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Wie Frauen die Zeit nach der Fehlgeburt erlebt haben – und wie Freunde und Familie helfen können.

Fehlgeburten sind normal. Experten schätzen, dass zwischen 30 und 40 Prozent aller Schwangerschaften in den ersten zwölf Wochen im Abort enden. (Welt

Trotzdem bleiben Schwangerschaftsverluste ein Tabuthema. Gründe dafür gibt es viele: Überforderte Freunde und Verwandte, Menschen, die die Trauer nicht verstehen, Ärzte, die zur Vorsicht in der Kommunikation raten, und trauernde Eltern, die nicht wissen, wie sie über den Verlust reden können. 

Wir haben vier Frauen gefragt, wie sie die Zeit nach der Fehlgeburt erlebt haben – und mit einer Expertin darüber gesprochen, was unsere Gesellschaft besser machen könnte. 

Cristina, 25, lebt in Hamburg und arbeitet beim Jobcenter.

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Weil ich schon mal eine Totgeburt hatte war klar, dass ich in der Folgeschwangerschaft sehr streng beobachtet werden sollte. Am Anfang war noch alles in Ordnung. Beim einem Termin stellte der Arzt fest, dass das Herz des Babys nicht mehr schlug und dass es ungefähr eineinhalb Wochen zurückentwickelt war. Mein Körper hatte nicht realisiert, dass das Kind tot war. Das nennt man "missed abortion". 

Wegen der Totgeburt hatte ich mich bei dieser Schwangerschaft sehr zurückgehalten, was die Vorfreude angeht. Ich hatte es kaum jemandem gesagt. Natürlich haben mein Mann und ich uns über den positiven Schwangerschaftstest und das erste Hören des Herzschlags gefreut. Aber ich wusste, was passieren kann. 

Ich finde, man muss viel mehr über das Thema Fehlgeburten reden. Es fehlt sehr viel an Informationen und an Beratungen für Paare. Mein Arzt hatte mir zum Beispiel gesagt, dass ich entweder abwarten oder eine Ausschabung machen lassen kann. Ich wusste aber von anderen Frauen, die auch eine Fehlgeburt erlebt hatten, dass man auch durch Tabletten eine Geburt einleiten kann. Das habe ich nachrecherchiert und meinem Arzt gesagt, dass ich die Tabletten will. Ohne Erfahrungsberichte von anderen Frauen hätte ich das nicht gewusst. 

Mandy, 30, kommt aus der Nähe von Landau und ist Gesundheitspflegerin.

Das Kind in meinem Bauch war ein absolutes Wunschkind. Mein Sohn war gerade ein Jahr alt geworden und wir haben ihm ein Halstuch angezogen worauf stand "Ich werde eins und ich werde Bruder“. Das war unser Gag an seinem Geburtstag für die Verwandtschaft. Wir haben uns alle sehr gefreut. Eine Woche später ging es mir aber plötzlich sehr schlecht und als ich dann auf die Toilette ging, kam die Blutung. Das war in der siebten Woche. Es stimmt, wir haben es unseren Verwandten und Freunden sehr früh gesagt. Uns war das Risiko egal. Und weil wir die Schwangerschaft schon verkündet hatten, mussten wir natürlich auch allen von der Fehlgeburt erzählen. 

Das war eine sehr schwierige Zeit, auch weil manche sehr unsensibel waren. Ich wollte nicht so was hören wie, "Das wird seinen Grund gehabt haben, da wird etwas nicht gestimmt haben." Mir wurden so die Gefühle abgesprochen. Dabei war ich wirklich traurig. Das muss man einfach akzeptieren und sein Beileid zeigen. Nach der Fehlgeburt wurde ich wieder schwanger. Aber dieses Mal hatte ich ständig Angst. Ich dachte ständig, dass es schon wieder vorbei wäre. Aber zum Glück lief alles gut. Trotzdem macht mich die Fehlgeburt immer noch traurig. Aber alles verdrängen macht es nur schlimmer. 

Inna, 31, lebt in Bielefeld und hat nach ihrer Fehlgeburt eine Tochter bekommen.

Im Juli 2014 habe ich mein erstes Kind im dritten Monat durch eine "missed abortion" verloren. In meiner Fantasie hatte das Kind schon Arme und Beine, eine Augenfarbe und ich konnte es lachen hören. Kurz vor der nächsten Untersuchung bei der Gynäkologin hatte ich aber ein schlechtes Gefühl. Das Gefühl bestätigte sich beim Termin: Die Gynäkologin konnte keinen Herzschlag mehr feststellen. Das war in der neunten Woche. Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas weggenommen wurde. Für Außenstehende ist das sehr schwer nachzuvollziehen. Viele haben meine Trauer nicht verstanden, weil das für sie noch kein greifbarer Mensch für sie war. 

Sehr schlimm war auch die Sprachlosigkeit zwischen meinem Mann und mir. Er konnte meine Trauer nicht verstehen. Irgendwann habe ich meine Gefühle einfach für mich behalten. Ich habe mit kaum jemandem darüber geredet. Erst letztes Jahr habe ich das mit einer Therapeutin aufgearbeitet. Ich hatte das Gefühl, als sei es gestern passiert. Vor ein paar Wochen habe ich dann auch beim Standesamt eine Urkunde für sie ausstellen lassen (gefühlt war es ein Mädchen) und beim Friedhof habe ich das Sternenkindergrab besucht. Ich fand das sehr tröstlich und das hat mir ein Stück geholfen.

Hessa, 24, kommt aus Bochum macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau.

Ich hatte nie das Gefühl, dass man in der Öffentlichkeit über Fehlgeburten spricht. Frauen reden untereinander manchmal über das Thema, aber auch nur, wenn eine das zum Beispiel erlebt hat. Das Nicht-Reden führt aber dazu, dass man bei so einem schweren Verlust alleine ist. Ich hab das selber erlebt, bei meiner zweiten Fehlgeburt. Bei meiner ersten war ich 21 Jahre alt und wollte auch keine Schwangerschaft. Beim zweiten Mal war es anders. Ich wollte das Kind. Das war letztes Jahr. 

Am Anfang habe ich kaum jemandem von der Schwangerschaft erzählt – außer meiner besten Freundin und meiner Schwester. Meine Schwester riet mir, das keinem zu sagen, da es ja eine Fehlgeburt sein könne und alle wären enttäuscht. Also schwieg ich. Mir hat das aber nicht wirklich geholfen. Ich hatte das Gefühl, dass ich damit alleine war. Als ich die Fehlgeburt hatte, hatte ich unglaublich starke Schmerzen und Blutungen. Ich rief heulend den Krankenwagen. Im Krankenhaus musste ich zwei Stunden auf den Arzt warten. Währenddessen weinte ich die ganze Zeit, weil ich wusste, dass ich gerade mein Kind verliere. Man sagte mir nur, ich solle mich doch beruhigen. Das war der Horror. 

Über die Fehlgeburt kann ich erst seit Neustem reden. Dafür musste ich eine Therapie machen. Das klingt komisch, aber irgendwie habe ich mich schuldig gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwas mit mir nicht stimmt. Ich habe mich ständig gefragt, wieso es bei anderen Frauen so einfach klappt und bei mir nicht. Daran sieht man, dass das Thema so selten angesprochen wird, weil man denkt, dass man eine Ausnahme wäre – aber das stimmt ja nicht. 

Was kann unsere Gesellschaft also besser machen? 

Anette Kersting ist Direktorin an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig und hat unter anderem eine Onlinetherapie für Menschen entwickelt, die einen Schwangerschaftsverlust erlitten haben. Wir haben sie gefragt, wie man über Schwangerschafstverluste sprechen kann – und ob unsere Gesellschaft neue Rituale braucht. 

bento: Frau Kersting, wieso fällt es uns so schwer über Fehlgeburten zu sprechen?

In unserer Gesellschaft gibt es keine festen Rituale für Verluste von ungeborenen Kindern. Zwar gibt es auf einigen Friedhöfen Grabsteine für ungeborene Kinder, aber das ist noch nicht lange so. 

bento: Das heißt, wenn es gesellschaftliche Regeln wie Beerdigungen gäbe, würde es den Betroffenen leichter fallen, sich zu öffnen? 

Sie würden dadurch mehr Verständnis bekommen, weil die Trauer einen Platz hätte. 

bento: Was hält uns noch davon ab, über Fehlgeburten zu sprechen?

Ich höre oft von betroffenen Frauen, dass sie sich nicht äußern wollen, weil sie Angst haben, auf Unverständnis zu stoßen. Sie werden mit Äußerungen konfrontiert, dass das ja gar nicht so schlimm sei, weil das Kind noch nicht gelebt habe oder dass sie ja noch so jung seien und noch ein Baby bekommen könnten. Solche Bemerkungen übersehen die Bindung zwischen Mutter und Kind. Die entsteht, sobald man weiß, dass man schwanger ist.

bento: Was kann man als Freundin oder Verwandter denn besser machen? 

Wichtig ist, dass man sich bewusst wird, ob man über das Thema überhaupt sprechen möchte und einen Teil der Trauer aushalten kann. Davor haben manche Menschen Angst. 

Wenn man sich unsicher ist, ob man die Betroffene auf die Trauer ansprechen kann, sollte man sie ganz offen fragen, ob sie darüber reden möchte. Bei einem "Ja" sollte man selber offen für das Thema sein und ein "Nein" ist zu respektieren. Vielleicht ist es nicht der richtige Zeitpunkt.

bento: Würde es den Betroffen helfen, wenn man in unserer Gesellschaft öfter darüber reden würde?

Verluste können besser verarbeitet werden, wenn man soziale Unterstützung hat und wenn man Empathie spürt. Das Sprechen führt auch dazu, dass Themen weniger stigmatisiert werden. Das sehen wir zum Beispiel beim Thema Depressionen. Seitdem in der Gesellschaft offener über das Thema gesprochen wird, begeben sich mehr Menschen in Behandlung. 

bento: Warum raten Ärzte trotzdem dazu, die Schwangerschaft erst mal geheim zu halten?

Es geht in erster Linie darum, die Frauen aufzuklären und sie darauf hinzuweisen, dass in den ersten drei Monaten das Risiko eines Verlustes höher ist. Das kann auch Auswirkungen auf die Bindung vieler Frauen zum Kind haben. So schützen sich zum Beispiel manche Frauen, die einen Schwangerschaftsverlust erlebt haben und dann erneut schwanger werden, indem sie zunächst keine so intensive Bindung eingehen.

bento: Sie haben eine Onlinetherapie für Eltern, die Kinder verloren haben, entwickelt. Wie funktioniert diese?

Die Betroffenen bekommen unterschiedliche Schreibaufgaben, in denen sie über ihre Gefühle schreiben. Die Therapie dauert insgesamt fünf Wochen. Ziel ist es, die Betroffenen bei der Verarbeitung des Schwangerschaftsverlustes zu unterstützen.

bento: Was bedeutet eine Fehlgeburt für Menschen mit Kinderwunsch?

Für manche Frauen ist es etwas ganz Elementares, ein Kind zu bekommen. Das gehört zu ihrer Identität. Wenn sie nicht schwanger werden können oder kein gesundes Baby bekommen können, erleben sie sich im Vergleich zu anderen Frauen als defizitär. Das trifft natürlich nicht auf jede Frau zu.

Dasselbe kann auch für Männer gelten, deren Spermienqualität eine Schwangerschaft verhindert. Das Problem bei einem Schwangerschaftsverlust ist aber, dass man oft nicht herausfinden kann, woran es lag. Es ist wichtig klar zu machen, dass es sehr unterschiedliche Gründe für einen Schwangerschaftsverlust geben kann – und dass viele nicht von den Eltern beeinflusst werden können.

bento: Weil viele Frauen sich sonst schuldig fühlen?

Ich erlebe das oft. Vielen Menschen fällt es leichter, sich selbst die Schuld für etwas zu geben, weil sie den Eindruck haben, die Situation beim nächsten Mal beeinflussen zu können.

bento: Hängt das auch davon ab, wie sehr unser Umfeld Kinder erwartet?

Die Erwartungen des Umfelds spielen sicherlich eine Rolle, aber wenn ein Kinderwunsch besteht, erwarten die Frauen das in erster Linie selber. Das bedeutet, wenn es nicht klappt, sind die Betroffenen enttäuscht. Die individuellen und gesellschaftlichen Erwartungen treffen da aufeinander.

bento: Wie verarbeiten Betroffene eine Fehlgeburt?

Das ist sehr individuell. Viele Frauen haben mir berichtet, dass sie sich gewünscht hätten, zusammen mit ihrem Mann trauern zu können, also in derselben Situation dieselben Gefühle zu erleben. Allerdings ist das selten der Fall. Manche Männer trauern zum Beispiel später, weil sie ihrer Partnerin erst einmal beistehen wollen. Aber es lässt sich nicht pauschalisieren, weil jeder Mensch anders trauert. 

Hier findest du Hilfe

Der Verlust eines ungeborenen Kindes kann für die Eltern, aber auch für die Geschwisterkinder, die Familie und Freundinnen und Freunde schwer belastend sein. Betroffene können sich an verschiedene Hilfsangebote wenden, um mit der Trauer und anderen Gefühlen umzugehen und um die Fragen zu stellen, die sie am meisten beschäftigen. Die Initiative Regenbogen und der Bundesverband Veid wenden sich zum Beispiel an alle, die selbst ein Kind verloren haben oder Eltern durch diese Zeit begleiten.

Mehr Informationen erhältst du über Angebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.


Gerechtigkeit

Türkisches Kulturmagazin: Was ist eigentlich "renk."?
Ein Gespräch mit Gründerin Melisa Karakuş über Kaffeehäuser und Parallelwelten.

Ein Schloss unterhalb des linken Handgelenks, ein Schlüssel unterhalb des rechten: Es sind nur zwei von einigen Tattoos, die Melisa trägt, aber sie fallen auf, wenn sie einem die Hand zur Begrüßung entgegenstreckt. Zugänge schaffen ist ein Lebensthema von Melisa Karakuş, 30.    

Melisa ist Designerin und empfängt in ihrem Büro namens "Farbe." im Berliner Wedding. Hier ist auch der Redaktionssitz von "renk.", ihrem deutsch-türkischen Gesellschafts- und Kulturmagazin, das sie 2013 gegründet hat. "renk." bedeutet "Farbe" auf Türkisch.