Bild: Screenshot Youtube
Auf diesen neuen Werbespot für die Europawahl hat wirklich niemand gewartet.

Die Europawahl steht an, doch die Begeisterung für dieses politische Großevent hält sich derzeit noch in Grenzen. Auf Facebook wird stattdessen über die aktuelle Misere des HSV diskutiert, außerdem ist noch nicht abschließend geklärt, ob Dieter Bohlen dem neuen DSDS-Sieger nun gratuliert hat oder nicht. 

Um die Wahlmotivation zu befeuern, hat das Europäische Parlament kurz vor der Wahl noch eine neue Kampagne auf den Weg gebracht. "Wählen Sie Ihre Zukunft" ist der Titel eines Wahlwerbespots, der seit dem Wochenende vor YouTube-Videos geschaltet und vor Kinofilmen gezeigt wird – der aber bisher so mittelmäßig gut ankommt, wenn man sich die Kommentare bei Facebook und YouTube durchliest.

Gedreht hat den Spot der Regisseur Frederic Planchon, der sich schon in der Vergangenheit verantwortlich zeichnete für extrem emotionale Werbespots für extrem unemotionale Produkte wie Mobilfunkverträge und Ikea (Academy).

Auch für das Europäische Parlament drehte er nun einen Spot, der sich hinter Tränendrüsen-Klassikern wie dem Edeka-Weihnachtsspot nicht zu verstecken braucht. 

Das ist der neue Wahlwerbespot zur Europawahl:

Bei Facebook und YouTube häufen sich unter dem Video schon kritische bis hasserfüllte Kommentare. Und wenn man sich den Spot genauer ansieht, fallen dabei tatsächlich ein paar Dinge unangenehm auf.

1 Pathos, Pathos, Pathos

Statt auf Sachthemen setzt der Werbespot vor allem auf eins: große Gefühle. Erzählt wird die Geschichte von jungen EU-Bürgern, die gerade erst auf die Welt kommen und nun an derzeitige Wahlberechtigte appellieren, sie mögen doch, bitte bitte, ihre Zukunft nicht ruinieren.

Illustriert wird das Ganze anhand von einem Dutzend tatsächlicher werdender Eltern, die die Macher filmisch begleitet haben. So sehen wir schwangere Frauen, die sich Rücken und Bauch halten. Aufgeregte und ängstliche Eltern vor dem Krankenhaus. Schließlich schreiende Frauen im Kreißsaal. Den Moment der Geburt, die Freude danach. 

Mehr Emotion geht kaum, und die Kamera steht schon für die Großaufnahme bereit, wenn dem frischgebackenen Papa eine einsame Träne die Wange herunterrollt.

(Bild: Screenshot Youtube)

Eine Erzählstimme redet derweil davon, dass sich die Welt um uns herum "unsicherer denn je" anfühle und werdende Eltern "überwältigende Angst, fast schon unerträglich" empfänden.

Um sicherzugehen, dass auch wirklich jeder mitflennt, und den Beigeschmack populistischer Rhetorik runterzuspülen, wurden die Szenen mit dramatisch anschwellender Klaviermusik unterlegt. Komponist Nils Frahm ist schließlich dafür bekannt, auch im abgehärtetsten Großstädter-Herz noch einen kleinen Sturm auslösen zu können (falls du ihn nicht kennst: hier kannst du das nachprüfen).

2 Kinder ziehen immer

Jeder, der Werbekampagnen für Wohltätigkeitsorganisationen oder Popsongs für die Vorweihnachtszeit produziert, weiß: Für maximale Emotion braucht man Kinder. 

Die Macher des Werbespots wissen offensichtlich auch um die Macht des Kindchenschemas. Die Erzählerstimme ist deshalb die eines kleinen Mädchens, das auf süß-naive Art seine vorbuchstabierte Meinung zu Europa kundtut.

Im Laufe des Spots kommen noch die Neugeborenen dazu – und zwar nicht im hübschgepuderten Pampers-Look, sondern so richtig, verschmiert und verkrustet, mit verzerrten Gesichtern und schielenden Augen. 

(Bild: Screenshot Youtube)

Wer könnte diesen hiflosen Wesen irgendeinen Wunsch abschlagen, fragt sich der Zuschauer.

Und in genau diesem Moment schlägt der Spot mit seinen harten Thesen zu:

3 Nebenbei mal die Grenzen sicher machen (die Kleinen wollen es so!)

Nach zwei Minuten vagem, pathetischen Geschwätz über Unsicherheiten in einer sich verändernden Welt wird das kleine Sprechermädchen auf einmal überraschend konkret. Es wünscht sich von der EU der Zukunft nämlich vor allem drei Dinge:

„Den Klimawandel abbremsen, die Grenzen sicher machen, Terrorismus bekämpfen.“

Dass in Sachen Klima etwas getan werden muss, dürfte – bis auf ein paar Verschwörungstheoretiker und Hardliner – niemand anzweifeln. Auch die Idee, dass nachwachsende Generationen sich für dieses Thema interessieren, ist naheliegend – jedes Neugeborene ist ein potenzieller "Fridays For Future"-Demonstrant.

(Bild: Screenshot Youtube)

Die Forderungen des kleinen Mädchens nach sicheren Grenzen und Terrorismusbekämpfung kommen hingegen einigermaßen unvermittelt daher. Und interessanterweise decken sie sich nicht einmal mit dem, was EU-Bürger laut der Pressemitteilung zum Werbespot tatsächlich am meisten bewegt.

Dort steht nämlich, dass sich EU-Bürger laut einer Umfrage vor allem um Wirtschaft und Wachstum sorgen, an zweiter Stelle folgt Jugendarbeitslosigkeit, beides mit steigender Tendenz. Mit Migration und Terrorismus haben die Macher sich ausgerechnet die zwei Themen rausgesucht, um die sich Menschen weniger Sorgen machen als in Vorjahren.

Vielleicht waren die Wörter "Jugendarbeitslosigkeit" und "Wirtschaftswachstum" zu kompliziert, um sie von einer Fünfjährigen vorlesen zu lassen, wer weiß. Vielleicht wollten die Macher mit ihrer Auswahl aber auch inhaltlich Einfluss nehmen – und das gehört sich für eine eigentlich neutrale Organisation wie dem EU-Parlament einfach überhaupt nicht. 

Denn ob wir Klima- oder Grenzschutz wollen – das sollten wir ja eigentlich mit unserer Stimme bei der Europawahl selbst mitteilen. 


Gerechtigkeit

Warum ich dem Hartz-IV-TV dankbar bin, dass es Armut zeigt, wie sie wirklich ist

In München gab es vor Kurzem eine Ausstellung mit den Fotos armer Menschen: Arme alte Menschen beim Kochen, arme Kinder auf einem ollen Sofa. Es sind Menschen aus RTL2-Produktionen: "Armes Deutschland" und "Hartz und herzlich". Die Fotos hat eine Fotografin für den Sender geschossen.

Interessant, denke ich und nehme einen Schluck von meinem Berlin-Mitte-Latte.

"Es sind nüchterne Bilder, die nicht beschönigen, den Protagonisten aber auch nicht die Würde nehmen", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" dazu. Der Artikel heißt: "Armut an den Wänden, Sekt in den Gläsern".

Ich verschlucke mich fast. Was soll das heißen – trinken arme Menschen keinen Sekt? Wie sollte eine Fotografin armen Menschen überhaupt "die Würde nehmen"? Und woran machen wir fest, dass die Fotografierten noch genug davon haben: am weichen Licht?

Ich glaube, es gibt ein kolossales Missverständnis darüber, was die Würde armer Menschen ausmacht. Und über die Rolle von Trash-TV.

Zuerst einmal ist Armut nichts Diffuses. Armut bedeutet, dass das Geld nicht reicht. Das weiß ich, seit ich klein war und unter Menschen lebte, die meinen 2,90-Latte für die ultimative Dekadenz halten würden.

Nach der Schule flitzte ich damals nach Hause, machte den Fernseher an und flüchtete in die Welt amerikanischer TV-Serien. "Für alle Fälle Amy", "Eine himmlische Familie" und "Ally McBeal". Dort verließen die Erwachsenen morgens das Haus zum Arbeiten, nachmittags gab es Klavierunterricht. Zu jedem Abendessen stand auch ein Salat auf dem Tisch und danach reichte man Käse am Stück.