Bild: Stanley Kroeger
"Es gibt für jeden die perfekte Droge"

Früher war er 13 Tage am Stück wach, jetzt steht er morgens vor Schulklassen: Der ehemalige Crystal-Meth-Junkie Dominik Forster warnt Teenager vor Drogen - mit einer ungewöhnlichen Methode.

Sechs Jahre ist es her, da lag Dominik Forster nur noch sabbernd in seiner vollgekackten und verschimmelten Wohnung rum, so paranoid, dass er sich sicher war, unter seiner Haut befänden sich Käfer. Stundenlang versuchte er, sich diese herauszupulen, mit einer Nagelschere, einem Nagelknipser und einem Feuerzeug. "Ich konnte nicht mehr lesen oder schreiben und damit auch den Hartz-IV-Antrag nicht ausfüllen. Aber ich war glücklich", erzählt er.

Fünf Gramm Speed, ein Gramm Koks und ein Gramm Crystal Meth nahm er damals täglich. Dazu unzählige Joints und mehrere Packungen Kippen. Forster erzählt, wie er sich auf der Tanzfläche eines Clubs fette Schleimpfropfen aus dem Hals zog, "sonst wäre ich erstickt", wie seine Haut grüngelb wurde und seine Zunge und Lippen offene Risse bekamen. Trotzdem sagt der heute 27-Jährige: "Es gibt für jeden Menschen die perfekte Droge."

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All das erzählt Forster an einem Donnerstagmorgen um kurz nach neun den 17 Schülern der Klasse 8b der Georg-Ledebour-Schule in Nürnberg. Es ist ein ungewöhnlicher, vielleicht einzigartiger Präventionsunterricht: Ein Ex-Junkie, ein Ex-Knacki, der an den verhassten Ort seiner unglücklichen Jugend, die Schule, zurückkehrt, um andere vor dem zu bewahren, was ihm passiert ist. "In der Schulzeit tut sich so viel, da kann man noch entgegenwirken", sagt er.

Dominik Forster darüber, wie man Betroffenen helfen kann:

An mehr als 250 Schulen war Dominik Forster in den vergangenen zwei Jahren, ehrenamtlich, kostenlos. "Ihr habt alle Träume, aber wenn ihr so einen Weg hinter euch habt wie ich, dann könnt ihr nichts mehr werden." Er sagt das ohne Pathos. Die Schüler sind mucksmäuschenstill. "Ich war in der Schule ein Spast: klein, dünn, Scheißfrisur, Scout-Rucksack mit Dinosauriern. Als Jugendlicher war mein Leben von früh bis spät ultrascheiße." Die Schüler lachen. Sie wissen, was Forster meint.

Unterrichten an einem sozialen Brennpunkt

Die Georg-Ledebour-Schule, an der man einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife machen kann, liegt im Stadtteil Langwasser, der als sozialer Brennpunkt gilt, in dem die tristen Hochhäuser aber auch an schicke Straßen mit teuren Häusern grenzen. Der Schulleiter, die Klassenlehrerin, der Sozialarbeiter - sie ahnen, was außerhalb der hellen und bunten Schule passieren kann, außerhalb der freundlich eingerichteten Klassenzimmer mit den knallrot gestrichenen Wänden, den Blumen und der selbst gebastelten Arche Noah auf dem Fensterbrett.

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Bundesweit werden wieder mehr Erstkonsumenten harter Drogen verzeichnet ; in Bayern stieg laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Drogentoten binnen zehn Jahren um mehr als 40 Prozent. Erst kürzlich starben wieder Teenager in Nürnberg. "Das größte Problem sind derzeit die sogenannten Kräutermischungen, die schon von einigen Sechstklässlern geraucht werden", sagt Björn Bracher, der als Sozialarbeiter auch an der Georg-Ledebour-Schule arbeitet. "Die Jugendlichen unterschätzen die Wirkung total, vielleicht auch, weil sie sich ganz einfach ein Päckchen mit drei Gramm 'Jamaican Gold Extreme' für rund 15 Euro im Internet bestellen können."

Viele glauben, "Legal Highs", zu denen die Kräutermischungen gehören, seien legal und damit harmlos. Keinesfalls: Wegen ihrer unberechenbaren Wirkweise halten Experten diese getarnten Drogen sogar für sehr gefährlich. Sie enthalten nämlich durchaus verbotene chemische Stoffe wie künstlich hergestelltes Haschisch. Bis die Zusammensetzungen jedoch entdeckt und ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen werden, gibt es schon wieder neue.

Drogen? Auf keinen Fall!

Forster erzählt der achten Klasse von einem Mädchen, das seit zwei Jahren in der Psychiatrie sitzt, blind und taub – wegen Kräutermischungen. Zwei Jungs gucken sich entgeistert an und heben die Augenbrauen: Was, echt jetzt? Nach der Stunde sagt Maxi, 15, Adidas-Zipperjacke, Jeans, Turnschuhe, die Haare an den Seiten kurz rasiert, ihm sei jetzt erst klargeworden, "wie krass die Nebenwirkungen von harten Drogen wie Crystal oder Speed sind". Auch er kennt Jugendliche, die sich betrinken und dann Pillen schmeißen, aber: "Ich weiß jetzt schon mal, was ich auf keinen Fall machen werde."

Dominik Forster erzählt von seinen Drogendeals:

Dass Drogen in fast jeder Jugend irgendeine Rolle spielen, ist Forster klar. Er ist Realist. "Probiert ruhig Sachen aus", sagt er. Viel wichtiger sei, warum konsumiert jemand? Wie häufig? Wie ist sein psychischer Zustand? Ist es im Freundeskreis trotzdem noch cool, Fußball zu spielen, sprich: Gibt es auch andere Kicks?

Als Forster das erste Mal Speed zog, war seine Mutter schon krank, sein Vater trank. Wie bei allen Drogen, die noch kommen sollten, übertrieb Forster es von Anfang an. In seinem autobiografischen Buch "crystal.klar" beschreibt er, was er an diesem Abend fühlte: "Jetzt bin ich in meinem Scheißleben einmal vorn." Bald verkauft er selbst Drogen, macht 1500 Euro am Tag, trägt Unterhemd und Goldketten, hat eine eigene Gang und eine Freundin, die als Hure arbeitet. "Ich war der Superheld."

"Im Gefängnis fickst du oder wirst gefickt."

Dann kippt es, psychisch und physisch. Heute sagt er: "Jemanden, der auf meiner damaligen Stufe ist, muss man abstürzen lassen, den kann man nicht mehr retten." Irgendwann steht die Polizei vor der Tür. Für die beschlagnahmten 1,5 Kilo Speed geht Forster zweieinhalb Jahre in den Knast. Den Schülern kann er dazu nur sagen: "Im Gefängnis fickst du oder wirst gefickt. Es gibt nur Opfer oder Täter. Das ist nicht wie bei Michael Scofield in 'Prison Break'. Und wenn du rauskommst, will dich keiner."

Nur in dem rosafarbenen heruntergekommenen Haus fand Dominik Forster nach der Haft eine Wohnung.(Bild: Stanley Kroeger)

Tatsächlich bekommt Forster nach seiner Entlassung nicht einmal bei McDonalds einen Job, trotz mittlerer Reife und abgeschlossener Ausbildung. Maxi findet es "bemerkenswert", dass er es trotzdem gepackt hat. Und seine Mitschülerin Jenny, 13, sagt: "Wenn man ihn jetzt sieht, kann man sich gar nicht vorstellen, wie er früher so war." Es stimmt: Man sieht es ihm nicht an.

Aber er kann sich die Namen von Menschen, die er neu kennenlernt, nicht merken - sein Kurzzeitgedächtnis ist kaputt. Und wenn es klingelt, kriegt er Panik - eine posttraumatische Belastungsstörung. Forster ist noch immer in Therapie, aber er rührt nichts mehr an, nicht einmal Alkohol oder Zigaretten. Clean zu bleiben, das schaffen die wenigsten.

Gerettet hat ihn nach der Haft das Programm "Über den Berg". Mit dem Sozialpädagogen und Wanderleiter Norbert Wittmann ist Forster über die Alpen gestiegen. Seitdem klettert und bouldert er. Das verschafft ihm jetzt den Kick, den sein Kopf und Körper vielleicht immer brauchen werden. Bald soll der zweite Teil seines Buchs erscheinen. Und Forster, der Privatinsolvenz anmelden musste, will sich an einer Fachhochschule bewerben und Soziale Arbeit studieren.

Dominik Forster in der Boulderhalle(Bild: Stanley Kroeger)

Ein perfektes Wochenende sieht für ihn heute so aus: essen gehen und ins Kino, mit seiner neuen Freundin, mit der Forster "seit drei Jahren, zwei Monaten und sechs Tagen" zusammen ist. Klubs packt er nicht mehr - das hält er nüchtern nicht aus.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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