Die komplette Analyse

Die FDP hat einen neues Video zur Bundestagswahl gedropt. Star des 90 Sekunden langen Videos: Parteichef und Spitzenkandidat Christian Lindner. Die Aufnahmen sind vor allem schwarz-weiß, schnell geschnitten, dazu treibende Beats. Das Gegenteil von pastellklebriger Wohlfühl-Atmosphäre.

In den 90 Sekunden steckt mehr als im neuen Video von Taylor Swift. Die braucht mehr als vier Minuten, um in vielen Bildern mit vielen Details und Anspielungen nur ein neues Album anzukündigen.

Das FDP-Video hingegen erklärt in kürzerer Zeit Christian Lindner, die FDP, Demokratie in Deutschland und die Welt. Dazu zeigt es in 90 Sekunden etwa 100 verschiedene Motive. Jedes einzelne Bild ist ein Punch, schwer aufgeladen mit Bedeutung. Hier sind die Wichtigsten:

Los geht's: Christian Lindner spricht zu uns und guckt uns schließlich direkt an: "Manchmal muss dich jemand zwingen, neu anzufangen."

Die FDP ist in der vergangenen Bundestagswahl abgewählt worden, raus aus dem Bundestag. Eine schmerzliche Niederlage.

In den ersten sechs Sekunden ist klar: Hier kämpft jemand wie besessen für die am Boden liegende FDP. (Die eigentlich in zehn Landtagen sitzt, aber geschenkt.)

Mit dem nächsten Bild verschiebt Lindner den Fokus:

Weg von der FDP, hin zur deutschen Industrie, hin zu Deutschland: "Du stellst nicht mehr die Frage: Wie haben wir das immer gemacht."

Jetzt muss plötzlich ganz Deutschland wachgeküsst werden. Was für ein Trick! Und hier kommt der Prinz gefahren:

Lindner im Auto. Das Motiv wird uns noch häufiger begegnen. Die Botschaft: Hier ist jemand immer unterwegs, quer durch die Republik. In einem schnellen Auto. Freie Fahrt für freie Bürger!

Er überlegt nun laut, wie es wäre, ein Land auf der grünen Wiese neu zu bauen. Wir sehen:

Unter anderem einen Fußballplatz. Nach dem Arbeiterhelm schon der zweite Frontalangriff auf die SPD, deren Kandidat Martin Schulz früher Profikicker werden wollte.

Dann gibt's Rüben – dabei gilt die FDP doch als Partei der Wirtschaft, der Anzugträger und Steuervermeider. Andererseits haben gerade Zuckerrüben wenig mit landwirtschaftlicher Romantik zu tun, die Zuckerproduktion ist ein hoch konzentriertes, knallhartes und globales Business.

Update: Vielleicht doch kein Zucker?

Triste Wohnblöcke: Wie war das doch gleich, neu bauen? Das gefällt dann nicht nur den Mietern, sondern auch den Wohneigentümern, die mit Neubau und Renovierungen die Mietpreisbremse umgehen können. Jedes Bild hat mindestens zwei Bedeutungen.

Schließlich eine trostlose, menschenleere Schule. Um Bildung geht es später auch noch. Aber erst:

"Wie bringen wir Digitalisierung schneller voran?", fragt Lindner. Er ist Jahrgang 1979, kennt also noch das dunkle Mittelalter, die Zeit vor Wikipedia und YouTube. Aber ist eben auch noch nicht so alt, dass er sich gar nicht mehr auskennt.

Das Video ist keine 30 Sekunden alt, da reibt sich Lindner müde die Augen. So viel zu tun! In den Ohren: iPhone-Kopfhörer. Aber die für 35 Euro, nicht die kabellosen für 180 Euro. Lindner will cool wirken, nicht wie ein Clown.

Lindner fährt durch die Nacht. Das Hemd ist frisch gebügelt, jede Menge Akten sind dabei. Bisschen was wegarbeiten. Draußen ist ohnehin dunkel. Und Schlaf ist etwas für die Gewerkschafter von der Linkspartei.

Nächstes Thema: Innere Sicherheit. Eine Flasche oder ein Stein fliegt, ein Wasserwerfer rückt vor. Sieht nach G20 in Hamburg aus. Lindner will die Menschen nicht in ihrer Freiheit einschränken. (Ein Gericht hat das in Hamburg gerade anders gesehen und einen Flaschenwerfer zu harten 2,5 Jahren Haft verurteilt.)

Freiheit und Sicherheit sollen zusammenpassen.

Dieser Widerspruch wird noch unterstrichen durch die supercoolen Aufnahmen der Krawallmacher.

Es geht um neue Ideen, die erstmal alle furchtbar finden, und für die man kämpfen muss. Lindner muss kämpfen, in der FDP. Die FDP muss kämpfen, gegen allen anderen. Und überhaupt rennen viele Menschen gegen Strukturen an, in Firmen, bei Behörden, in Deutschland.

Da ist er wieder, der Lindner-Trick: Es geht um ihn, um uns, um alle.

Das Bild dazu: bayerisches Bierzelt, brüllen. Lindner, geboren in Wuppertal, Abgeordneter im Landtag Nordrhein-Westfalen, ist überall. Im Hintergrund der skeptische Ur-Bayer, konservativ, leicht rundlich.

Neues Denken. Wieder alles sehr anstrengend. Und, keine Sorge, es wird nicht alles gleich gedankenlos zertrümmert. Vorher wird noch das Hemd gebügelt!

Zurück zur Bildung. Erstmal rauchen. Gehört ja auch zusammen: Gebildete Menschen können selbst entscheiden, was gut für sie ist. Lasst sie rauchen, verdammt!

Besser als rauchen? Pizza essen. Große, fettige Pizza essen. Hier kommt die Lieferung! Wer hart arbeitet, bestellt eben nach 14 Stunden einen Lieferboten nach Hause. Also ins Büro, aber das Handy glaubt irgendwann, dort, wo man immer nachts ist, sei zu Hause.

Jedenfalls wird jetzt über Bildung gestritten und diskutiert. "Dann geht es erst richtig los", sagt Lindner. Kaffee trinken, ins Flugzeug steigen, weiterreden. Es gibt keine Punkte, kein Ende, nur Doppelpunkte. Es geht immer weiter.

Wir sind zurück bei der FDP: Es gibt eine Mehrheit für einen Antrag, eine Abstimmung auf dem Parteitag. Gleichzeitig erklärt Lindner mal eben, was Politik allgemein bedeutet: Kompromisse hart erarbeiten, nicht wünsch dir was.

Bis auf die Sache mit dem Auto. Individueller Personenverkehr, der ist nicht verhandelbar.

Geschafft: neuer Eintrag im Wahlprogramm. Die Punkte zählen hoch, politische Positionen, Stundenkilometer, Treuepunkte, Lohnzuwachs, wer weiß das schon so genau. Mehr ist mehr! Und weil das eingebettet ist in Autobilder, ist Politik auch gar nicht langweilig.

Lindner hofft, dass "die Menschen das jetzt umsetzen wollen". Also die Wähler, die dafür die FDP wählen sollen. Zu sehen gibt es zwei agile High Potentials. Überhaupt sind in den 90 Sekunden kaum ältere Menschen zu sehen. Sehr her: Die FDP ist Zukunft, nicht Vergangenheit, sagen die Bilder.

Wenn die FDP gewählt wird, "fängt die Arbeit erst richtig an", sagt Lindner. Es gibt eine Wiederholung in den kurzen 90 Sekunden: Erst geht die Diskussion "erst richtig los", dann fängt die Arbeit "erst richtig an". Einerseits, klar: Die FDP macht es richtig. Andererseits aber auch: Deutschland kann mehr (wiederum ein Spruch von SPD-Schulz).

Lindner blinzelt ein letztes Mal müde in die Kamera. Einerseits gut zu wissen, dass sich da einer keine Ruhe gönnt. Aber ob man ihm das wirklich auch noch zumuten möchte, Regierung, bei all dem Stress?

Und weil Lindner im Video immer auch uns meint und überhaupt alle, verspricht die FDP: Es wird super anstrengend mit uns.

Hier ist das komplette Video:


Queer

Standesämter bekommen ein Ehe-Update
Konnte ja keiner ahnen!

Die Ehe für alle ist endlich da! Nachdem der Bundestag im Juni überraschend der Gesetzesvorlage zugestimmt hat, dürfen ab dem 1. Oktober nun die ersten gleichgeschlechtlichen Paare heiraten.

Doch es gibt ein Problem.

Denn die Standesämter sind auf die neue Situation noch gar nicht richtig vorbereitet.