Bild: privat/Montage: bento
"FDP-Politiker als Faschisten zu beschimpfen, kann ich gar nicht verstehen."

Am 5. Februar um kurz nach 13.30 Uhr stürzen viele FDP-Wähler und Mitglieder in eine Identitätskrise. Thomas Kemmerich, der Thüringer Landeschef der Liberalen, hat sich gerade mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Schon einen Tag später muss er seinen Rücktritt ankündigen, so empört waren die Reaktionen aus Partei und Bevölkerung. (bento)

Auf Demonstrationen wird die FDP in den Tagen und Wochen danach als "geschichtsvergessen" beschimpft. Die frühere Absage von Parteichef Christian Lindner an eine Bundesregierung mit Jamaika-Koalition, es sei besser, nicht zu regieren als falsch zu regieren, wird von Protestierenden in "Lieber mit Faschisten regieren, als gar nicht regieren" geändert, Büros und Wahlplakate der FDP werden beschmiert. 

Bei der Wahl zur Hamburger Bürgerschaft müssen die Liberalen schließlich um den Wiedereinzug bangen: Am Sonntagabend schrammten sie glatt an der Fünf-Prozent-Hürde (Tagesschau). Jeder fünfte ehemalige FDP-Wähler gab an, dass Thüringen ihm das Kreuz verleidet hat (Tagesschau).

Die Partei des Liberalismus – in den Augen vieler wurde sie zum Helfershelfer von Faschisten.

Was macht das mit jungen Liberalen? Wenden sie sich enttäuscht von ihrer Partei ab – oder sagen sie: jetzt erst recht? 

bento hat mit Fabian gesprochen, einem enttäuschten FPDler, der noch am Abend nach Kemmerichs Wahl ausgetreten ist. Und bento hat auch Anna gesprochen. Sie engagiert sich schon länger bei den Jungliberalen – am Tag nach der Thüringenwahl trat sie der Partei bei.

Anna Staroselski, 23 Jahre, aus Berlin

(Bild: Rina Gechtina)

"Thüringen war natürlich ein Schock. Ich schätze die FDP als eine Partei, die versucht, Zusammenhänge analytisch zu betrachten, um adäquat zu reagieren. Kemmerich hat aber schnell reagiert – und die Wahl zum Ministerpräsidenten angenommen. Das war ein großer Fehler.  

Aber von der Fehlentscheidung eines Einzelnen auf die gesamte Partei zu schließen, fand ich daneben. Ich arbeite für einen FDP-Bundestagsabgeordneten als Werkstudentin und engagiere mich bei den Jungen Liberalen. Ich nehme die Freien Demokraten als weltoffen, tolerant und progressiv wahr – als Gegenpol zur AfD! 

„Am Tag nach Erfurt war daher für mich klar: Jetzt trete ich bei der FDP ein!“

Es geht mir darum, ein Zeichen für den Liberalismus zu setzen. Die FDP hat sich immer klar gegen Rassismus und Antisemitismus positioniert. Das sage ich nicht so daher. Ich bin Jüdin und engagiere mich als Vizepräsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland stark in der jüdischen Community in Deutschland. Wenn ich sehe, wie die meisten Parteien mit jüdischer Identität und jüdischen Themen umgehen, dann reicht mir das nicht. 

Wer auf das heutige Judentum in Deutschland schaut, muss verstehen, dass Juden nicht nur ins Museum gehören, sondern dass es lebendiges und vielfältiges jüdisches Leben in Deutschland gibt. Die FDP tut das meiner Meinung nach. Die FDP war die Partei, die beispielsweise die Verurteilung der antisemitischen Initiative BDS im Bundestag initiiert hat und auch einen Antrag zur Einstufung der Hisbollah als Terrororganisation in den Bundestag gebracht hat sowie das deutsche Abstimmungsverhalten in der UN gegenüber Israel kritisch sieht. 

FDP-Politiker als Faschisten oder Nazi-Kollaborateure zu beschimpfen, wie es seit Thüringen vielerorts passiert, kann ich nicht verstehen. 

„Ich sehe, wie sich die FDP bemüht, selbstkritisch mit Fehlern umzugehen.“

Christian Lindner hat sich der Vertrauensfrage gestellt und wurde klar bestätigt. Außerdem wird eine Arbeitsgruppe in der FDP Fraktion im Bundestag eingerichtet, die Taktiken der AfD analysiert. Die Liberalen tun jetzt alles dafür, dass so etwas wie in Thüringen nicht wieder passiert. Die AfD ist eine rassistische und antisemitische Partei, die unter einem angeblich bürgerlichen Deckmantel versucht, den eigenen Rassismus und Antisemitismus reinzuwaschen. Wer die FDP mit ihr gleichsetzt, stärkt am Ende nur die politischen Ränder."


Fabian Ritter, 21, aus Aschaffenburg

(Bild: privat)

"Am Tag der Thüringenwahl war ich viel unterwegs, von dem Ergebnis hatte ich zunächst nichts mitbekommen. Erst nachmittags habe ich auf Social Media die ersten Anti-FDP-Memes gesehen und wurde stutzig. Es gab das Plakat von Kemmerich, wo er sagte, dass er in Geschichte gut aufgepasst habe und alle verspotteten es. Ich fragte mich, was der Quatsch soll. 

„Als ich dann verstanden habe, um was es ging, war ich wirklich geschockt.“

Ich bin ein liberaler Mensch, gleich mit 18 bin ich in die FDP eingetreten und war knapp drei Jahre aktiv. Auch heute noch hat die FDP meiner Meinung nach das stimmigste Programm, gerade was Bildung und Digitalisierung angeht. Allerdings hat sich die Partei seit der Absage an Jamaika in eine schlechte Richtung entwickelt, ich vermisse die klare Haltung. 

Ich verstehe, dass Kemmerich die bürgerliche Mitte stärken wollte und sich aufgestellt hat. Aber die Front gegen die Linkspartei und deren Gleichsetzung mit der AfD kann ich nicht nachvollziehen. Ex-Ministerpräsident Ramelow steht doch in der Linken weit rechts.

Ich hatte meinen Austritt öffentlich gemacht und viel Zuspruch erhalten, sowohl von Parteikollegen als auch von Freundinnen und Freunden. Klar, es gab auch einige, die mir vorgeworfen haben, ich würde mein Fähnchen in den Wind hängen, aber darum geht es nicht. 

„Ich habe die FDP nicht wegen irgendeiner falschen Entscheidung verlassen – ich habe sie verlassen, weil es DIE falsche Entscheidung war.“

Stimmen von Faschisten anzunehmen war für mich ein Tabubruch. 

Ich möchte auch weiterhin politisch gestalten. Da ich glaube, dass Parteien jungen Menschen immer noch die beste Struktur bieten, etwas zu bewegen, muss ich schauen, wo ich eine neue Heimat finden kann. Die SPD oder die Grünen könnten das sein – und vielleicht auch irgendwann wieder die FDP, sollte sie zu ihrem alten Profil zurückfinden. Nur nichts machen gilt nicht, Politikverdrossenheit ist für mich keine Option."


Gerechtigkeit

Raus aus dem Teufelskreis – Kanax in die Politik
Wählen ist für Menschen mit Migrationshintergrund oft ätzend. Zeit, dass Parteien Verantwortung dafür übernehmen

Für mich ist der Gang zur Wahlurne eine Katastrophe. Das gilt immer, aber bei Regionalwahlen ganz besonders. Gerade pilgern in Hamburg die Menschen in Grundschulen und Turnhallen, um ihre Stimmen abzugeben, und in knapp drei Wochen wird in meiner Heimat, in München, wieder gewählt. Und wieder weiß ich nicht wirklich, was ich machen soll.

Meine Mama musste mich früher oft zwingen: "Wenn du schon einen deutschen Pass hast, dann wähl wenigstens auch!" – reichte zwar meist, um an mein schlechtes Gewissen zu appellieren. Aber Spaß oder Freude daran hatte ich noch nie als Bürger in diesem Land. Denn das Ergebnis ist, zumindest hier in München, jede Legislaturperiode gleich: Ein alter, weißer Mann wird Bürgermeister. Und, Überraschung, im Stadtrat sitzen auch fast nur alte, weiße Männer. Letzteres ist in ganz Deutschland so.