Bild: Imago
Unsere Forderungen zum Weltfrauentag

Seit Mitte Februar wird die 15-jährige Rebecca aus Berlin vermisst. Die Polizei geht von Totschlag aus, die Mordkommission ermittelt. Aber das Foto, mit dem die Polizei nach dem Mädchen fahndet, ist seltsam. Es ist ein Instagram-Bild, Rebecca macht darauf ein Duckface, ist stark geschminkt, auf dem Bild liegt ein Beauty-Filter.

Warum wird ausgerechnet mit diesem künstlichen Bild nach dem Mädchen gesucht? Die Antwort: für uns, für die Medien. Seit Wochen druckt die Bild-Zeitung das Foto immer wieder. Rebecca ist darauf hübsch, sympathisch und mädchenhaft.

"Ein Mädchen mit blondem Pony, vollen Lippen, blauen Augen – von künstlicher Schönheit", schwelgt die WELT. Und lässt sich von einem Experten erklären: Bei jungen Mädchen würden "archetypische Gefühle" angesprochen, wie etwa der Beschützerinstinkt.

Gewalttaten an Frauen sind für uns Krimis, Morde an Frauen nennen wir Dramen. Dabei müssen wir Gewalt gegen Frauen endlich als das ernst nehmen, was es ist: Femizid.

Ein Vater tötet seine Tochter (BILD), da heißt es "Familiendrama", ein Typ engagiert drei Kumpels, um gemeinsam seine Ex-Freundin zu erstechen (Stern), das wird "Beziehungstat" genannt. Dabei sind das keine erfundenen Dramen, sondern echte Straftaten – und die Betroffenen hatten gar keine Beziehung mehr. 

Doch nicht nur das ist in Deutschland ein Problem – auch im deutschen Strafrecht wird Gewalt gegen Frauen unfair gewichtet. 

Das Problem mit dem Wort "Beziehungstat" ist nämlich: Es ist formal gesehen völlig korrekt. Damit etwas als "Beziehungstat" in die Kriminalitätsstatistik eingeht, reicht auch ein Tinderdate, ein gelegentliches gemeinsames Mittagessen im Büro (FAZ).

Auch wenn die Polizei also eine "Beziehungstat vermutet", sollten Medien genau nachfragen, bevor sie Täter und Opfer in eine Liebesbeziehung setzen.

Ein weiteres Problem: Mord wird besonders hart bestraft, wenn ein Gericht Heimtücke, Habgier oder Grausamkeit feststellt. Nur ist Heimtücke ein Mordmerkmal der Schwachen, sagt der Anwaltverein (ZEIT), und wird überdurchschnittlich oft bei Frauen festgestellt. Wer dagegen offen zuschlägt, komme eher mal mit Totschlag davon. Tötet er anschließend sich selbst, ist das ein erweiterter Suizid und taucht gar nicht in der Kriminalstatistik für partnerschaftliche Gewalt auf (KeineMehr). 

Wie also kann man über diese Taten als das sprechen, was sie wirklich sind? Die Lösung dafür hat die US-Feministin Diana Russel schon vor 40 Jahren gefunden: das Wort Femizid.

Als Femizid wird der Mord an einer Frau bezeichnet. 

Oder eher: der Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Auch die WHO verwendet den Begriff. Die Bundesregierung hat erst im vergangenen Jahr einen Antrag der Linkspartei abgelehnt, ihn auch in Deutschland zu benutzen. 

In der Bundesrepublik entsteht keine öffentliche Diskussion über den Begriff. Anders ist das im Ausland: In Österreich brennt gerade eine Debatte über die hohe Zahl an Gewalttaten gegen Frauen, die Struktur dahinter und über das Wort Femizid (Vice). In Argentinien haben in den vergangenen Jahren Aktivistinnen der Frauenbewegung "Ni una menos" erkämpft, dass Femizid als Bezeichnung in den Medien und sogar vor Gericht verwendet wird. Dadurch ist dort ein Bewusstsein über das strukturelle Ausmaß von Frauenmorden entstanden, das es so in Deutschland bisher nicht gibt. (DLF)

Dabei gibt es in Deutschland alle zwei bis drei Tage einen Femizid durch Partner oder Ex-Partner (SPON).

Der Deutsche Anwaltverein (DAV) fordert eine Strafrechtsreform, um die diskriminierenden "Mordmerkmale" abzuschaffen. Dafür müsste der Strafrechtsparagraph 211 geändert werden. Damit würden härtere Strafen möglich.

Denn was falsche Begriffe in den Medien und die Lücke im Strafrecht verbergen, ist: Femizid ist strukturell.

Femizid unterschiedet sich von Mord in spezifischer Weise. So werden die meisten Femizide von Partnern oder Ex-Partnern begangen, sie gehen mit häuslicher Gewalt einher, mit Drohungen und Einschüchterungen, sexueller Gewalt oder Situationen, in denen Frauen weniger Macht und Ressourcen haben.
WHO

Die Taten haben eine Vorgeschichte und die ist kein romantisches Drama – sondern hat mit Macht und Gewalt zu tun. Hinter Femizid steckt die Vorstellung, dass Frauen weniger wert sind.

Solange wir von Beziehungstaten und Familiendramen sprechen, verschwindet diese Dimension.

In ihrem Buch "Dead Girls" schreibt die US-Journalistin Alice Bolin, wie unsere oberflächliche Obsession mit "Toten Mädchen" die darunterliegenden Strukturen ignoriert:

"Es ist klar, dass wir das tote Mädchen genug lieben, um ihre Geschichte aufzuwärmen und zu reproduzieren, sie immer und immer wieder zu töten, aber nicht genug, um ein Muster zu erkennen. Sie ist immer eine einzigartige Besonderheit, ein pikantes neues Mysterium."

Worte wie "Beziehungsdrama" hingegen vermitteln den Eindruck, die Tat sei irrelevant für die Öffentlichkeit. War halt irgendwas Privates, was hat das mit uns zu tun? Das muss aufhören. Denn wir können die Strukturen nur ändern, wenn wir sie erstmal anerkennen.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, der DAV fordere, Gewalt gegen Frauen in Deutschland zu Hasskriminalität zu erklären. Das ist so nicht korrekt. Der DAV fordert eine Strafrechtsreform, um die diskriminierenden "Mordmerkmale" abzuschaffen. Er fordert nicht, Geschlecht in die Definition der Bundesregierung zu Hasskriminalität aufzunehmen. Wir haben den Fehler korrigiert.

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Sport

Das tut jetzt weh: Reden wir über Sexismus im Profisport
Unsere Forderungen zum Weltfrauentag

Fairness, Vielfalt und Integration – Sportverbände rühmen sich gern mit den ganz großen Werten. Aber in vielen Sportarten ist Gleichberechtigung immer noch eine Wunschvorstellung. Das zeigt sich vielleicht am deutlichsten an Bibiana Steinhaus, der ersten weiblichen Schiedsrichterin in der Ersten Fußballbundesliga der Männer. Sie war bester Schiri in der Zweiten Liga, aufgestiegen ist sie erstmal trotzdem nicht. Da stellt sich die Frage: Haben Männer Angst, vor den sportlichen Leistungen der Frauen?

Frauen bekommen weniger Anerkennung, sexistische Kommentare sind keine Seltenheit und in vielen Sportarten haben es Frauen immer noch schwerer Erfolge zu feiern, als ihre männliche Konkurrenz. 

Der Profisport hat ein Sexismusproblem und das muss sich ändern!

Erleichtert den Zugang für Frauen! 

"Frauen haben auf dem Fußballplatz nichts verloren!" Diesen Satz hört Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus von Fußballer Kerem Demirbay, als sie ihn vom Platz stellt. Damals pfiff sie noch in der zweite Bundesliga. Heute ist sie die erste weibliche Schiedsrichterin in der Ersten Fußballbundesliga der Männer. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Steinhaus trainierte hart und war gut, viel mehr noch, sie war besser als ihre männlichen Kollegen. 

Der Deutsche Fußball-Bund vergibt nach jedem Spiel Noten an die Schiedsrichter. 2016 gelangte die geheime Liste nach draußen. Steinhaus stand auf Platz Eins und stieg trotzdem nicht auf (SZ Magazin). Zehn Jahre kämpfte sie da schon für ihren Traum – bis Mai 2017.

Das Beispiel zeigt, dass Frauen im Profisport immer noch zurückstecken. Bei gleicher Leistung haben sie es trotzdem schwer, überhaupt erst einmal Zugang zu ihrem Traumjob zu bekommen.

Gleiche Anerkennung für gleiche Leistung! 

Wenn es ums Geld geht, sieht es für die Frauen schlecht aus: Die deutschen Skispringerinnen Katharina Althaus, Carina Vogt, Juliana Seyfarth und Ramona Straub sind zum Beispiel weltklasse. Das bewiesen sie vergangene Woche bei der nordischen Ski-Weltmeisterschaft. Zum ersten Mal gab es ein Teamspringen der Frauen bei einer WM und die vier flogen zu Gold. Für ihren Bundestrainer Andreas Bauer sei die Sportart auf einem guten Weg in Richtung Gleichberechtigung. 

Ein Blick auf die Preisgelder zeigt jedoch, dass dieser Weg noch lange ist: Während die Frauen für ihren Sieg 4400 Euro untereinander aufteilen, bekommen die Männer sieben Mal so viel, nämlich 31.000 Euro. Das ist unfair und das Argument, dass es das Skispringen der Frauen eben noch nicht so lange gebe, ist dabei keine Rechtfertigung. Schließlich trainieren die Frauen genauso hart und zeigen bei der gleichen Weltmeisterschaft ihr Können.

Stoppt Sexismus im Sport! 

In der konservativen Tenniswelt schreiben alte weiße Männer Frauen vor, was sie zu tragen haben. Und wenn bei der Darts-WM eine Frau antritt, heißt es von einem deutschen Sportkommentator, das einzige Mittel ihren männlichen Gegner zu schlagen, sei ihre Klamottenwahl. Sexismus ist immer noch Realität im Profisport und in der Berichterstattung über ihn und das muss aufhören! 

Die Tennis-Spielerin Serena Williams trug beim Comeback nach ihrer Schwangerschaft auf dem Tennisplatz nicht wie gewohnt Rock und ärmelloses Oberteil, sondern einen schwarzen Catsuit von Nike.