Ihre Familie ist noch immer dort.

In der Ferne ruft eine Männerstimme "Allahu akbar". Eine Bombe begräbt eine Straße in der syrischen Stadt Idlib unter Ruß und Mauersplitter. Hasim blickt auf den Bildschirm seines Smartphones. Seine dunklen Augenbrauen ziehen sich zusammen. Er scrollt zu den Kommentaren. Unter dem Video findet er eine Liste mit Namen. Es ist eine Auflistung der Opfer. 

Hasim atmet auf, seine Mutter und seine Schwester sind nicht darunter. Der 19-Jährige steht auf, schiebt die geblümten Gardinen zur Seite und blickt auf die schneebedeckten Berggipfel. Hier treffen die Bomben ihn und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Nadim nicht mehr. Im bayerischen Pfaffenwinkel sind sie in Sicherheit.

Es ist Sonntag, die Brüder haben ihren Freund Roland zum Essen eingeladen. Roland sei das Beste, was ihm in Deutschland passiert sei, sagt Hasim. Der etwas rundliche Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem liebenswürdigen Gesicht war Betreuer in der Einrichtung für unbegleitete Geflüchtete, in der Hasim und Nadim für fünf Monate untergebracht waren. Wenn die Jungs nicht rechtzeitig zum Essen kamen, stellte Roland die Reste heimlich in den Kühlschrank. Heute kocht Hasim für Roland.

Der 19-Jährige wohnt in einer Einzimmerwohnung. An den Wänden hängen Bilder, die er selbst gezeichnet hat. Sie sollen ihn an seine Heimat erinnern. Im Regal stehen Souvenirs aus europäischen Städten neben Fotos, die Hasim mit seinen Freunden zeigen. Auf eBay-Kleinanzeigen fand er sogar einen Teppich. Den niedrigen Couchtisch belädt er mit duftenden Reisgerichten

Eigentlich wollten sie heute mit ihrer Mutter und ihrer Schwester skypen, erzählt Hasim beim Essen. Doch seit einer Woche haben die Geschwister schon nichts mehr von ihrer Familie gehört. Im Luftschutzkeller gibt es kein Internet. 

Hasim kocht gerne für seine Gäste. Es erinnert ihn an seine Heimat.

Als Minderjähriger mit anerkanntem Flüchtlingsstatus hat Nadim das Recht, seine Mutter und seine 14-jährige Schwester nach Deutschland zu holen. 

Drei Monate nach der offiziellen Anerkennung als asylberechtigter Flüchtling stellte er Anfang des Jahres den Antrag auf Familiennachzug. Seitdem passierte nichts. Weil ihrer kleinen Schwester ein gültiger Pass fehlt, erfahren die Brüder auf Nachfragen. Und ohne Papiere gibt es kein Visum. Wenn sie die Dokumente beisammen haben, müssen es Mutter und Schwester bis in den Libanon oder in die Türkei schaffen. 

Denn ein Visum für Deutschland kann man nur in einer deutschen Auslandvertretung beantragen. Und in Syrien ist die deutsche Botschaft geschlossen. Hasim und Nadim fällt es schwer, all die Regelungen, Dokumente und Begriffe zu verstehen. 

Eigentlich heißen Hasim und Nadim anders. Weil dieser Artikel den Familiennachzug nicht gefährden soll, sind die Namen geändert. 

Die Region um Idlib ist umkämpftes Gebiet. Anfang des Jahres versuchte Präsident Baschar al-Assad, unterstützt von russischen Luftangriffen und verbündeten Milizen, die Region zu erobern. Im Februar bestätigten OPCW-Experten, dass bei einem Angriff Giftgas eingesetzt wurde (Deutschlandfunk). Im Juni meldeten Aktivisten nach einem Luftangriff 35 Tote (Zeit online).

Idlib, das war für Hasim einmal ein Ort der Geborgenheit. Bis 2011 der Krieg kam und alles änderte. Bis Hasim mit ansah, wie eine Bombe den Bus traf, indem seine Cousine wenige Sekunden zuvor eingestiegen war.  Bis bewaffnete Dschihadisten seinen kleinen Bruder Nadim vor die Wahl stellten: Freund oder Feind. 

Social Media ist Hasims einzige Verbindung nach Syrien.

Die Flucht war noch schlimmer als der Krieg. Da sind sich die Brüder einig. Hasim sieht seinen Bruder an. Der berührt ihn am Bein als wolle er ihn bekräftigen, weiter zu erzählen

Eng aneinandergepresst setzten die Brüder von der Türkei nach Griechenland über. Im kalten Wasser des Mittelmeers versanken ihre Habseligkeiten. Ohne Schuhe und T-Shirt liefen sie in Griechenland angekommen weiter. In Ungarn und Österreich landeten sie für einige Tage im Gefängnis. Doch das Schlimmste war das Laufen. Das viele Laufen.

Nadim war erst 14 Jahre alt, als die beiden flohen. "Warum hast du mich mitgenommen?", fragte er seinen großen Bruder damals. Immer wieder bat er Hasim, umzukehren. Der rief bei seiner Mutter an und fragte nach Rat. "Umkehren ist keine Option", sagt sie am Telefon. Die Brüder müssten weiter, immer weiter.

Nadim verstand das nicht. Er glaubte, dass ihn seine Mutter nicht mehr liebte. Warum hätte sie ihn sonst fortgeschickt? 

"Deshalb hat er sich mit einem Messer in den Arm geschnitten.", sagt Hasim. Nadim nickt. Damals war er noch zu jung, um zu begreifen, warum sie gehen mussten. Familie trennt man nicht. Familie gehört zusammen.

"In Deutschland habe ich nur meinen Bruder", sagt Hasim.

Einmal sprach Hasim mit einer Psychologin über seine Erfahrungen. Die habe sein Trauma heruntergespielt und ihm geraten, Tee zu trinken und viel zu schlafen. Er solle versuchen, seine Erfahrungen zu vergessen. 

Hasim kann aber nicht vergessen. Nicht solange ein Teil seiner Familie noch in Syrien ist. Doch ein Wiedersehen ist noch in weiter Ferne.

In Deutschland habe ich nur meinen Bruder.
Hasim

Wenn die Brüder nicht weiter wissen, rufen sie Roland an. Als Hasim noch kein Deutsch konnte und nur mit Händen und Füßen sprach, verstand Roland ihn trotzdem. Roland ist stolz auf Hasim. Das merkt man ihm an. 

Roland lobt Hasim, erzählt, wie gut er sich um seinen kleinen Bruder Nadim kümmert. Der 17-jährige Nadim trinkt mit seinen Freunden manchmal Alkohol und raucht zu viele Zigaretten, schimpft Hasim. Außerdem könnte Nadim mehr für die Schule lernen, findet sein großer Bruder. Hasim macht eine Ausbildung zum Glaser. Die Arbeit macht ihm Spaß, ihm gefällt, was man mit Glas alles machen kann. 

Nach dem Essen sucht Hasim Fotos von den Reisen heraus, die Roland und er schon zusammen unternommen haben. Das Bild zeigt Hasim breit lächelnd vor dem Eiffelturm. Einmal den Eiffelturm sehen, davon träumte Hasim schon, als er noch in Syrien lebte. 

Also fuhren Roland und er über Silvester nach Paris und übernachteten bei Freunden. "Paris, ja das war gut.", erinnert sich Roland. "Nicht gut", unterbricht ihn Hasim mit großen Augen. "Toll war das. Super, super toll." 

Die Fotos schickte Hasim seiner Familie. Von den Speisen macht Hasim keine Fotos. "Warum sollte ich? Meine Familie hat doch nichts zu essen." Früher waren die Mahlzeiten immer ein Familienfest, erzählt er. "Damals war meine größte Sorge, dass ich abends keine Schokolade essen durfte." Die Erinnerung daran, sagt Hasim, fühle sich an wie ein weit entfernter Traum.

Manchmal verliert Hasim die Hoffnung. Er glaubt dann nicht mehr daran, seine Schwester und seine Mutter je wiederzusehen. "Ich fühle, dass ich auch sie verliere.", sagt er. "Stirbt einer, stirbt die ganze Familie". Hasims Blick bohrt sich in das Muster des Teppichs.  Dann setzt er sich auf und sagt: "Dann stirbt dein Herz."


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