Warum der Europa-Hoodie für alles steht, das im Wahlkampf schiefläuft

Wer im langweiligen Europawahlkampf noch irgendwie über Europa reden will, kommt an ihm kaum vorbei: dem Europa-Hoodie. Christian Lindner trägt ihn, EU-Kommissar Günther Oettinger hat ihn und selbst Kevin Kühnert wurde schon damit gesehen. Der Europa-Hoodie ist das politische It-Piece des Frühlings.

Dabei ist er alles andere als neu: Die Europa-Pullis von "Études", "Vetements" (800 Euro) und "König Souvenir" gibt es seit Jahren. Vor allem die letztgenannte Version mit einem fehlenden Stern (für den Brexit) ist heute wohl am bekanntesten. Auch SPD-Europakandidatin Katarina Barley trägt sie. Mit einem Preis von 60 Euro ist der “Souvenir”-Hoodie kein Schnäppchen, aber noch bezahlbar. Ist das etwa das Geheimnis seines Erfolgs? Sicher ist jedenfalls:

Kurz vor der Europawahl ist der Europa-Hoodie im Mainstream angekommen.

Unterschiedliche Prominente zeigen sich gerade mit den Europasternen: Johannes B. Kerner, Vivienne Westwood, Palina Rojinski – selbst Philipp Amthor (CDU) hat seinen Anzug für den Europa-Hoodie kurz abgelegt. Der Hype kennt – anders als Europa – keine Grenzen.

Der Topfpflanzen- und Gartenmöbel-Anbieter "Butlers" verkauft den Europa-Hoodie jetzt als Last-Minute-Schnäppchen für 26 Euro ("Diana und Butlers love Europe! Sie auch?").

Zeitgemäß in Zusammenarbeit "mit der bekannten Influencerin Diana zur Löwen" und zugunsten der proeuropäischen und parteiübergreifenden "Pulse of Europe"-Bewegung. Natürlich ist das Kleidungsstück ("50 Prozent Polyester") längst ausverkauft. Kein Wunder: 

Es geht um Europa. Wer könnte da dagegen sein?

Nur wofür steht eigentlich ein Zeichen, auf das sich von Christian Lindner bis Kevin Kühnert alle einigen können? Man könnte Wichtiges sagen: Zukunft, Zusammenhalt, Frieden und Demokratie. Das stimmt natürlich irgendwie alles. Wenn sich Bürgerinnen und Bürger zu Europa bekennen, ist das eine gute Sache. 

Und doch scheint der Hype seltsam. Vor allem bei Politikerinnen und Politikern fragt man sich oft: Ist der Europa-Hoodie wirklich noch ein politisches Statement oder einfach die Flucht ins Unbestimmte? Für Europa – darauf kann man sich in der zivilisierten Mitte der Gesellschaft offenbar gerade noch einigen. 

Doch wen sollte man "für Europa" am 26. Mai dann eigentlich wählen? Während die erlaubte Stimmenzahl pro Wahlzettel begrenzt ist, wird die Auswahl der "Für Europa"-Bewegungen gefühlt jeden Tag noch größer. Zusätzlich zu den schon bekannten Für-Europa-Parteien.

Die paneuropäische Kleinpartei "Volt" plakatiert schon seit Wochen für ein "Europa wie wir es wollen". Nur wie sie Europa will, das erklärt sie auf keinem der Plakate. Es ist das Hoodie-Prinzip: Großes Statement, aber bitte keinen Streit.

Doch mit dieser Haltung verliert das Demokratie-Gerede um den Europa-Pulli seinen Sinn. Selbst das Europaparlament, per Defintion überparteilich, ist in diesen Tagen oft konkreter als viele Hoodie-Statements: 

Wir in Europa stehen vor zahlreichen Herausforderungen, von der Migration bis zum Klimawandel, von der Jugendarbeitslosigkeit bis zum Datenschutz.
Wahlkampagne des Europaparlaments

Jugendarbeitslosigkeit, Migration, Datenschutz. Es sind nur Stichworte, doch selbst sie provozieren vermutlich mehr Menschen in Europa als die meisten Hoodie-Postings.

Ist der Europa-Hoodie am Ende nur die Bomberjacke der kreativen oberen Zehntausend?

Wer den Europa-Hoodie verstehen will, muss ihn vermutlich anfassen. 

Der blau-gelbe Kapuzenpulli ist ein Wohlstands-Outfit. Er steht fast niemandem, doch er ist warm und weich. Ein Anti-Outfit für moderne Großstadt-Menschen. Eher ausgelegt für gemäßigtes, nordeuropäisches Klima. Selbst in der billigen Butlers-Variante dürfte er kaum geeignet sein, um in Athen über die Schuldenkrise zu diskutieren oder vor Lampedusa Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten.

Offensichtlich will das bislang aber auch niemand. Denn die meisten Träger, so scheint es auf vielen Fotos, genügen sich auch selbst. 

Der Hoodie mit den gelben Sternen verlegt den Bauchnabel auf Brusthöhe. Er sagt: Schaut her! Mir geht es gut. Wir müssen hier nicht unglücklich sein. Wie gut wir es haben!

Und das stimmt vermutlich. Wer 60 Euro für einen Pullover hat, dem geht es gut. Doch reicht das in einer Zeit, in der Grenzen dichtgemacht, Sozialprogramme gekürzt und Demokratien in Frage gestellt werden?

Der Europa-Hoodie gibt darauf keine Antworten. Wer ihn trägt, kann sich unabhängig vom Wahlausgang geschützt fühlen. Und sagen: Ich war für Europa. Nur wofür das dann in Zukunft eigentlich steht – das ist eben die Frage.


Art

Warum Deutschrap eine #MeToo-Debatte braucht
Nach den Vorwürfen gegen Gzuz und Bonez MC fordert die Szene eine Sexismus-Debatte.

Am Dienstag vergangener Woche warf Gzuz' Ex-Partnerin ihm in ihrer Instagram-Story häusliche Gewalt vor (bento). Rapper Bonez MC wiederum machte sich auf Instagram über die Vorwürfe gegen Gzuz lustig. Doch auch gegen ihn soll bereits ein Verfahren wegen häuslischer Gewalt laufen, berichtet die Bild-Zeitung. Wer von Gzuz wissen wollte, was an den Vorwürfen gegen ihn dran ist, bekam keine inhaltliche Antwort – nur die Drohung einer Anwaltskanzlei, dass man nicht berichten dürfe. Mehrere Medien nahmen daraufhin ihre Artikel aus dem Netz, darunter auch das Portal rap.de. 

Jetzt fordert dessen Chefredakteur Oliver Marquart, es müsse endlich eine offene Debatte über #MeToo in der Deutschrap-Szene geben, denn das Problem sei strukturell. (Rap.de)

Rap hat also ein Problem mit Sexismus? Das überrascht ungefähr niemanden. 

Die "Süddeutsche Zeitung" zählte im Jahr 2017 Vorfälle auf der ganzen Welt, in denen Rapper wegen sexualisierter Gewalt vor Gericht standen, durchforstete Listen mit den schlimmsten Vergewaltigungs-Lyrics in Rapsongs und stellte fest: Trotzdem gibt es keinen Aufschrei von Betroffenen. Kein Rütteln an den Strukturen der Branche.

Kein #metoo, nirgends.

Das könnte sich jetzt ändern. Musikjournalist Marquart stellt auf rap.de vier Forderungen:

  1. Sexistische Texte dürfen nicht mehr verharmlost werden.
  2. Das Victim Blaming von Opfern von Sexismus und sexueller Gewalt soll aufhören.
  3. Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, muss zugehört werden (#metoo).
  4. Dahinterliegende gesellschaftliche Strukturen, die Gewalt gegen Frauen normalisieren, müssen sichtbar gemacht werden.

Er habe selbst lange gedacht, sexuelle Gewalt in Rap-Texten sei okay, schreibt er. "Motto: Solche Inhalte provozieren, Provokation ist Kunst, Kunst darf alles." Heute sei ihm das peinlich. Zukünftig will er "das Thema viel ernster nehmen". 

Aktivistin und Musikjournalistin Salwa Houmsi sieht das etwas anders.

Nicht die Journalistinnen seien Schuld daran, dass das Thema bisher nicht ernstgenommen wurde, schreibt sie auf Instagram. Die machten schon seit Jahren auf Sexismus in der Branche aufmerksam. Das Problem seien Menschen in Machtpositionen: Booker, Manager, Produzenten - und Fans.