitzende der Berufsfeuerwehren. Er bewertet die bundesweite Situation positiv: "Die Leistungen der deutschen Berufsfeuerwehren können sich sehen lassen."  Ein Beleg dafür seien die hohen Vorgaben. "Wir haben sogenannte Schutzziele: Innerhalb von acht Minuten sollen mindestens zehn Einsatzkräfte bei einem Notfall oder Brand sein, nach fünf Minuten sechs weitere Kräfte. In 90 Prozent der Fälle soll das klappen und das tut es auch, nur in ländlichen Regionen ist es schwieriger."

Bei der technischen Ausrüstung sieht er kaum Herausforderungen. "Unsere technische Ausstattung ist deutschlandweit gut. Zwar kann es punktuell zu Problemen kommen, aber wir sind weitgehend up to date."

Feuerwehrmann Daniel, 28

Das Schlimmste ist, dass noch nicht mal Zeit zum Essen bleibt. Es kommt häufig vor, dass du zwischen den Einsätzen kurz mal beim Bäcker reinspringst, dann während der Fahrt schnell etwas verschlingst. Dein selbst geschmiertes Brot vergammelt auf der Wache in der Frühstücksdose. Tschüs, Pause!

Ich merke, dass ich völlig überarbeitet bin, wenn ich den Rettungswagen fahre, Blaulicht an habe und trotzdem vor einer roten Ampel stoppe. Oder wenn ich unfreundlich zu Patienten oder Hilfsbedürftigen bin. Vor einiger Zeit habe ich jemanden transportiert, der stark alkoholisiert und leicht verletzt war. Er bat mich darum, ihn fester anzuschnallen. Ich antwortete nur patzig: "Ich weiß schon, wie ich meinen Job zu machen habe."

Tschüs, Pause!
Feuerwehrmann Daniel

Natürlich darf das nicht passieren und richtig ausgerastet bin ich auch noch nie, aber trotzdem ist man schnell gereizt. Berliner Schnauze halt. 

Die dauerhafte Unterbesetzung macht sich täglich bemerkbar, zum Beispiel wenn wir mit einem Einsatzwagen ausrücken, auf denen nur fünf statt zehn Männer mitfahren. Ständig musst du quer durch die Stadt fahren, weil es an allen Ecken und Enden fehlt. Für Mai wollte ich mir ein langes Wochenende frei nehmen. Obwohl es noch zwei Monate hin ist: keine Chance.

Ich mache seit sechs Jahren diesen Job und habe das Gefühl, dass die Leute mehr als früher wegen jedem Quatsch die Feuerwehr oder den Rettungsdienst rufen. Neulich gab es einen Einsatz bei einer älteren Dame, die vehement behauptete, sie habe Thrombose. Mehrere Ärzte hatten schon widersprochen, doch weil sie unbedingt ins Krankenhaus wollte, startete sie einen Notruf, und wir mussten ausrücken. Das raubt viel Zeit, dabei sind andere Einsätze wichtiger. 

Wenn ich Freunden von dem Stress erzähle, entgegnen sie: "Naja, du kannst ja auch zwischendurch schlafen." Von wegen: Wenn ich mich auf der Wache hinlege, ist das eigentlich nur Dösen. Du denkst permanent, dass gleich der Alarm losgeht. Und versuch mal, ständig im Hinterkopf zu haben, dass du innerhalb von anderthalb Minuten in voller Montur am Einsatzfahrzeug stehen musst.

Trotz allem: Die Feuerwehr ist meine zweite Familie, im Team sind wir stark. Die Kollegen sind toll, und wenn wir helfen können, ist das immer noch die größte Erfüllung.


Gerechtigkeit

Wegen Männerfoto: Beauftragte für Gleichstellung macht Seehofer nieder
Spetter kritisiert den Heimatminister.

Was ist passiert?

Maria Spetter ist Gleichstellungsbeauftragte im Bundesinnenministerium, in einem hausinternen Brief hat sie sich nun massiv über Horst Seehofers Entscheidung beschwert, sein Führungsteam ausschließlich mit Männern zu besetzen. Wie die Zeit berichtet, wirft Spetter Seehofer darin vor, sich nicht an den Koalitionsvertrag zu halten. Sein Ministerium soll sich nämlich auch darum kümmern, dass leitende Positionen des öffentlichen Dienstes bis 2025 ausgewogen besetzt sind.