Andere Frauen fühlen sich manchmal genauso unwohl wie ich.

In "Sagte Sie" geht es um Angst, Scham und Wut. Darum wie es ist, weiblich zu sein. Herausgeberin Lina Muzur hat in dem Buch 17 Erzählungen von Autorinnen gesammelt, die uns spüren lassen: "Die Zukunft des Miteinander von Männern und Frauen" muss neu verhandelt werden. 

Keine Erzählung gleicht der anderen. Was sie dennoch alle gemeinsam haben: Sie bringen einen zum Nachdenken. Über Männer und Frauen, Sexualität, Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Das weiß ich, weil ich das Buch gelesen habe. Und auch ich habe mir dabei einige Gedanken gemacht. 

Vier von ihnen habe ich hier aufgeschrieben:

1.

Ich bin nicht die Einzige, die sich unwohl fühlt, wenn ein Mann zu weit geht.

Fast jede Frau kennt die Momente, in denen dieses bestimmte Gefühl aufkommt. Wenn da plötzlich eine Hand auf dem Schenkel liegt. Man nicht weiß, wie sie dahin gekommen ist oder wie man sie wieder wegbekommt. 

Der Moment, in dem man sich unhöflich fühlt, wenn man ihm keinen Abschiedskuss gibt – obwohl er den ganzen Abend Drinks spendierte und einen bis zur Haustür brachte. Das Schuldgefühl, wenn man seine Avancen nicht erwidert. Er meint das ja nicht böse.

Elif kam sich blöd vor, weil sie ihn so hart abwies, schließlich hatte er sie bis vor die Haustür gefahren.
Fatma Aydemir - Ein Zimmer am Flughafen

Was ich aus Gesprächen mit Freundinnen, Kolleginnen und den Frauen meiner Familie glaubte zu wissen, wurde mir schwarz auf weiß abgedruckt in diesem Buch noch einmal sehr deutlich bewusst: Ich bin nicht allein mit meinem Unbehagen in solchen Situationen. 

Weiße Anführungszeichen
Die Blicke waren wie ein Vertrag. Man unterschreibt ihn, wenn man zurückguckt.
Antonia Baum – Setzen Sie sich!

Das Gefühl, das solche Situationen auslösen, kennen auch die Frauen in den Geschichten. Auch wenn es fiktive Erzählungen sind, fühlt es sich für mich als Leserin echt und nah an. Ich bin weniger allein mit meiner Hilflosigkeit, mit dem Schuldgefühl und der Verlegenheit. Das tut gut.

2.

Es ist in Ordnung, wenn ich es als Frau genieße, begehrt zu werden.

Es ist okay, die Blicke von Männern zu suchen. Es ist okay zu flirten und zu genießen, dass man begehrt wird. Seine Sexualität und Lust als das anzuerkennen, was es ist: schön und menschlich.  

Die komplette Fahrt über war Ethan angespannt, aus Angst vor dem Hund wahrscheinlich, aber vielleicht auch, weil er mich scharf fand.
Helene Hegemann – The Day I Fucked Her Husband At The Lake

Ich habe das Gefühl, dass wir Frauen das weniger ausleben als Männer. Wenn ich selbstbewusst über mein Aussehen rede, mich im Spiegel bewundere. Selbst, wenn ich einfach ein Bild von mir poste, auf dem ich mir gefalle. Ich fühle mich selbstverliebt, arrogant. Oder habe Angst, dass das andere von mir denken könnten. 

[...] ohne hinzusehen, weil er Franziska im Visier hat, die schon wieder drüben an der Tanzfläche steht. Und sie merkt das, kann’s aber nicht glauben. Der Barmann: sie? O ja, verflixt. Der guckt schon wieder. Der hat die schönsten Augen der Welt.
Anke Stelling – Raus

Aber genau das sollte ich viel öfter machen. Wir Frauen sollten öfter innehalten, wenn uns jemand gefällt. Feiern, dass wir begehrt werden. Wahrnehmen, wenn uns jemand scharf findet. Viel öfter.

3.

Ich lernte schon als Kind, dass Jungs und Mädchen ungleich sind.

Ich bin Feministin. Meine Eltern sind Feministen. Das Umfeld, in dem ich aufwuchs und auch die Leute, die mich heute umgeben, stellen das Recht auf Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht in Frage.

Beim Lesen von "Sagte Sie" merke ich: Regelmäßig und unbemerkt lernte ich trotzdem, dass Männer und Frauen nicht gleich sind.

Wie in Kristine Bilkaus Geschichte aus "Sagte Sie" galt auch in meiner Kindheit: Jungs gegen Mädchen. Das war keine böse Absicht, das war aber einfach so. Die Jungs spielten Fußball, die Mädchen hüpften Seil. Die Jungs durften alleine, die Mädchen mussten zu zweit. Die Jungs bekamen mehr Taschengeld, weil sie einfach mehr forderten. (Orange)

Während meiner gesamten Kindheit gab es"die Jungs" und "die Mädchen". Und die Väter, die ihren Söhnen sagten: "Du musst lernen auszuteilen".

Dann gingen sie später wenigstens nicht so leicht unter, sie würden sich ohnehin mehr anstrengen müssen als die Erwachsenen heute, gerade Jungs würden es in Zukunft schwerhaben, Jungs seien die neuen Verlierer.
Kristine Bilkau – Die kurze Zeit der Magischen Logik

Mina im Buch findet Jungen blöd, weil sie "oft so grob“ sind. Trotzdem spielt sie mit den Jungs. Wenn die sie ärgern, entschuldigt sich Mina bei ihnen, denn nur dann kann sie mit ihnen weiterspielen.

Das erinnert mich an meine Kindheit: Ich war damals ungewöhnlich, weil ich mit den Jungs Fußball spielte. Ich galt als freche Draufgängerin und "das Mädchen, das sich was traut" – ich war genau deshalb etwas Besonderes und das wurde mir immer so gesagt.

4.

Ich weiß zu wenig über sexuelle Übergriffe.

Das fängt schon damit an, dass ich nicht weiß, was übergriffig ist. Wenn ich es als übergriffig wahrnehme? Wenn es ein Machtgefälle zwischen mir und dem Mann gibt? 

Vielleicht hätte ich schon da gehen sollen. Als er ständig meinen Namen sagte, mich an Armen und Händen berührte, als er Blicke auf mir platzierte.
Antonia Baum - Setzen Sie sich!

Wahrscheinlich weiß ich so wenig darüber, weil es ein unangenehmes Thema ist. Etwas, über das man nicht reden möchte und wann immer es geht ausblendet. Weil man davon ausgeht: Mich trifft es sowieso nicht. 

Und sie – die Kollegin am Tisch gegenüber, die Kommilitonin, die Kassiererin im Drogeriemarkt – die doch bestimmt auch nicht.

Ich wusste nur, dass der Fleck eines der bestgehüteten Geheimnisse meiner Familie darstellte, ein Geheimnis, das ich als junges Mädchen einmal aufgeschnappt hatte und nie wieder vergessen konnte (...)
Annika Reich – Der Fleck

Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 11.282 polizeilich erfasste Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung (Statista). Sexuelle Gewalt findet am häufigsten – bei 25 Prozent der Fälle  – innerhalb der engsten Familie statt (Hilfeportal Missbrauch).

Sie sagte sich, dass sie einfach verdammtes Pech gehabt hatte an diesem Tag, und bis heute hatte das für sie gereicht als Erklärung. Bis heute.
Margarete Stokowski – Zurück

Keine dieser Zahlen lässt mich kalt. Und doch sind es Zahlen ohne persönliche Geschichte. Ich habe das selbst nie erlebt. Ich weiß auch, dass diese Geschichten wahrscheinlich fiktiv und so nie passiert sind. 

Und gleichzeitig spüre ich beim Lesen, dass es in der Realität schon tausendfach passierte. Dass es viele Frauen gibt, die so etwas – oder so ähnlich – erleben mussten. Ein komisches Gefühl, dann wieder im zu Buch blättern. Die Zeilen bescheren mir ein Kribbeln auf der Haut und Grummeln in der Magengegend.   

"Sagte Sie – 17 Erzählungen über Sex und Macht"


Die Herausgeberin Lina Muzur hat in "Sagte Sie" 17 Geschichten von Autorinnen gesammelt, die von Vergewaltigung erzählen, von Selbstbestimmung, von Sex und Macht

Die Erzählungen stammen unter anderem von den Autorinnen Margarete Stokowski, Margarita Iov und Mercedes Lauenstein. 

Erhältlich ist "Sagte Sie" unter anderem hier. Erschienen ist das Buch im Hanser Berlin Verlag. (Wenn du über diesen Link kaufst, bekommen wir unter Umständen eine Provision.)

Was nehme ich mit?

Ich glaube nicht, dass ein einziges Buch Leben verändern kann. Ich glaube auch nicht, dass Leute, die sexuelle Übergriffe verharmlosen oder gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau sind, sich durch ein paar Geschichten umstimmen lassen.

Aber nach dem Lesen weiß ich, dass Frauen, die ihre Sicht auf die Welt in Geschichten verpacken, mich damit erreichen. Weil sie sich trauen, die unschöne Realität zu erzählen, ohne dabei auf jemanden zu schimpfen.

Davon brauchen wir noch mehr. Nicht nur 17 Erzählungen, gerne 17 ganze Bücher!

Ich weiß jetzt: "Die Zukunft des Miteinanders zwischen Mann und Frau" wird nur dann eine gute Zukunft, wenn wir einander noch besser verstehen. Die 17 Geschichten können ein Anfang sein. Wer sie liest, der versteht die Welt aus weiblicher Sicht besser. Auch als Frau kann das gut sein, das habe ich selbst gemerkt.


Gerechtigkeit

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