"Cambridge Analytica" ist nur der Anfang.

Wer wissen will, weshalb Menschen Facebook hassen, muss auf Twitter nachschauen. Seit Tagen sammeln Menschen dort unter dem Hashtag "deletefacebook" Gründe, weshalb sie das größte soziale Netzwerk der Welt verlassen. In den Diskussionen geht es um vieles, doch die Berichte über angebliche Wahlmanipulationen durch die Beratungsfirma "Cambridge Analytica" (bento) sind nur ein Aspekt von vielen.

Die von Donald Trumps Wahlkampfteam beauftragte Firma soll über verschiedene Quellen Daten von Millionen Nutzern gesammelt haben. Bis heute ist unklar, wie groß der Skandal eigentlich ist. In einer ersten Stellungnahme gesteht Marc Zuckerberg Fehler ein. (SPIEGEL ONLINE)

Jetzt geht es nicht mehr allein um die Rolle von Facebook bei der Wahl von Donald Trump. Facebook selbst verliert Vertrauen: Es wird immer deutlicher, wie das Unternehmen jahrelang Hassbotschaften toleriert und Probleme ignoriert hat. Es scheint fast, als hätte Facebook immer noch nicht verstanden, welchen Einfluss es weltweit längst hat. 

Fünf Beispiele, wie Facebook gerade die Kontrolle verliert:

1

Radikale Propaganda erreicht Millionen Menschen

Für viele radikale Gruppen ist die Seite ein Geschenk: 

  • Rechte Hetzer
  • Islamisten
  • Verschwörungstheoretiker 

erreichen auf Facebook, Instagram und Whatsapp kostenlos täglich ein Millionenpublikum. Spätestens seit den jüngsten Skandalen ist klar, dass das Unternehmen das Problem bewusst kleingeredet hat. Von neuen Initiativen wie Faktenchecks ist kaum noch etwas zu hören

Es scheint fast, als hätte das Unternehmen selbst keine guten Ideen, was es dem Hass entgegensetzen soll.

2

Facebooks eigener Sicherheitschef dringt nicht mehr durch

Schon vor zwei Jahren soll Facebooks Sicherheitschef Alex Stamos entdeckt haben, dass Personen aus Russland die Seite nutzten, um Stimmung für Donald Trump zu machen, schreibt die "New York Times". Doch der geplante Bericht sei von den Facebook-Chefs gestoppt worden. In späteren Berichten war von Russland keine Rede mehr. 

Inzwischen soll Stamos intern entmachtet worden sein. Sein Team sei von 120 auf drei Mitarbeiter reduziert worden. Laut dem Bericht will er das Unternehmen bald verlassen. Dass er nichts zu sagen hat, dürfte Stamos schon aufgefallen sein, als er seinen internen Bericht vorlegte. Noch im gleichen Monat nannte Mark Zuckerberg die Vorstellung, Manipulationen auf Facebook könnten die Wahl beeinflusst haben, "eine ziemlich verrückte Idee".

3

In Myanmar und Sri Lanka soll WhatsApp die Gewalt gegen Minderheiten befeuert haben

Während über mögliche Wahlmanipulationen und rechte Propaganda in westlichen Ländern regelmäßig diskutiert wird, gerät Facebooks Einfluss in anderen Ländern oft aus dem Blick. Dabei gäbe es viele Gründe, genauer hinzusehen:

  • In Sri Lanka ließ die Regierung Facebook, Instagram und WhatsApp sperren, nachdem die Netzwerke dort Ausschreitungen gegen Muslime befeuert haben. (SRF)
  • In Myanmar sollen Facebook und WhatsApp dabei geholfen haben, Angehörige der Rohingya-Minderheit zu diffamieren und den Hass gegen die Minderheit zu schüren. Bislang wurden in dem Konflikt fast 700.000 Rohingya vertrieben und Hunderte getötet.
Facebook ist zu einer Bestie geworden.
Yanghee Lee

Inzwischen untersucht auch die Uno die Eskalation der Gewalt in Myanmar. Die zuständige Ermittlerin Yanghee Lee sagte: "Facebook ist zu einer Bestie geworden". Das soziale Netzwerk spielt in dem südasiatischen Land eine große Rolle: 57 Prozent der Bevölkerung verfügt über einen Facebook-Account – das sind 20 Prozent mehr als in Deutschland. Ein lokales Büro hat Facebook dort bis heute nicht. (Guardian)

4

Viele neue Gruppen wuchern und eskalieren völlig ungestört

Eine Milliarde – so viele Menschen will Mark Zuckerberg in Facebook-Gruppen bringen. Bis 2022. Die Gruppen sollen nicht irgendwelche sein, sondern "bedeutsam" für den Alltag der Nutzer. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Facebook auf künstliche Intelligenz. Sie soll dafür sorgen, dass Nutzer passende Vorschläge erhalten und dann den Gruppen beitreten. 

Doch anstatt Konfrontationen und Hass zu stoppen, sorgen viele Gruppen bislang vor allem dafür, dass Hetzer sich noch einfacher verabreden können. Fast täglich zeigen neue Beispiele (Buzzfeed), wie Rassisten, Verschwörungstheoretiker, beispielsweise aber auch Drogenkonsumenten, Gruppen nutzen, um sich zu verabreden und gegenseitig zu bestärken. Inzwischen wirken sie eher wie ein neues Problem als wie eine Lösung.

5

Viele Nutzer bekommen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren


Billige Werbung, alte Videos, seltsame Event-Vorschläge – für viele Facebook-Nutzer ist die Seite im Lauf der Zeit nicht vertrauter, sondern unübersichtlicher geworden. Wer sich darauf eingestellt hat, im Newsfeed aktuelle Nachrichten zu entdecken, sieht seit dem letzten Update immer weniger davon. Andere Neuerungen wie Live-Videos oder Erinnerungen an alte Fotos ploppen dagegen willkürlich auf.

Die meisten dieser Veränderungen sind harmlos. Doch über die Jahre verteilt, sorgen sie bei vielen Nutzern dafür, gefühlt die Kontrolle zu verlieren. Entscheidend sind dabei oft weniger Sicherheitsprobleme als das, was man täglich zu sehen bekommt oder nicht. 

Denn wenn die Geschichte von Facebook eines gezeigt hat, dann das: Langeweile ist im Zweifel gefährlicher als ein unsicheres Passwort.

*Dieser Text wurde wegen der Stellungnahme von Marc Zuckerberg im zweiten Absatz aktualisiert.


Gerechtigkeit

Trump dealt weiter mit den Saudis – warum das ein Problem ist
Immerhin zeigt er schöne Schautafeln.

Saudi-Arabien führt im bettelarmen Nachbarland Jemen seit drei Jahren Krieg. Mehr als 10.000 Zivilisten wurden getötet, das Land ist zerbombt, eine schwere Cholera-Epidemie brach aus.

Nun kam der saudische Kronprinz, der den Krieg verantwortet, zum Staatsbesuch nach Washington – und US-Präsident Donald Trump empfing ihn mit schönen Schautafeln.

Darauf zu sehen: Bilanzen, die zeigen, wie gut das Militärbündnis zwischen den USA und Saudi-Arabien läuft, Kriegsgerät, das in die Wüste verkauft wurde, Deals, die neu abgeschlossen wurden.