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Fünf Fatwas und ihre Folgen

Der Islam ist in den Augen vieler Kritiker eine mittelalterliche Religion mit in Stein gemeißelten Regeln. Die Scharia, die islamische Rechtssprechung, gilt als Gesetzbuch voller Verbote und Verneinungen. Die Fatwas, einzelne Gesetze, gelten als Aufrufe zu Steinigungen und Ehrenmord.

Richtig ist beides nicht: Die Scharia bedeutet im Arabischen "Straße", gemeint ist damit der Weg, den ein Gläubiger einschlagen muss, um tugendhaft zu sein. Dazu gehört die Beachtung aller Gesetze, die aber unter den Gelehrten ständig in Diskussion und Wandel sind. Denn: Der Koran ist zwar eine Grundlage, aber schon Jahrhunderte alt. Auf moderne Fragen ("Kann ich beim Beten Nagellack tragen?") kennt er keine Antworten. Hier kommen Religionsgelehrte zusammen – und diskutieren neben dem Koran auch andere Quellen, um Regeln aufzustellen.

Klare Regeln gibt es allerdings kaum. Denn eine Fatwa ist nur ein Gutachten, eine Meinung – und kein Gesetz. Jeder Gelehrte kann eine Fatwa aussprechen und erläutern, mit welchen Quellen er zu seinem Urteil gekommen ist. Ob ein Muslim diese Fatwa annimmt, ist ihm selbst überlassen. Bestenfalls holt er sich die Meinung anderer Gelehrter ein. So kann es dann passieren, dass fünf Gelehrte für Nagellack sind und einer dagegen.

Die meisten Muslime fragten lange Zeit ihren lokalen Imam – oder hörten sich Fatwa-Kassetten an, von Gläubigen besprochene Musikkassetten, die auch heute noch auf vielen arabischen Märkten zu finden sind. Zum Glück gibt's nun das Internet. Seit 1990 sind Online-Fatwas populär geworden, weiß auch die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth. Auf der Netz-Messe re:publica in Berlin hat sie kuriose Fatwas vorgestellt.

Die populärsten Prediger sind mittlerweile auch auf Twitter und Facebook unterwegs. Millionen Muslime folgen ihren Feeds. Der Nachteil solcher Social-Media-Fatwas: Wie gute Memes bleiben auch schlechte Fatwas ewig im Netz. Der Vorteil: Der islamische Diskurs wird wieder lebendiger, absurde oder radikale Prediger erfahren Gegenwind. Fünf Beispiele, bei denen das Netz gegen Fatwas gewonnen hat:

1. Muslime dürfen keine Schneemänner bauen

Wer hat's gesagt? Muhammad Salih al-Munajjid, 10 Millionen Follower auf Twitter, syrischer Kleriker in Saudi-Arabien. Seine Fatwas sammelt er auf islamqa.info.

Warum? Im Winter 2015 war es im Norden Saudi-Arabiens so kalt, dass es in der Wüste geschneit hat. Hunderte Saudis bauten fröhlich Schneemänner (und -frauen), der Kleriker hielt das für unislamisch. Gott allein dürfe Dinge erschaffen!

Was passierte? Obwohl Al-Munajjid sehr angesehen ist, erntete er einen Shitstorm für seine Schnee-Fatwa. Die Saudis bauten weiter, Al-Munajjid musste nachgeben. Zähneknirschend änderte er seine Fatwa: Nur sehr deutliche Gesichter dürften nicht mit Schnee gebaut werden.

2. Scheidung per Messenger ist okay

Wer hat's gesagt? Wieder Al-Munajjid.

Warum? Der Gelehrte wurde gefragt, was passiert, wenn man(n) seiner Frau per SMS oder Messenger "Ich lasse mich scheiden" schreibt. Dessen Meinung: Scheidung darf schriftlich passieren, wenn sie wirklich so gemeint ist. Wurde das nur als Drohung oder im Spaß geschrieben, zählt es nicht. Das gelte auch für Textnachrichten.

Was passierte? Wieder Shitstorm, wieder rudert Al-Munajjid zurück. Auch andere Gelehrte sind gegen SMS-Trennungen: Gelehrte aus Tadschikistan ebenso wie emiratische Gelehrte – letztere allerdings nur, wenn die Trennung im Zorn formuliert war. Sonst ist Schlussmachen per Messenger erlaubt.

3. Profilbilder, Musik, Gender Mixing? Alles erlaubt

Wer hat's gesagt? Scheich Ahmad bin Qasim al-Ghamdi, 33.000 Follower auf Twitter, ehemaliger Präsident der saudischen Religionspolizei.

Warum? Weil er's kann. Obwohl Al-Ghamdi bekleidete einen der konservativsten Posten Saudi-Arabiens, er gilt als bad boy der Gelehrtenszene. Eine Fatwa spricht sich gegen das Verbot von Musikhören aus, eine andere dafür, dass Frauen und Männer gerne Zeit miteinander verbringen dürfen. Allerdings verkündete er auch: Frauen dürfen unverhüllte Profilbilder bei Facebook hochladen!

Was passierte? Al-Ghamdi erntete einen Shitstorm – allerdings von islamistischen Hardlinern. Aus Trotz legte er noch einen drauf und brachte seine Frau in eine Talkshow mit, ohne Gesichtsschleier. (Al-Arabija)

4. Koran-App darf mit auf's Klo

Wer hat's gesagt? Noch mal Al-Munajjid.

Warum? Die Anfrage wurde von Muslimen gestellt, unter anderem auf der Fatwa-Plattform Islam Stack-Exchange, die den Koran als App auf ihrem Smartphone haben. Da der Koran als heiliges Buch gilt, darf er nicht mit schmutzigen Händen angefasst werden. Was nun, wenn er aber Teil des Smartphones ist – und das ja überall dabei ist?

Was passierte? Erleichterung für alle Smartphone-Jünger: Der Koran ist und bleibt ein Buch. Seine App-Form ist daher nicht heilig, Händewaschen vorm Surfen nicht nötig.

5. Fußballer angucken ist verboten

Wer hat's gesagt? Ein wenig bekannter saudischer Imam, dessen Namen noch nicht mal die arabischen Medien in ihrer Berichterstattung über die Fatwa für wichtig hielten.

Warum? Die Fatwa richtet sich speziell an Frauen: Sie sollen keine Fußballspiele mehr anschauen, um sich nicht von entblößten Männerbeinen ablenken zu lassen. Dazu passend gibt es auch eine Fatwa für Männer: Die sollen sich grundsätzlich die Beine bis zum Knöchel bedecken, um die Damenwelt nicht verrückt zu machen.

Was passierte? Araber empörten sich auf Twitter mit einem Hashtag, der übersetzt #Frauen_lieben_Fußball_wegen_der_Männerschenkel bedeutet und starteten jede Menge Memes. In saudischen Medien zeigten sich Kommentatoren erschüttert über die seltsame Fatwa.

Die Beispiele beziehen sich natürlich auf absurde Vorschläge und wie das Netz darauf reagierte.

Aber es gibt auch Fatwas, die ernste Hintergründe haben oder von Millionen Muslimen ernst genommen werden. Und es gibt Fatwas, die zu Gewalt aufrufen – und ebenfalls ihre Anhänger finden. So hat der iranische Ajatollah Khomeini zur Tötung des indischen Schriftstellers Salman Rushdie aufgerufen – weil dieser ein Buch über die Abkehr vom Islam geschrieben hatte. Rushdie lebt daher in London unter Polizeischutz.

Eine andere Fatwa verbietet Frauen in Saudi-Arabien das Autofahren. Gelehrte sprachen die Empfehlung Anfang der 1990er aus, ein richtiges Gesetz zum Fahrverbot gibt es nicht. Mittlerweile sind viele Gelehrte der Meinung, die Fatwa wieder aufzuheben – und saudische Frauen protestieren regelmäßig für ein Recht auf Autofahren. Dennoch hält sich die Mehrheit im Land noch an die angestaubte Fatwa.

Info: In einer ersten Version des Artikels war der Hinweis auf die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth verloren gegangen. Sie forscht zum Thema Netz-Fatwas, die meisten hier aufgeführten Beispiele hat sie auf einem Vortrag der aktuellen re:publica vorgestellt. Hier könnt ihr ihr auf Twitter folgen.


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Ein Mann stirbt bei Messerattacke in Bayern
Was ist passiert?

Ein 27-Jähriger hat am frühen Dienstagmorgen im bayerischen Grafing Menschen mit einem Messer attackiert. Ein Mann starb, drei weitere wurden verletzt. Der Vorfall ereignete sich gegen 5 Uhr an einem S-Bahnhof.

Polizisten überwältigen den Mann noch vor Ort und nahmen ihn fest. Die Beamten prüfen Zeugenaussagen, wonach der Mann beim Angriff "Allahu akbar" (Arabisch: "Gott ist größer") gerufen haben soll. (Bayerischer Rundfunk)