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Ein Interview über interne Strukturen und mangelnde Diskussionsbereitschaft der Bewegung

Die Umweltbewegung "Extinction Rebellion" (XR) möchte mit gewaltfreiem Ungehorsam auf die Klimakrise hinweisen – doch die Kritik an XR und ihrem Mitbegründer Roger Hallam wächst. In einem Interview mit der "Zeit" hatte Hallam den Holocaust als "fast normales Ereignis" in der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Auf Facebook entschuldigte er sich später. (SPIEGEL)

Der deutsche Ableger von "Extinction Rebellion" (XR) distanzierte sich schnell von Hallam. Doch Kritik an der Bewegung hatte es bereits zuvor gegeben: Bei XR handele es sich um eine "esoterische Sekte" schrieb die ökolinke Jutta Ditfurth (SPIEGEL), die Kohlegegner von "Ende Gelände" kritisierten einen Fragebogen von "Extinction Rebellion" wegen mangelndem Datenschutz. Die gesammelten Daten wurden nach Angaben von XR anschließend gelöscht. 

Wie werden die Konflikte innerhalb der Bewegung diskutiert? Wir haben mit Alexander*, 27, gesprochen. Er war für einige Monate Aktivist für Extinction Rebellion in Hamburg  – bis die Zweifel zu groß wurden. Im Interview mit bento erklärt er, warum er den Ausstieg suchte.

bento: Wie bist du zu "Extinction Rebellion" gekommen?

Alexander: In meinem Stadtteil gab es eine Gruppe. Das hatte mich sehr gefreut, ich hatte auf sowas gewartet. Ich bin dann zu einem Vortrag gegangen. Dort gab es Anmeldebögen für Interessierte, das fand ich schon etwas komisch: Es geht um politische Aktionen, eventuell auch zivilen Ungehorsam – und als erstes sollte ich Namen und Adresse angeben? Es war auch nicht klar, was mit diesen Zetteln passiert. Ich habe dann lieber auf anderem Wege mitgeteilt, dass ich Interesse habe, mitzumachen. Danach ging es ziemlich schnell und hat auch Spaß gemacht. 

bento: Wann kamen die Zweifel? 

Alexander: Die erste Aktion, an der ich teilgenommen habe, war bei den Cruise Days in Hamburg. Bei der Aktion wurde eimerweise Kunstblut über die Hafentreppe gekippt. Dabei habe ich mich wirklich unwohl gefühlt. XR arbeitetet oft mit emotionalen Bildern: Die Leute sollen ein Gefühl zur Klimakrise entwickeln – und für viele ist das Angst, Wut oder Trauer. Die Aktionen sollen diese Gefühle verstärken oder in Bilder fassen. Ich fühlte aber nur Ablehnung für die Aktion mit dem Blut. Es ist völlig unangebracht, mit so gewaltvollen Bildern zu arbeiten, wenn es eigentlich um das Klima und gemeinsame Lösungen geht.

bento: Du bist aber zunächst noch dabeigeblieben.

Alexander: Ja. Ich habe versucht, Kritik zu äußern. In der Ortsgruppe ging es immer nur von Aktion zu Aktion, es gab überhaupt keine Zeit für inhaltliche Auseinandersetzungen oder Diskussion. Deswegen habe ich das online versucht, auf der Kommunikations-Plattform von XR. Auch wegen der sehr vagen politischen Forderungen von XR gab es für mich viel Diskussionsbedarf.

bento: Wie wurde deine Kritik aufgenommen?

Alexander: Ich wurde zur Ordnung gerufen oder angefeindet. Ich habe unter anderem Thesen von Roger Hallam infrage gestellt und wurde dafür heftig angegangen – das war schon eine Art Cybermobbing. Wenn ich Hallam kritisierte, kamen innerhalb von Minuten Dutzende persönliche Nachrichten. Das ging nicht nur mir so, auch wenn andere Diskussionen anstoßen wollten, wurde versucht, das zu unterbinden.

Das fand ich sehr krass, weil politische Arbeit für mich mit offener Diskussion zu tun hat. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das bei XR willkommen war.

bento: Was sagst du zu den Vorwürfen, "Extinction Rebellion" habe Parallelen zu einer Sekte? 

Alexander: Das kann ich schon nachvollziehen. Roger Hallam wurde von manchen tatsächlich sehr verehrt. Und auch die Forderungen und Prinzipien von Extinction Rebellion wurden von einigen als das absolute Nonplusultra betrachtet. Es gab Leute, die gesagt haben: Unsere Methode ist die einzige, die funktionieren kann, um etwas zu ändern. Dieses Gesamtpaket kann den Eindruck einer Sekte erwecken. Ein bisschen hatte ich den selbst auch. Allerdings kann man jederzeit ein- und austreten. Und niemand will Geld von dir – das sind für mich schon maßgebliche Eigenschaften einer Sekte.

bento: Wann hast du beschlossen, "Extinction Rebellion" zu verlassen?

Alexander: Nach zwei Sitzblockaden in Hamburg. In beiden Fällen hatte sich XR über Twitter distanziert, weil die Blockaden den Prinzipien der Gewaltfreiheit widersprochen hätten. Dabei waren sie aus meiner Sicht absolut gewaltfrei (taz). Für mich persönlich ist Solidarität eine der wichtigsten Tugenden politischer Gruppen. Deshalb war für mich an diesem Punkt wirklich Ende.

bento: XR Deutschland hat sich gerade von problematischen Äußerungen von Roger Hallam distanziert. Könnte sich damit an der Debattenkultur bei XR etwas ändern? 

Alexander: Vielleicht kann sie zu einer besseren Bewegung werden und dazulernen. XR Deutschland ist eine sehr junge Bewegung, mit sehr vielen unerfahrenen Aktivistinnen und Aktivisten. In den letzten Monaten gab es viel konstruktive Kritik – auch von anderen Gruppen. Ich glaube, dass sich viele innerhalb von XR damit nun auseinandersetzen.

*Name von der Redaktion geändert


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"Ich wurde jeden Tag verprügelt und beschimpft": Wie Riccardo Simonetti das Mobbing überlebte
Der Entertainer im Interview über Hass – online und offline

Riccardo Simonetti kennen viele wegen seiner langen, glänzenden Haare und glitzernden Outfits. Auf seinen Instagram-Fotos präsentiert sich der Influencer glamourös – in seinen Storys sieht man ihn dann auch mal im Jogginganzug.

Mit 225.000 Followern bei Instagram zählt Riccardo zwar noch nicht zur Social-Media-Elite, trotzdem wohnt er mittlerweile auf dem Roten Teppich, ist Dauergast in Fernsehshows und Autor zweier Bücher. Das deutsche Forbes-Magazin wählte ihn in diesem Jahr zu einem der 30 einflussreichsten Menschen unter 30.

Der 26-Jährige war allerdings nicht immer so beliebt. Aufgewachsen im konservativen Bad Reichenhall, musste er als "schwuler Junge in der bayrischen Provinz" hart einstecken, sagt er. Heute lebt und arbeitet er in Berlin und setzt sich derzeit bei der Kampagne "Team Buddy" von Cartoon Network gegen Mobbing ein.

Im Interview erzählt Riccardo Simonetti, warum er sein Zuhause verlassen musste – und seine Heimat ihm trotzdem hilft, sich selbst treu zu bleiben.

bento: Unter deinen Bildern auf Instagram findet man oft beleidigende Kommentare. Warum zeigst du fast dein gesamtes Leben online, obwohl dir dort so viel Hass entgegenschlägt?

Riccardo Simonetti: Das Netz besteht ja zum Glück nicht nur aus Hass. Ganz im Gegenteil: Die Leute, die früher allein waren mit dem Hass gegen sie, lernen durch das Internet Menschen kennen, die so sind wie sie. Außerdem haben sie dort den Zugang zu Vorbildern, mit denen sie sich auch wirklich identifizieren können. Die gab es früher im Fernsehen gar nicht. Mir schreiben immer wieder Leute auf Instagram, dass ich ihnen helfe, ihre Realität zu ertragen.