Sally Lisa Starken, stellvertretende Bundesvorsitzende der Frauen in der SPD, im Interview.

"Wir wollen keine Blumen. Wir wollen gleiche Rechte." Unter diesem Slogan haben junge Frauen eine Social Media-Kampagne für Geschlechtergerechtigkeit gestartet und einen Appell an die Bundesregierung formuliert

Sie haben sechs Forderungen aufgestellt, unter anderem die gerechte Verteilung von Care-Arbeit, ein Recht auf Gewaltschutz und bessere Bezahlung in den in der Coronakrise als "systemrelevant" deklarierten Jobs. Denn gerade die sind oft schlecht bezahlt – und werden zu 60 Prozent von Frauen gemacht. (DIW Berlin)

Unter dem Hashtag #stattblumen posten Menschen in sozialen Netzwerken, was sie für eine geschlechtergerechtere Welt außerdem fordern. 

Eine der Initiatorinnen von #stattblumen ist Sally Lisa Starken, 29. 

Sie ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Frauen in der SPD. Im bento-Interview erzählt sie, warum sie den aktivistischen Weg wählt, obwohl sie in einer Partei ist und warum ihrer Meinung nach Gleichberechtigung in der Coronakrise nicht mitgedacht wird. 

bento: Die Autorin Jagoda Marinić bezeichnete die Coronakrise als "Rückschlag für die Gleichberechtigung". Siehst du das auch so?

Sally: Ja. Das zeigt sich besonders deutlich bei Familien mit Kindern, um die sich jemand kümmern muss, wenn Schulen und Kitas geschlossen sind. Oft bleibt der Großteil dieser Care-Arbeit an Müttern hängen. Von ihnen wird eher erwartet, in ihrem Job zurückzustecken. Auch, weil Frauen meist weniger verdienen. Die Ungleichberechtigung ist strukturell und taucht bei fast jedem Thema, jeder politischen Frage auf.

Auch Gewalt gegen Frauen ist ein wachsendes Problem: Frauenhäuser haben zu Beginn der Krise gewarnt, dass die Gewalt ansteigen wird, wenn alle zuhause bleiben müssen. Genau das ist passiert. Frauenhäuser waren überfüllt, einige Städte mussten Hotels anmieten, um Frauen unterzubringen.

bento: Welche Akutmaßnahmen schlagt ihr vor, um dem entgegenzuwirken?

Sally: Zum Beispiel ein Recht auf Schutz und Hilfe vor Gewalt. Jede dritte Frau ist von Gewalt betroffen, Frauen mit Behinderung noch deutlich häufiger. Wir fordern, dass Schutzmaßnahmen ausgeweitet werden und es festgeschrieben wird, dass jede Frau ein Recht auf Schutz und Hilfe hat, was heute nicht der Fall ist.

Außerdem fordern wir gleichberechtigte Mitbestimmung, auch in der Krisenbewältigung. In der Akademie Leopoldina, die die Bundesregierung berät, sitzen zum Beispiel 24 Männer und zwei Frauen. Da ist es kein Wunder, wenn Geschlechtergerechtigkeit bei den Maßnahmen zu wenig mitgedacht wird.

bento: Euer Appell richtet sich unter anderem an Franziska Giffey, Olaf Scholz und Hubertus Heil, also SPD-Genossinnen und Genossen von dir. Hat jemand der drei schon darauf reagiert?

Sally: Bei mir persönlich noch nicht, aber sie kennen die Aktion. Wir haben die Kampagne jetzt gestartet, damit sich möglichst viele uns anschließen können und das mehr Schlagkraft bekommt. Sehr bald wollen wir den Appell dann der Bundesregierung persönlich überreichen.

bento: Du bist stellvertretende Bundesvorsitzende der Frauen in der SPD, deine Parteikollegin Delara Burkhardt, die die Aktion auch unterstützt, sitzt im Europaparlament. Ihr habt jetzt diesen eher aktivistischen Weg gewählt, um auf das Thema aufmerksam zu machen, obwohl eure Partei seit Jahren mitregiert. Werdet ihr innerhalb der Partei nicht gehört?

Sally: Wir werden gehört und es gab in den letzten Jahren auch Fortschritte, was Gleichberechtigung angeht. Aber in der großen Koalition bremst die Union die Gleichstellung aus. Viele unserer Forderungen sind in der Partei Beschlusslage, konnten aber im Koalitionsvertrag nicht verankert werden.

bento: Der letzte SPD-Kanzler Gerhard Schröder sprach 1998 bezogen auf das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von "Familie und das ganze Gedöns". Wie verbreitet ist diese Haltung heute noch in deiner Partei?

Sally: Seither hat sich viel getan. Aber die SPD ist als große Partei sehr heterogen. Ich mache auch Kommunalpolitik und begegne da natürlich auch Leuten, die sagen: Was soll das denn jetzt mit dem Genderkram? Das ist aber die Ausnahme. Ich erlebe mehr, dass Menschen, die sich mit diesen Themen bisher nicht viel beschäftigt haben, lernwillig sind, wenn man mit ihnen darüber spricht. Aber um da weiterzukommen, brauchen wir noch mehr Frauen in der SPD. Wenn in einem Ortsverein eine Frau vor acht Männern sitzt, ist es natürlich schwieriger.

bento: Die meisten eurer Forderungen sind nicht neu, auch offene Briefe und Hashtag-Aktionen für Gleichberechtigung gab es schon häufig. Was wäre für dich ein Erfolg?

Sally: Es gab bisher meiner Meinung nach selten Social Media-Kampagnen, die so übergreifend von Frauen mit ganz verschiedenen Realitäten kamen. Frauen aus verschiedenen Parteien sind dabei, eine Bundestagsabgeordnete, eine Landtagsabgeordnete. Aber auch Influencerinnen wie Louisa Dellert und Diana zur Löwen machen mit. Oder meine Mitinitiatorin Cordelia, die aus der Start-up-Branche kommt und nicht aus der Politik. So hoffen wir, möglichst viele Menschen anzusprechen und die Frauensolidarität auf eine neue Stufe zu heben. Ein konkreter Erfolg unserer Kampagne wäre für mich, wenn die Bundesregierung nur noch Maßnahmen auf den Weg bringt, die auch einen gleichstellungspolitischen Fortschritt bringen. 


Fühlen

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