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In jeder von uns steckt eine kleine "Feminist Killjoy" – lassen wir sie raus

Als die Frau mit dem Doppelnamen die Bühne stürmt, um Bernd Stelter für seinen Witz anzumaulen (bento), dachten Tausende Frauen:

Hey, die KENN ich doch.

Das ist doch diese Freundin, die neulich den sexistischen Witz auf der Party gnadenlos angesprochen hat – während alle anderen ihn höflich überhörten. Oder die Frau aus der Netflix-Serie (bento), die nach dem Großer-Salat-großer-Penis-Witz ("You like it big?") einfach mal das Date beendet hat. Und sie ist die Kollegin, die über den wenn-meine-Frau-wüsste-Witz im Büro demonstrativ nicht lacht.

Ja, das ist alles dieselbe Person.

Und sie hat einen Namen: Feminist Killjoy.

Die feministische Spielverderberin ist eine wütende Person, die allen anderen die gute Stimmung versaut – und darauf auch noch stolz ist.

Erfunden hat den Begriff die feministische Theoretikerin Sara Ahmed.

In einem Interview sagt sie: "Ich bin häufig mit meiner Familie um den Esstisch gesessen und war dabei immer diejenige, die auf problematische Aussagen hingewiesen hat und dadurch selbst zum Problem wurde." (Migrazine)

Auf ihrem Blog feministkilljoys.com kann man testen, ob man auch eine ist. Ahmed schreibt:

  • Rollen die Leute mit den Augen, sobald du den Mund aufmachst?
  • Sagen die Leute öfter, du wirkst wütend – egal was du sagst?
  • Hast du schonmal die Stimmung versaut, indem du das Wort ergriffen – oder einfach nur aufgetaucht bist?
  • Lachst du nicht über Witze, die jemanden verletzten sollen?
  • Benutzt du die Worte Sexismus und Rassismus, selbst wenn sich dann jemand schlecht fühlt?
  • Bist du bereit, anderer Leute schlimmster feministischer Albtraum zu sein?
  • Bist du bereit, dich eine Spielverderberin nennen zu lassen?

Eine "Feminist Killjoy" vereint damit alle denkbaren frauenfeindlichen Vorurteile auf sich. Sie ist kleinlich und pedantisch, hat keinen Humor, ist zickig und nachtragend. Und sie versteht einfach nicht das große Ganze, in dem die kleine Episode, der politisch inkorrekte Witz, doch gar keine Rolle spielen.

Als Dank gibt es für sie mindestens ein Augenrollen. Sie wird auf Twitter gedisst und auf Yelp runtergevotet – wie Gabriele Möller Hasenbeck (bento).

Die Figur Feminist Killjoy ist längst in die feministische Popkultur gewandert. Sie steht auf T-Shirts, Ansteckern, Aufnähern, Schlüpfern (Etsy). Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht: Dann weiß jeder gleich Bescheid. 

Die Figur hat aber auch eine ernste Bedeutung, eine wichtige gesellschaftliche Funktion: 

Sie normalisiert Sexismus-Kritik.

Je öfter wir die äußern, desto normaler wird sie. Und es wird auch normaler, dass nicht jeder, der etwas sexistisches sagt, für den Rest seines Lebens vorbestrafter Sexist ist.

Man darf sich für den Hinweis bedanken, sich entschuldigen und beim nächsten Mal einen Witz machen, bei dem nicht die halbe Menschheit die Punchline ist.

Bringt das was?

Wir vermuten mal: Bernd Stelter, der WDR und andere Männer, die niemand gefragt hat, sind da resistent. Sie sind Teflon-beschichtet und feministische Kritik perlt an ihnen ab. Aber um die geht es auch gar nicht: sondern um die Frauen im Saal und zu Hause, die gerade abschalten wollten, weil sie auch nicht mitlachen konnten.

Irgendetwas gewinnt man immer, wenn man das Wort ergreift. Wenn schon niemand applaudiert, dann gibt es zumindest eine gute Geschichte, die man im Schaukelstuhl seinen Enkelinnen erzählen kann.

Und wenn viele feministische Killjoys zusammenkommen, kann das sehr effizient sein: Ein gutes Beispiel sind die beiden Frauen, die mit ihrer Petition deutschen Hip-Hop-Fans die R-Kelly-Konzerte verdorben haben – zu recht (bento).

Wir müssen nicht immer alle Killjoy sein

Feminismus ist sowieso hart und anstrengend. Daher lautet die Devise: Pick your fights. Mindestens genauso wichtig – und um einiges einfacher – ist es, anderen Feminist Killjoys Beifall zu klatschen.

Denn jeder, der mal die Eierstöcke (oder Eier) hatte, selbst Feminist Killjoy zu sein, weiß:

Wenn man gerade bereut, den Mund aufgemacht zu haben, einen der Sicherheitsdienst aus dem Karnevals-Saal geleitet und man denkt, gerade allen die gute Stimmung verdorben zu haben, dann tut es gut, wenn jemand kommt und sagt: Danke dir, genau das habe ich auch gerade gedacht.

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Musik

Die Tour von R. Kelly wurde abgesagt, doch die Begründung ist eine Beleidigung für alle Opfer
Wenn Geld wichtiger ist als Menschenrechte, läuft etwas schief.

Es klingt wie eine gute Nachricht: Die großangekündigte Tour von R. Kelly durch Deutschland wird nicht stattfinden. Damit sind die Auftritte eines Künstlers vom Tisch, dem seit Jahrzehnten vielfach sexuelle Gewalt gegen Kinder und erwachsene Frauen vorgeworfen wird. Und der zuletzt nur noch aus dem Gefängnis kam, weil er eine Kaution von 100.000 US-Dollar hinterlegte und seinen Pass abgab.

Doch schaut man genauer hin, ist die Absage alles andere als ein Statement für Frauenrechte – im Gegenteil: Sie zeigt nur, wie wenig Frauen immer noch geglaubt wird, wenn sie sich gegen sexuelle Gewalt wehren.