Bild: Sebastian Maas / bento
Die FDP macht aus "Sieg Hail" ein "Sieg Heil" – und das soll lustig sein.

Die FDP hat am Donnerstag ein Video auf Twitter veröffentlicht. Nach 15 Sekunden musste ich es erstmal anhalten: durchatmen – überprüfen, ob das wirklich der verifizierte Account einer echten Partei ist. Ist er. Leider. 

Das Video zeigt, wie eine vermummte Person Rechtschreibfehler in rechtsradikalen Graffiti korrigiert: Aus "Sieg Hail" wird ein "Sieg Heil" gemacht und aus "Scheiss Asilanten" wird "Scheiß Asylanten".

"Orthograffiti" nennt die FDP das. Mit dem Spot will sie für eine bessere Bildungspolitik werben. Das behaupten sie jedenfalls am Ende des Videos. 

Und ich weiß kaum, wo ich anfangen soll:

Haben die Macher des Videos auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, was dieser Spot mit den Menschen macht, gegen die diese Botschaften gerichtet sind?

Ich wohnte als Kind in einem Haus, an dessen Außenwand in großen schwarzen Buchstaben "Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!" stand.

In einem kleinen, idyllischen Ort in Süddeutschland mit Fachwerkhäusern und Bauernhöfen war es das markanteste Merkmal für ein kleines Kind, um sein Zuhause zu erkennen. Es waren die ersten Sätze, die ich geübt habe, als ich Lesen lernte.

Als ich verstanden habe, was diese beiden Sätze bedeuten, und dass sie dort standen, weil ich und meine Familie in diesem Haus wohnten, wollte ich es entfernen - mein Vater kratzte ja auch Sticker mit Nazi-Sprüchen ab, die an Ampeln und Geländern klebten. Aber dieses Graffiti konnten wir nicht verschwinden lassen, weil es nach kurzer Zeit wieder da war. Es sollte uns das Gefühl geben, dass wir nicht willkommen sind.

Menschen, die solche Botschaften verbreiten, sind Menschen, vor deren Übergriffen ich Angst habe.

Das ist die Wirkung, die Nazis erzielen wollen, wenn sie mit solchen Sprüchen öffentliche Räume besetzen. Egal ob akustisch oder optisch. Und wen stört das? Anscheinend niemanden so richtig. Außer die FDP. Aber nur, wenn die Rechtschreibung nicht stimmt. 

Auf eine bento-Anfrage hieß es aus der FDP, man habe dabei auch extremistische und menschenverachtende Schmierereien gezeigt, von denen man sich deutlich distanziere. Aber mit dem Clip verbreitet die Partei dennoch  die Botschaft von Menschen, die gegen alle demokratischen Werte Deutschlands stehen, weiter. Der Eindruck bleibt: Naziparolen, ja – aber bitte richtig!

Die Arroganz, mit der die FDP hier die Sorgen und Ängste ihrer Mitbürger beiseite wischt, lässt mich fassungslos zurück. Das ist die eine Sache.

Die andere Sache ist: Wollen wir jetzt alle so tun, als wäre das Hauptproblem bei Nazis, dass sie keine Rechtschreibung können?

Die FDP sagt dazu, man habe "am Beispiel von Graffiti-Rechtschreibfehlern auf den Zusammenhang zwischen mangelnder Bildung und Extremismus aufmerksam gemacht."

Das Problem: Nazis sind nicht immer dumm und "Extremismus" hat nicht immer etwas mit einem Mangel an Bildung zu tun.

Es gibt genügend Ärzte, Richter, Anwälte und Universitätsprofessoren in Deutschland mit rechten, antidemokratischen Einstellungen. Goebbels war promovierter Germanist.

Ja, Deutschland sollte mehr in Bildung investieren und versuchen, den Zugang zu Wissen zu erleichtern. Aber der Grund, warum wir mehr Geld für Bildung brauchen, ist nicht, dass Nazis nicht schlau genug sind. 

Im Namen der Bildungspolitik wird hier eine Kausalität hergestellt, die so nicht besteht. Und gleichzeitig wird ein viel größeres Problem total verharmlost: Den Rechtsruck in unserer Gesellschaft in einem entfernten Milieu zu verorten und darüber Witze zu machen, wird unsere Demokratie nicht schützen.

Und wenn die FDP unbedingt ein virales Video mit rechten Graffitis machen will, dann sollte sie sich vielleicht von Irmela Insa-Schramm inspirieren lassen. Die Rentnerin wurde vor Kurzem zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie Nazi-Graffiti unkenntlich machte.

Denn rechte Parolen gehören nicht korrigiert, sondern endgültig entfernt – von den Wänden und aus den Köpfen. 


Gerechtigkeit

Deutschland braucht Mustafa. Wann kommt er endlich?
Mustafa musste Deutschland mit acht Jahren verlassen. Nun will er zurück – als Arbeitskraft

Als Mustafa Krasnic mit seinem silbergrauen Audi 80 um die Kurve fährt, klappert die Beifahrertür des alten Autos, als würde sie gleich aufspringen. “Halt mal bitte” sagt Mustafa in akzentfreiem Deutsch, dann schaltet er zurück in den vierten Gang. Eigentlich wollte der 20-Jährige auf dem Flohmarkt in Nikšić, Montenegro, ein paar gebrauchte Skianzüge verkaufen, doch den ganzen Morgen über hat es pausenlos geregnet. Zwei Stunden Fahrt waren umsonst, Mustafa will nur noch nach Hause.

Eigentlich sollte er hier längst weg sein. Zurück in Deutschland, dem Land, in dem er geboren wurde. Mustafa und seine Familie mussten gehen, als er acht Jahre alt war. Aus einer Kleinstadt bei Tübingen zogen sie an den Rand einer Mülldeponie in Montenegro.