Bild: Georgie Hunter/ Getty Images
H&M, C&A und Monki beschäftigen Frauen, die leiden

GRL PWR. Girlpower. So steht es geschrieben auf dem Kapuzenpullover, der gerade in den Geschäften von H&M hängt. Wenige Monate zuvor gab es das inhaltlich dazu passende Shirt, "Feminism. The radical notion that women are people", stand darauf.

Und auch beim Tochterunternehmen Monki kann man sie tragen – die Botschaft, dass wir alle Feministen sind oder seien sollten. So gab es in den Geschäften schon ein Oberteil zu kaufen, der "Riots not Diets" forderte. 

Dior schickt Models in Oberteilen auf den Laufsteg, auf denen der Titel eines Buches der US-amerikanischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichi gedruckt ist: "We should all be feminists". Das Bild von dem Shirt wurde auf Facebook und Instagram gefeiert.

Toll, könnte man nun denken. Der Feminismus hat es endlich in den Mainstream geschafft. 

Junge Frauen bekennen sich mutig und modisch zu einer politischen Haltung!

Oder ist Feminismus ein Marketing-Gag? Schöne Sprüche, die sich gut verkaufen lassen?

Wer sich die Marken genauer ansieht, stellt fest: Nicht alles, auf dem groß "Feminismus" draufsteht, enthält auch Feminismus. Dafür, dass wir stolz die vermeintlich persönlichen Botschaften auf der Brust tragen können, leiden anderswo Menschen – vor allem Frauen. 

Laut einer 2016 von der Organisation Asian Floor Wage Alliance (AFWA) veröffentlichten Studie machen Frauen zwischen 18 und 35 etwa 95 Prozent aller Arbeitenden in der Textilindustrie Kambodschas aus. Ähnlich ist es in anderen Produktionsländern. "Der Beruf der Näherin gilt als ein Frauenberuf", sagt Lamia Arslan von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, die sich in ihrer Doktorarbeit mit fairem Konsum auseinandersetzt.

Feminismus und Klamotten – so sieht das aus:
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Genau vier Jahre ist es her, dass in Bangladesch ein Fabrikgebäude einstürzte, über 1.1127 Menschen starben dabei. Und obwohl viele Hersteller damals versprachen, die Produktionsbedingungen zu verbessern und die Produktionsstätten zu verlegen, ist Bangladesch nach China noch immer der zweitgrößte Textilproduzent der Welt. Hier arbeiten Menschen bis zu 16 Stunden am Tag für einen Lohn von umgerechnet neun Cent pro Stunde (ZDF). 

Nach dem Einsturz beugten sich zwar einige Modeketten dem öffentlichen Druck: H&M, C&A und Tchibo kündigten an, die Arbeitsbedingungen in Bangladesch verbessern. Viele große Ketten produzieren inzwischen giftfrei – bei der Produktion der Kleidung werden keine gesundheitsschädlichen Chemikalien mehr verwendet.  

Die Produktionsbedingungen haben sich nicht verbessert
Lamia Arslan

Doch: "Allgemein betrachtet haben sich die Produktionsbedingungen nicht verbessert",  sagt Arslan. "Bis zu 90 Prozent der angebotenen Kollektionen sind nicht nachhaltig produziert. Noch immer gibt es T-Shirts für vier Euro. Das kann nur auf Kosten der Umwelt und der Arbeiterinnen funktionieren."

Bei H&M gibt es T-Shirts mit feministischem Aufdruck ab zehn Euro. Das schlichte Dior-Shirt mit Aufdruck feministischer Botschaft kostet hingegen etwa 700 Dollar.

Ein Preis, der alle Normalverdienerinnen und somit einen großen Teil der Frauen ausschließt. Luxus-Feminismus also. 

Unsere besten Texte über Feminismus – hier:
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Problematisch ist auch: Bei Monki gibt es Kleidung lediglich in den Größen S-L zu kaufen – gleichzeitig impliziert das Unternehmen mit "Riots not Diets", jede Körpergröße und jedes Gewicht seien in Ordnung. Nur eben bei Monki selbst nicht, da finden alle, die nicht in die vorgegebenen Größen passen, kein passendes Shirt.

Einen ähnlichen Eindruck hinterlässt die Kollektion "Bonjour Simone", die die Modebloggerinnen von "This Is Jayne Wayne" entworfen haben und die den Namen der französischen Feministin Simone de Beauvoir im Titel trägt. Man kann sie bei "Kauf dich Glücklich kaufen" – allerdings maximal bis Größe L, schreibt diese Nutzerin auf Instagram:

"Selbstbewusst, frech und eigensinnig sind nicht nur wir Frauen, sondern auch unsere Körper. Ob groß oder klein – das T-Shirt in unserem eigens designten All-Over-Print will sagen 'Embrace your Beauty'", lautet die Beschreibung der Blogger-Kollektion. Die Antwort der Nutzerin, die auf Instagram hundertfach geliked wurde: "Leider darf ich meine Beauty nur embracen, wenn meine Konfektionsgröße zwischen XS und L liegt."

Die Bloggerinnen selbst kontern auf ihrer Webseite: "Wir können immer nur betonen, dass die Buchstaben nur Buchstaben sind und man lieber anprobieren sollte, statt an dem Labeling der Größen zu verzweifeln."

Dennoch: Es will nicht richtig zusammenpassen – die Botschaft, die sich große Modekonzerne zu eigen machen und die Empörung mancher Kundinnen, die in der vermeintlich individuellen Auswahl nichts Passendes für sich finden.

Denn Feminismus ist mehr als ein gut klingender Spruch auf dem Shirt. Es ist der Versuch, Gleichberechtigung für alle Frauen in der Welt herzustellen. Und dabei muss man eben auch diejenigen mitdenken, die nicht schlank und reich sind und in Westeuropa leben und arbeiten

Es ist lobenswert, dass feministische Botschaften in der Mode thematisiert werden, doch ein konsequenter Feminismus muss verschiedene Diskriminierungsformen in den Fokus stellen. Auch wenn es ganz nett ist, immer mehr junge Menschen mit feministischen Slogans auf der Brust zu sehen, sollte immer klar sein: Feminismus ist kein modisches Accessoire, sondern eine politische Haltung.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes stand, dass Lamia Arslan an der Uni Hamburg tätig ist. Dies ist nicht der Fall. Arslan arbeitet an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.


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