Wie viele Jahrzehnte dauert es noch bis zur Mehrheit?

Fast fühlte es sich nach der Wahl ein bisschen an, als habe Deutschland einen neuen Volksstamm entdeckt: die jungen Leute. Während es sonst Aufgabe der "jungen Medienangebote" (wie bento) ist, darauf hinzuweisen, dass junge Menschen anders wählen und andere Interessen haben als der Rest des Landes, war dieses Mal vom "Rezo-Effekt" die Rede und sowohl Abgeordnete von den Grünen als auch von der CDU mussten sich die Frage stellen lassen, warum ihre Partei so gut oder so miserabel bei den jungen Leuten abschneidet. 

Fast könnte man also glauben, die Wähler unter 30 hätten diese Wahl entschieden. Aber das ist leider unmöglich: 

Klar, den größten Zuwachs konnten Grüne bei jungen Wählerinnen und Wählern verbuchen. Von den Erstwählern stimmten ganze 36 Prozent für die Grünen, nur 11 Prozent entschieden sich für die Union, gar nur 7 für die SPD. 

Tatsächlich aber fällt der Stimmanteil junger Wählerinnen und Wähler kaum ins Gewicht – schon allein, weil nur jeder zweite Erstwähler überhaupt zur Wahl ging. Die größte Altersgruppe bilden in Deutschland die 45- bis 65-Jährigen (Deutschland in Zahlen). Der Anteil der unter 20-Jährigen ist hingegen zwischen 1950 und 2017 von 30 auf 18 Prozent zurückgegangen. Bis 2060 wird er voraussichtlich auf 17 Prozent schrumpfen. Das heißt: Es zählt, wen die Alten wählen. 

Wer von einem "Rezo-Effekt" oder gar einer "Generation Greta" bei der Europawahl redet, greift zu kurz: Selbst, wenn alle Millennials wie Lemminge Rezo oder Greta folgten, würde es nicht reichen, um das Wahlergebnis derart stark zu verändern. Aber die Wahl hat trotzdem den Einfluss einer jüngeren Generation gezeigt. Denn Millennials können sich durchsetzen. Aber: Das kann nur gelingen, wenn wir noch mehr auf unsere Stärken setzen.

Der wahre Erfolg der "Generation Greta" sind nicht die paar Wählerstimmen, die junge Menschen mitbringen – sondern das nervige Themensetzen seit mehreren Monaten.

Greta Thunberg sitzt nun bald seit einem Jahr jeden Freitag vor dem Stockholmer Parlament und fordert die Politikerinnen und Politiker auf, mehr für den Klimaschutz zu tun. Seit Ende vergangenen Jahres tun es ihr immer mehr Schülerinnen und Schüler in immer mehr Ländern gleich. "Fridays for Future" ist nicht einfach eine Entschuldigung, den Unterricht zu schwänzen – es der Beginn einer neuen Protestbewegung wie es einst die 68er waren. 

Und das zeigt nun Wirkung. Der Erfolg der Grünen liegt vor allem an diesem großen Augenmerk auf der Klimakrise. Kein anderes Thema hat die vergangenen Wochen derart bestimmt, die Grünen erschienen vielen als die Partei, die am glaubwürdigsten Antworten liefern will. 

Grünen-Chef Robert Habeck sagte in der ARD: "Sicherlich hat die Klimafrage zum ersten Mal in einem bundesweiten Fall so eine dominante Rolle gespielt, dass die Zögerlichkeit der Großen Koalition da negativ gewirkt hat".

Die Zahlen geben Habeck Recht: Den Wahlerfolg konnten die Grünen nur einfahren, weil auch Altersgruppen jenseits der 30 überzeugen. Jeder vierte 45- bis 59-Jährige hat dieses Mal zum Beispiel die Grünen gewählt, und sogar bei den 60- bis 69-Jährigen stimmten 19 Prozent für die Umweltpartei. 

Das zeigt: Zahlenmäßig haben wir allein keine Chance. Aber Einfluss nehmen können wir – wenn wir uns einig sind. Und wenn wir nicht aufhören, für die Themen zu werben, die uns wichtig sind.

Wenn wir die politische Landschaft nachhaltig verändern wollen, müssen wir die Alten auf unsere Seite holen.

Und wir haben alle Mittel dazu. Das zeigt sich nicht nur beim Klimaschutz, sondern auch bei der Digitalisierung und beim Thema Migration. Wir bringen Protest auf die Straße – zum Beispiel im Streit um "Artikel 13" oder bei dem zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Und wir bringen ihn ins Netz – in Form von Memes, "Zerstörungsvideos" oder einfach nur Wahlaufrufen auf Instagram.

Der Aufstand der Jungen entspringt einer großen, ehrlichen Wut.

Wenn die Parteien der Großen Koalition weiterhin keine Mittel – oder nicht mal eine Sprache – finden, um uns junge Wähler anzusprechen, dann war die Europawahl nur das erste Beben vor einem grundlegenden Wandel der politischen Landschaft.

Hier kommen YouTuber wie Rezo mit ins Spiel. Seine "Zerstörung der CDU" ist kein Effekt, der nun plötzlich junge Menschen mobilisiert hat, auch mal zur Wahl zu gehen – er ist eher Ausdruck einer schon seit längerem wachsenden Haltung: Es reicht. Wenn wir in den klassischen Medien und auf den politischen Bühnen nicht auftauchen, dann nutzen wir eben unsere eigenen Kanäle. Wir brauchen dazu keine Erlaubnis. Und ein Parteibuch auch nicht.

Wenn sich mehr und mehr YouTuber anschließen, die vorher "nur" Schmink-Tutorials oder Prank-Videos gedreht haben, dann das Ausdruck der Politisierung einer ganzen Generation. Und die macht nun Druck. 

Am Sonntag war meine Timeline bei Facebook und mein Feed bei Instagram voller Fotos von Wahllokalen und Aufforderungen, seine Stimme abzugeben. Sowohl bei Freunden und Bekannten unter 30 – wie auch jenseits der 50. Dass dieses Engagement da ist, ist der echte Erfolg der Jugend.

Es gilt jetzt, den Eltern und Großeltern klarzumachen, dass es nicht genug ist, das Kreuz an die gewohnte Stelle zu setzen. Es gilt: Jetzt erst richtig loszulegen. Für die Zukunft ihrer Kinder müssen sich die Älteren ihrer Verantwortung stellen. Weil wir allein es nicht können.

Und wir müssen sie auf unsere Seite ziehen. Denn für echte politische Erfolge reicht es nicht, wenn wir Schulen oder Unis bestreiken. Wir müssen unsere Eltern dazu bringen, freitags ihre Betriebe lahm zu legen. 


Streaming

Diese Probenszene mit "Jon" und "Dany" versöhnt viele mit dem Ende von "Game of Thrones"
Endlich voller Emotionen Abschied nehmen!

Für Monarchien gilt: Der König ist tot, es lebe der König. Aber was ist mit geliebten Serien? "Game of Thrones" ist vorbei, das Leben geht weiter – das mag zwar faktisch richtig sein. Beim Abschiednehmen hilft es dennoch nicht weiter.

Wie gut, dass nun eine letzte Szene aufgetaucht ist, die Fans von "Game of Thrones" noch einmal Jon und Daenerys erleben lässt – und so manchen Kritiker mit dem Ende versöhnen könnte.

Einige Fans sind enttäuscht, halten die Charakterzeichnungen und Logikfehler der letzten Staffel für eine Katastrophe. Andere halten das Finale für einen gelungenen Abschluss nach all den Machtspielen. Aber egal, wie man zum Ausgang steht, eine Szene polarisiert besonders.

Achtung, Spoiler – falls du das Ende von "Game of Thrones" immer noch nicht kennst und dich aus unerklärlichen Gründen trotzdem hierhin verirrt hast.

Es geht um die letzte Szene zwischen Jon und Daenerys. Beide haben sich in Staffel 7 ineinander verliebt und dann in Staffel 8 von ihrer Neffe-Tante-Verbindung erfahren. Im inszestuösen Westeros war das aber weniger ein Problem, als der Thronanspruch, mit dem Jon nun vor Daenerys steht. 

Zwar wollte Jon den Eisernen Thron nie, sie neidet es ihm dennoch und verfällt binnen weniger Wochen – pardon: Handlungsminuten – dem Wahnsinn. Mit Drogon brennt sie King's Landing (Königsmund) nieder, tötet Zivilisten und lässt sich ergebende Soldaten hinrichten.