Bild: Imago/Schöning
Tipps gegen Männer, die sich in der Öffentlichkeit entblößen.

Das wackelige Handybild zeigt eine Frau, gefilmt aus der Froschperspektive. Sie sitzt wahrscheinlich in einem Regionalzug. Im Vordergrund der Aufnahme sieht man eine Jeanshose und einen Bauchansatz. Eine Hand nestelt am Hosenstall, holt dann einen Penis hervor. Mehrere Minuten lang reibt die Hand an dem Penis – in der Aufnahme wird dabei immer wieder die Frau herangezoomt.

Sie schaut beschämt geradeaus, blinzelt hin und wieder hinüber. Sie sagt nichts, tut, als sei nichts. 

Dieses Video findet man auf Pornoportalen im Netz, darunter reihen sich Dutzende Filme mit ähnlichem Inhalt. In den meisten ist zu sehen, wie ein Mann sich entblößt – und wie meist junge Frauen mit der Situation konfrontiert werden. Die Züge könnten überall sein. Einige sind eindeutig als die Berliner S-Bahn oder Regionalzüge der Deutschen Bahn zu erkennen.

Die kurzen Clips zeigen Ausschnitte von Übergriffen, mit denen Frauen täglich konfrontiert werden.

Vor allem zeigen sie: Exhibitionismus ist kein Phänomen, das sich in dunklen Straßenecken abspielt. Es sind sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum, die viele junge Frauen schon erlebt haben.

Sandra, die in diesem Artikel anonym bleiben will, weiß noch genau, wie erniedrigt sie sich gefühlt hat, als sie zum ersten Mal einem Mann begegnete, der masturbierte: "Ich war mit Freundinnen unterwegs, mitten am Tag. Wir wollten auf eine Aussichtsplattform. Auf einmal saß er da, ein paar Meter weiter oben auf einer Bank, grinste uns an und holte sich einen runter."  Sie und ihre Freundinnen wussten nicht, was sie tun sollen – also seien sie ganz beschämt umgekehrt und einen Umweg gegangen. Bis heute ärgert es Sandra, dass er "gekriegt hat, was er wollte: drei verunsicherte, junge Frauen, die sich von seinem Penis in die Flucht schlagen ließen." 

Anika Ziemba glaubt, dass es erst mal wichtig ist, eines zu verstehen.

„Der Mann demonstriert Macht: Sieh her, ich kann das hier in aller Ruhe machen und keiner tut was!“

Anika, 31, arbeitet in einem Hamburger Frauenhaus und zugleich als Wendo-Trainerin. Wendo ist eine Art feministische Selbstverteidigung, entstanden in den Siebzigern in den USA. Anfangs ging es den Frauen nur darum, Kampfsporttechniken zur Selbstverteidigung zu erlernen, mittlerweile geht es auch um die Vermittlung mentaler Stärke: "Ziel ist es, sich selbst die Erlaubnis zu geben, zu handeln", sagt Anika. "Bestenfalls kann die Frau direkt am Anfang der Eskalation – denn das ist ein Übergriff immer – intervenieren."

Wendo-Trainerin Anika: "Werde laut, gerne auch mit deutlichen Worten!"

(Bild: privat)

Seit vier Jahren macht Anika Wendo. Das Interesse an den Selbstverteidigungskursen sei konstant hoch, vor allem die "Studentin Mitte 20" komme zu ihr. Geschichten von Exhibitionisten, die zum Beispiel in der Bahn ihren Penis entblößen, höre sie immer wieder. "Viele Frauen erzählen dann auch, was sie anhatten – als müssten sie beweisen, dass sie wirklich nicht für den Übergriff verantwortlich waren." 

Es ist der klassische Vorwurf: Zieh dich nicht aufreizend an, dann fühlt sich der Mann auch nicht genötigt, dich anzugehen.

"Dass Betroffenen die Schuld gegeben wird, ist gang und gäbe und reicht natürlich bis zu den Betroffenen selbst", sagt Anika. Also müssten Frauen genau das überwinden. Wehrhaft werden, die Schuld nicht länger bei sich suchen. 

"Von Frauen wird in unserer Gesellschaft erwartet, freundlich zu sein, nicht wütend zu werden und gleichzeitig total stark zu sein und sich immer zu wehren", sagt Anika. Dieser Spagat sei kaum aufzulösen, er lähme viele Frauen. "Die Folge ist, dass wir lernen, Übergriffe zu ignorieren", sagt Anika. "Das fühlt sich aber beschissen an und macht klein."

Die Polizei erfasst öffentliches Masturbieren nicht gesondert. Es gilt auch nicht zwingend als sexuelle Belästigung. Das reine Entblößen reicht nicht – erst, wenn sich ein Opfer eindeutig belästigt fühlt, kann die Tat geahndet werden. Sie fällt dann unter das Sexualstrafrecht, Paragraf 183: Exhibitionismus.

Die polizeilich erfassten Fälle von Exhibitionsmus und Erregung öffentlichen Ärgernisses nehmen seit Jahren zu. Mit knapp 8200 registrierten Vorfällen im Jahr 2018 ist die Zahl so hoch wie seit 2006 nicht mehr (Statista). Nur rund jeder zweite Täter wird laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2018 gefasst. Die niedrige Aufklärungsquote begründen die Kriminalbeamten mit der Tatsache, dass "in der Regel keine Beziehungstaten vorliegen und der Täter unbekannt bleibt".

Doch auch ein unbekannter Täter hinterlässt Frauen, die sich alleingelassen oder erniedrigt fühlen.

Leider gebe es nicht die eine Lösung, die jeder Frau in solchen Situationen hilft, sagt Anika. Aber es gibt verschiedene Strategien, mit öffentlicher Masturbation umzugehen.

"Manchen hilft es, Öffentlichkeit herzustellen, den Typen laut anzugehen", sagt Anika. "Für andere ist es einfacher,  wegzugehen, weil die Situation einfach zu eklig ist." Am Ende gebe es viele Möglichkeiten, mit so einer Situation umzugehen:

„Werde laut, gerne auch mit deutlichen Worten. Wenn das zu schwer ist, erzähl später Leuten davon, bleib nicht alleine damit.“

Wichtig sei nur eines: dem Mann die Kontrolle zu entreißen, ihm die Macht über den Moment zu nehmen.

Das hat übrigens auch Sandra gemacht. Als sich einige Jahre später ein Mann in der S-Bahn zwei Sitze von ihr entfernt niederließ, sie anschaute und begann, zu masturbieren, habe sie sich gesagt: "Nicht noch einmal." Sie habe still gesessen und darüber nachgedacht, was sie jetzt machen könne. "Und irgendwann bin ich aufgestanden, habe mit dem Finger auf seinen Penis gezeigt und ihn ausgelacht. Und auf einmal sind sowohl der Typ als auch sein Ding sehr klein geworden." 

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Gerechtigkeit

Wie das Mittelmeer vom Ort der Sehnsucht zum Ort des Todes wurde
Mittelmeer – das stand mal für Urlaub und Leichtigkeit.

Es gibt Worte, die sind wie vertraute Gerüche: Sie rufen sofort ein Gefühl hervor. Solche Worte können einen in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort zurückversetzen. 

Mittelmeer war für mich so ein Wort. 

Es stand für mich lange für Unschuld, für die Urlaube meiner Kindheit und eine heile Welt. Dort roch es nach Pommes und Sonnencreme, es schmeckte nach Eis und Salzwasser. Noch heute kann ich, wenn ich will, den vor Hitze weichen Asphalt der Strandpromenade unter den Schuhsohlen fühlen und das abendliche Rieseln des Sandes aus meinem Haar auf das Kopfkissen hören, ganz egal, wie oft meine Mutter mich vor dem ins Bett gehen mit dem Duschstrahl bearbeitet hatte. 

Ich glaube, meine Eltern waren in den Jahren, in denen wir ans Mittelmeer fuhren, besonders stolz, ihren Kindern die Welt zeigen zu können.

Klar: In ihrer Kindheit wären solche Trips unvorstellbar gewesen. Wir Millennials waren die Generation, in deren Kindheit Europa erst zusammenwuchs, die Generation, in der auch die Mittelschicht genug Geld und Urlaubsanspruch zusammenkratzen konnte, um solche Reisen zu unternehmen, die Generation, in der Fliegen langsam vom Luxusgut zum Massenphänomen wurde. 

Sie entdeckten mit uns und für uns die Welt – und machten sie uns schön, wie Eltern das eben für ihre Kinder tun. Als ich in einem Jahr aus unerklärlichen Gründen eine furchtbare Angst vor Haien entwickelt hatte, und mich weigerte, schwimmen zu gehen, erklärte meine Mutter kurzerhand, das Mittelmeer sei viel zu klein, es gebe hier gar keine Haie. Für mich reichte diese kleine Lüge, um wieder durch die Wellen zu springen – auch wenn ich viele Jahre später ungefähr so empört war, als habe man mir noch mal den Weihnachtsmann genommen, als ich die Wahrheit herausfand. 

Eines unserer Lieblingsspiele damals war es, sich einfach auf dem Mittelmeer treiben zu lassen, in den Wellen schaukeln, bis einem schlecht wurde. Wir nannten das "Toter Mann". 

Es fällt mir heute unheimlich schwer, die Worte "Spiel" "Mittelmeer" und "Toter Mann" in einem Zusammenhang zu schreiben. 

Und dieses "es fühlt sich unheimlich falsch an" fasst wahrscheinlich am besten zusammen, was in den vergangenen zehn Jahren mit dem Wort Mittelmeer passiert ist.

Wahrscheinlich hat jede Generation ihre Begriffe, mit denen sie erwachsen wird. Es ist natürlich völlig normal, dass der Zauber kindlicher Unschuld vieles versüßt, was mit erwachsenem Blick schwer zu ertragen ist. Doch das Mittelmeer hat nicht nur sich selbst entzaubert. Sondern auch mich, meine Vergangenheit, Teile meiner Identität und Geschichte.  

Denn heute weckt das Wort in mir vor allem Schuld und Hilflosigkeit. Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Seit 2014 sind nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration 19.064 Menschen ertrunken.