Ein CDU-Politiker, der sich immer wieder für Geflüchtete einsetzt, wird ermordet. Dringend tatverdächtig: ein Rechtsextremer. Der Fall Lübcke erschüttert und wirft die Frage auf: Wie groß ist die Gefahr von Rechts?

Walter Lübcke war in den vergangenen Jahren immer wieder von Rechtsextremen bedroht worden, vor allem im Netz. Auch andere Politikerinnen und Politiker müssen solche Erfahrungen machen. Eine von ihnen ist Viviana Weschenmoser. Die 31-jährige SPD-Politikerin aus Horb am Neckar wird seit Jahren immer wieder angefeindet und bedroht, weil sie sich gegen Rechts engagiert.

Vergangene Woche fand sie drei Waffenpatronen in ihrem Briefkasten. Laut Medienberichten handelte es sich dabei um scharfe Munition (SWR). Die Hintergründe sind noch unklar, die Kriminalpolizei ermittelt.

Wir haben mit Viviana Weschenmoser über ihren Fund, ihr Engagement gegen Rechts und den Fall Lübcke gesprochen. 

SPD-Politikerin Viviana Weschenmoser

Viviana, wann hast du die Patronen entdeckt?

Als ich am Dienstag nach Pfingsten aus einem Kurzurlaub wiederkam und den Briefkasten öffnete. Ich war mir erst gar nicht sicher, ob das wirklich Patronen sind, ich hatte vorher noch nie welche in der Hand. Im Haus befindet sich auch die Anwaltskanzlei, in der ich arbeite. Ich habe die Dinger mit einem Taschentuch vorsichtig aus dem Briefkasten geholt und meinen Kollegen gezeigt. Die haben den Verdacht bestätigt. Wir haben dann beschlossen, die Polizei zu rufen. Schon allein aus Fürsorgepflicht, sowas kann man ja nicht einfach im Mülleimer entsorgen. 

Wie hast du dich damit gefühlt?

In erster Linie war ich aufgeregt. Wirklich bedroht habe ich mich aber nicht gefühlt. Das hatte für mich nicht den Charakter eines Pferdekopfs bei der Mafia, ich habe das als blöden Streich eingeschätzt. Es war auch keine Nachricht dabei, keine Drohung, nichts.

Trotzdem ermittelt jetzt die Kriminalpolizei wegen potenzieller Bedrohung. Du wurdest schon öfter von Rechten bedroht. Was macht dich zur Zielscheibe?

Ich bin politisch aktiv und sage offen meine Meinung. Ich habe Demos gegen Naziaufmärsche organisiert und eine Veranstaltung gegen einen AfD-Parteitag. Außerdem kommentiere ich viel im Netz. Ich lasse rechten Quatsch bei Facebook oder Instagram nicht einfach so stehen, sondern versuche, sachlich gegen falsche Hetze vorzugehen, die oft verbreitet wird.

Was hat das zur Folge?

Ich werde in sozialen Medien und per E-Mail beschimpft, als "Vaterlandsverräterin" bezeichnet. Ich habe öfter Flyer von rechtsradikalen Parteien im Briefkasten, die meine Nachbarn nicht bekommen. Aber es gibt auch offene Drohungen wie "Viviana, du N****-Fickerin, wenn ich dich mal erwische!" 

Ein mal hat mir ein Mitbürger direkt ins Gesicht gesagt, er wünsche mir, ich würde von einem "Flüchtling" vergewaltigt, damit ich endlich zur Besinnung käme. Das war schon sehr unangenehm und befremdlich.

Du wirkst sehr abgeklärt und entspannt, während du das erzählst. Gehen dir die Sachen nicht nahe?

Doch, das geht mir total nahe. Aber die Fragen, die uns dabei beschäftigen sollten, sind: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und wie schaffen wir es, respektvoll miteinander umzugehen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind? Ich frage mich auch, wie ich an die Leute rankomme, die beispielsweise auf Social Media mitlesen, aber für keine Seite Partei ergreifen. Meiner Wahrnehmung nach ist die Mehrheit in Deutschland gegen rechte Gewalt, auch in verbaler Form. Wenn wir also alle lauter wären, würden die Diskussionen nicht mehr von einer kleinen Gruppe dominiert, die von dem Hass und der Verunsicherung profitiert. 

Vor kurzem wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen, ein Rechtsradikaler gilt als dringend tatverdächtig. Wie hast du den Fall verfolgt? 

Dieser feige und bösartige Mord ist unfassbar schlimm. Es übersteigt meine Vorstellungskraft, dass das irgendjemand anders sehen könnte. Ich finde es gut und wichtig, dass der Generalbundesanwalt sich dem Fall angenommen hat. Wir können das nicht als Einzelfall abtun.

Was muss deiner Meinung nach – neben der Aufklärung des Falls – die gesellschaftliche Reaktion sein?

Wir müssen als Gesellschaft deutlich stärker gegen Rechts auftreten. Alle Organisationen, die sich für eine respektvolle Gesellschaft und gegen Diskriminierung einsetzen, müssten jetzt breit an die Öffentlichkeit gehen – auch mit Hilfe der Medien. Damit wir mehr darüber sprechen, wie wir gut miteinander leben können, anstatt darüber, was Alice Weidel oder Alexander Gauland wieder mal gesagt haben. 

Außerdem müssen wir endlich verstehen, dass Hass aus digitalen Räumen in die analoge Welt schwappt. Da mangelt es vor allem an digitaler Bildung.

Bildung in allen Bereichen muss die Antwort sein: Kluge Menschen treffen kluge Entscheidungen, können für sich selber denken und teilen nicht blind irgendeinen Quatsch. Also, ab sofort in den Schulen viel Zeit in Geschichte, Gesellschaft und Zusammenhalt investieren – dann wird die nächste Generation richtig cool!


Fühlen

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Im Leben einer Frau kann es viele Probleme geben: Partner, Familie, Stress auf Arbeit. Doch zum Glück gibt es für all das auch eine Lösung: Rotwein.

Das suggerieren zumindest viele Filme, Serien und Memes. Sie zeigen Frauen, die mit ihrem Leben überfordert sind – und deshalb zum Alkohol greifen. Oft ist das lustig gemeint, wie im aktuellen Netflix-Film "Wine Country".