Bild: Marc Röhlig
Wie Christen und Muslime in Ägypten durch Exorzismen zusammenfinden.

Der Scheich ist zufrieden. Mit seiner linken Hand hält der Muslim einen Dschinn in einem Wasserglas gefangen, die rechte Hand wölbt er an seinem Mund, um Koransuren zu rezitieren. Neben ihm sitzt Magdy, ein Christ, und schaut gleichsam besorgt und belustigt auf das Spektakel. "Woher weiß ich, dass das mein Dämon ist?", fragt er den Scheich. "Du musst es schon glauben", grummelt dieser.

Magdy, 33, lebt als Schweinezüchter im Armenviertel Manshiat Nasser der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Seine breiten Oberarme spannen den gelben Stoff seines Hemdes, dunkle Locken fallen ihm fast bis auf die Schultern. Er ist ein hübscher Kerl.

"Aber die richtige Frau habe ich trotzdem noch nicht gefunden", sagt er. "Hier in Ägypten darfst du nicht einfach ein Mädchen kennenlernen. Hier wirst du vermittelt oder gar nicht, das gilt für Muslime wie Christen."

Weil die Suche nach der Einen bislang erfolglos blieb – und weil ihm seine Kirche außer Geduld keine Antwort nannte – hat sich Magdy nun Hilfe bei Scheich Said al-Asmar gesucht, einem Teufelsaustreiber. Der muslimische Gelehrte ist im Viertel eine Institution.

Scheich Said al-Asmar

Mit seinem weißen Turban und seinem makellosen Gewand wirkt er wie ein Fremdkörper, als er in das Café kommt, in dem Magdy auf ihn wartet. Ein dichter Schnäuzer wölbt sich über seine Lippen; wenn er lacht, kommen gelbliche Zahnstummel zum Vorschein.

Hilfe in Glaubensfragen: Christen fragen Muslime fragen Christen

Zwischen Schwarztee und Wasserpfeifen klagt dann der Kopte dem Muslim seine Frauenprobleme und der Muslim erzählt dem Kopten von den Dschinn, islamischen Dämonen, die in und um uns herum hausen. "Dschinn sind aus rauchlosem Feuer erschaffen", sagt Scheich Al-Asmar, "also kann man sie mit Rauch bekämpfen".

Er zündet ein Gemisch aus Safran und Weihrauch an und schreibt einen Namen in Arabisch auf einen Zettel. "Der Name deines Dschinns", erklärt der Exorzist, "wir ertränken ihn jetzt". Dann stopft er den beschriebenen Zettel in ein Wasserglas und beginnt seine Rezitationen.

In der Fotostrecke – Exorzismus in Ägypten:
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Manshiat Nasser ist als Viertel mittlerweile in ganz Ägypten für seine Teufelsaustreibungen berühmt. Das Armenviertel liegt im Osten Kairos. Es wird abschätzig "Müllstadt" genannt, denn es sind vor allem die Zabalin, die "Müllmänner", die hier wohnen. Sie sammeln die Abfälle der Millionenstadt Kairo und tragen sie in ihr Viertel zur Weiterverwertung. Der Geruch von verbranntem Plastik liegt in der Luft, Rußpartikel legen sich auf die Haut nieder. In den 1970-er Jahren lebten hier rund 8000 Zabalin, heute sind es geschätzt 30.000.

Die meisten Zabalin sind Kopten. Als Christen dürfen sie Schweine züchten – die halfen früher bei der Müllbeseitigung. Die koptische Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten: Von den 90 Millionen Ägyptern sind rund zehn Millionen Kopten. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Übergriffen auf die Minderheit. Vor allem seit der Revolution auf dem Tahrir-Platz von 2011 brannten Kirchen.

In der Fotostrecke – So sieht es in Kairo aus:
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In Manshiat Nasser, dem Viertel der Müllmänner und Exorzisten, finden jedoch beide Seiten zusammen – durch die Hoffnung auf Heilung. Rund 30 muslimische Exorzisten würden hier neben ihm arbeiten, sagt Scheich al-Asmar. Ihr Geschäftsmodell verdanken sie jedoch den Kopten – denn die Dämonenaustreibungen in Manshiat Nasser haben die Bischöfe der benachbarten Sankt-Samaan-Kirche begründet.

Die Gläubigen strömen in die Kirche wie zu einem Rockkonzert

Die Kirche ist in eine Höhle tief in einen Berg gehauen, der gewaltige Komplex bietet Platz für bis zu 20.000 Menschen. Der Altar der Grottenkirche steht auf einer Bühne, davor staffeln sich Sitzbänke im Halbrund zur Höhlenöffnung hinauf. Mit den an den Felswänden aufgehängten Videoleinwänden wirkt die Kirche eher wie eine Arena für Rockkonzerte.

Jeden Donnerstagabend laden die Priester hier zum Massenexorzismus ein. Tausende Gläubige – Christen wie Muslime – kommen zu der Erlösungszeremonie. Das Echo der Gesänge drückt sich dann an den Tunnelwänden hinauf in den Kairoer Nachthimmel.

Die Züchtung ist nur Kopten erlaubt: Schweine auf einem Dach in Manshiat Nasser

Donnerstag, der Tag des wöchentlichen Exorzismus, einige Tage vor dem Treffen von Magdy mit seinem Scheich. Die Muslimin Hadija reißt ihre Lider auf, das Weiß ist in ihren Augen deutlich zu sehen. "Nein, nein, nein!", ruft sie. Ihre Stimme zerreißt den Kirchengesang der Gläubigen um sie herum. Noch vor wenigen Momenten wollte die junge Frau auf die Bühne vor zum Altar. Nun will sie ein Diener des Priesters holen und in ihren Augen bricht sich die Angst.

Die Angst vor Dämonen, weit mehr als ein Aberglaube im ländlichen Ägypten, eint hier beide Religionen. Hadija war mit ihrem Mann Muhammad extra aus Südägypten angereist. Die Zugfahrt habe mehr als 14 Stunden gedauert, berichtet er. Vom berühmten Sankt-Samaan-Exorzismus hatten die Nachbarn erzählt. Ihre richtigen Namen und ihr Alter will Muhammad nicht nennen, er schämt sich ein wenig, hier zu sein.

Der Körper der Frau windet sich unter dem Griff des Priesters, aus der Tiefe ihres Bauches dringt ein gurgelnder Laut.

Mit festem Griff zieht ein Priesteranwärter die nun schreiende Hadija vorbei an dutzenden Wartenden. Bischof Anba Abanub, der diese Woche die Predigt hielt, kommt hinzu, drückt ihr ein goldenes Holzkreuz auf die rechte Seite des Kopfes, einen Rosenkranz auf die linke. Mit sonorer Stimme stimmt er "Kyrie eleison" an, Herr, erbarme dich. Der Körper der Frau windet sich unter dem Griff des Priesters, ihre Schreie ebben ab. Aus der Tiefe ihres Bauches dringt ein gurgelnder Laut.

Offiziell anerkannt sind die Exorzisten in Ägypten nicht. Immer wieder berichten die Zeitungen von missglückten Austreibungen. Im vergangenen Herbst sei ein 27-jähriges Mädchen nahe Alexandria totgeschlagen worden, zuvor kam eine 25-Jährige in einer Kleinstadt im Nildelta um.

In der Fotostrecke – Das geschah im Arabischen Frühling:
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Ärzte im Land warnen, dass viele vermeintlich Besessene wohl eher an Nervenkrankheiten leiden. In ganz Ägypten gibt es nur fünf staatliche Nervenkliniken mit insgesamt etwas mehr als 5000 Betten. 20 Pfund kostet der Aufenthalt pro Tag und Patient, rund zwei Euro. Doch viele Familien leben von weniger als einem Euro am Tag. Der Gang zum psychiatrischen Krankenhaus ist nicht nur ein gesellschaftliches Stigma – er ist für die meisten schlicht nicht finanzierbar.

Deshalb investierte auch Hadija lieber in die weite Reise zur Sankt-Samaan-Kirche. "Sie trägt einen Dämon in sich", sagt ihr Mann, "kein Scheich zu Hause konnte uns helfen". Der Priester gießt Wasser aus einer Flasche in seine linke Hand, weiht es, dann klatscht er es mit einer schnellen Bewegung in ihr Gesicht. Einmal, zweimal und dann ein lautes "Herr, erbarme dich". Die Frau sackt zusammen, Sekunden später schüttelt sie den Kopf und blickt um sich, als sei sie soeben aus tiefem Traum erwacht.

In den Armenviertel sind sich Kopten und Muslime näher

Dass sich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen gebessert hat, liegt auch an Staatsoberhaupt Abdel Fattah al-Sisi. Seit der ehemalige Armeechef vergangenes Jahr zum Präsidenten gewählt wurde, inszeniert er sich als Freund der Kopten – doch politisch verändert sich nichts. Seit Jahren wird der Bau neuer Kirchen verhindert, selbst für Renovierungen bedarf es umfangreicher Genehmigungen.

In Manshiat Nasser spüre man nichts von solchen Spannungen, beteuert der Christ Magdy und schaut zu seinem muslimischen Scheich hinüber. "Hier sind wir alle so", sagt er und führt seine beiden Zeigefinger zu einem Paar zusammen.

Es ist einige Tage nach der Donnerstagspredigt, der Schweinebauer wartet auf das Ergebnis seines Exorzismus. Scheich al-Asmar fischt den Zettel mit dem Dschinn-Namen aus dem Glas. Er ist weiß, die Tinte hat sich aufgelöst. "Siehst du", sagt er zu Magdy, "ausgelöscht!"

Der 50-jährige Scheich habe sich seine Methoden "im Selbststudium" beigebracht. Magdy bezahlt ihn später mit einer Runde Tee und einer Packung Kekse.

Warum er überhaupt zum muslimischen Prediger statt zum christlichen gegangen sei, beantwortet er mit einem Schulterzucken, sagt dann aber noch: "Es gibt doch nur einen Gott."

Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung.

Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.


Haha

Das kommt dabei heraus, wenn Fans ihre Stars zeichnen
Da kommst du niemals drauf.

Sie haben ihre ganz eigene Interpretation von Stars und deren Erscheinungsbild: die Millionen Fans, die auf Instagram Porträts von Künstlern und Schauspielern zeichnen. Die Bilder sind mit viel Liebe zum Detail gezeichnet – allerdings sehen sie den Stars manchmal gar nicht ähnlich. Rihanna hat dann plötzlich einen merkwürdigen Kugelkopf, Britney ein überdimensionales Doppelkinn.