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Rosen sind rot, Deutschland ist grün und seit der Europawahl ist alles schön. Endlich ist das Klima ein wahlentscheidendes Thema (SPIEGEL ONLINE). Endlich gehen wieder mehr Menschen zur Wahl (SPIEGEL ONLINE). Und die Rechtspopulisten haben schlechter abgeschnitten als bei der letzten Wahl.

Was im ersten Jubel kollektiven Aufatmen zur Europawahl unterging und nicht so recht in den Reim passen will: der Osten ist blau. Blauer als bei der letzten Europawahl. Blauer als jemals zuvor. Und das sollte den Jubel über den neuen grünen Konsens in den Schatten stellen.

In Sachsen und Brandenburg kommt die AfD auf 25,3 und 19,9 Prozent und ist damit stärkste Partei. In Thüringen ist die CDU nur knapp in Führung. Bundesweit hat die AfD 11 Prozent der Stimmen geholt, das liegt unter dem Ziel, das sich die Partei gegeben hatte (15-20) – und auch unter dem Ergebnis der Bundestagswahl. Es gibt also AfD-Wählerinnen und Wähler, die sich dieses Mal für eine andere Partei entschieden haben. Aber nicht in Ostdeutschland.

Wie konnte das passieren?

Nun wird einmal mehr gefragt, wer oder was Schuld sein könnte am "Rechtsruck". Auch der Comiczeichner Ralph Ruthe hakte auf Twitter nach:

Er bekam hunderte Antworten. In den meisten werden wirtschaftliche oder soziale Faktoren genannt. Tenor: Die Stimmen für die AfD sei der Protest der Asozialen und Abgehängten. Auch der Ostbeauftragte der Bundesregierung sprach von "Protest": Zur Wahrheit gehöre "wohl auch, dass sich viele Bürger im ländlichen Osten von der Politik nicht repräsentiert fühlen". (RND) Aber ist es, bei mehr als 40 Möglichkeiten auf dem Wahlzettel, wirklich nur Protest, für die Blauen zu stimmen?

In Thüringen, wo ich herkomme, hat fast jeder und jede Vierte AfD gewählt.

Von 7,4 auf 22,5 Prozent sprang die Zustimmung seit der letzten Europawahl.

  • Lese ich diese Zahlen, denke ich nicht: Welche strukturellen Ungerechtigkeiten könnten das Vertrauen in die anderen Volksparteien so zerstört haben?
  • Ich frage mich: Wer von euch war das, zur Hölle?

War es Laura aus der Parallelklasse, Ricardo aus der Schülervertretung? Die Französischlehrerin, die immer so missmutig war, weil sie bis zur Wende noch Russisch unterrichten durfte? Der Hausverwalter, der sich immer darüber beschwerte, dass die Ausländer so riesige Satellitenschüsseln auf den Balkon hängen und damit das geordnete Gesamtbild der Plattenbausiedlung störten?

Auf jeden Fall Philipp. Vor ein paar Jahren hatte ich unfriend.me ausprobiert: Philipp hatte die Seite der AfD-geliket. Ausgerechnet Philipp, der sich im Urlaub in Wismar mit einer Gruppe Nazis im Plattenbaugebiet hinter der Jugendherberge angelegt und sich ein blaues Auge abgeholt hatte. Ich beendete, geschockt, die Facebook-Freundschaft. Ein paar Monate darauf schickte er mir wieder eine Freundschaftsanfrage. Ich nahm sie an.

Auf vielleicht sieben Prozent komme ich mit solchen Geschichten. Aber 22,5 Prozent? Das bedeutet: ein Viertel meiner Abiturklasse. Jeder vierte Lehrer. Jeder Vierte, der in der Schlange beim Bäcker vor mir stand. Mindestens eine Partei im Mietshaus meiner Mutter. Mindestens eine meiner vier thüringischen WGs. Einer meiner vier Onkel.

Sind das alles Opfer?

"Schluss mit dem ostdeutschen Opferkult", schreiben jetzt wieder viele auf Twitter. Wer Hetzer wählt, darf dafür kein Mitleid erwarten, finden sie. Und überhaupt: Kann man dis Ossis überhaupt noch erreichen? Ist das Projekt Demokratie "drüben" vielleicht einfach gescheitert?

Und viele fragen: Kann man die Ossis schnell und unkompliziert loswerden – mit einer neuen Mauer?

Wie wäre es stattdessen mit hinschauen?

Woran es tatsächlich gelegen haben könnte: Wer vor der Wahl in Ostdeutschland unterwegs war, bekommt eine Ahnung davon, was die AfD richtig gemacht hat. 

Denn im Osten war der Wahlkampf mitnichten nur auf ausländerfeindliche Parolen ausgerichtet. Die AfD Thüringen warb mit sozialen Themen ("Armutsrenten statt Treuhand") und lokalen Themen, denn gleichzeitig wurden Gemeinderäte gewählt ("Anlieger schützen – Stoppt die Straßenausbau-Beiträge!"). Sie bezog klare Stellung gegen die Uploadfilter.

Mein Kollege Marc sah bei einem Besuch bei seinen Großeltern im Erzgebirge AfD-Plakate, in denen es um Tierschutz und Frauenrechte ging (AfD Sachsen). "Heimatschutz" war hingegen das Anliegen der anderen Parteien.

In Medien und Öffentlichkeit wird über die rechten Seiten der Partei ausführlich beleuchtet. Natürlich zu Recht. Aber wer im Osten unterwegs ist, bekommt den Eindruck, dieser sei nur einer von vielen Faktoren, die die Partei ausmachen.

(Bild: Facebookbanner der AfD zur Europawahl/Screenshot)

Aus Ostdeutschland kenne ich die Redensart: einen Knick in der Optik haben.

Natürlich haben die Wählerinnen und Wähler nicht aus Versehen für eine rassistische und nationalistische Partei gestimmt. Aber sie glauben vielleicht, auch für eine Partei gestimmt zu haben, die soziale Themen vertritt, die für eine Absicherung im Alter eintritt und im Bürokratiedschungel - gleich ob in der Thüringer Gemeinde oder der EU – für ihre Interessen als einfache Bürgerinnen eintritt.

Trotzdem glauben viele der euphorischen Europa-ist-bunt-Jubilanten, wer im Osten Rechts wähle, habe die Demokratie nicht verstanden.

Und nicht nur das neue, grüne Deutschland wurde nach der Wahl sogar in der ARD gefeiert. Die zweite gutgelaunte Statistik, die von allen bejubelt wurde, war die der jungen Wählerinnen und Wähler. Bei den Unter-30-Jährigen kamen die Grünen auf über 30 Prozent. Es dürfte also in den nächsten Jahrzehnten noch grüner werden.

Laut Forschungsgruppe Wahlen haben bundesweit auch nur 7 Prozent der 18-29-jährigen die AfD gewählt. Die AfD zeigt sich in Umfragen in der Regel als Partei der älteren Herren.

Aber was ist mit jungen Ostdeutschen?

Bei den U18-Wahlen in Sachsen und Thüringen wurde die AfD allerdings zweitstärkste Kraft, während sie bundesweit auf einen abgeschlagenen fünften Platz kam. (NTV) Platz eins bundesweit: die Grünen. Könnte es sein, dass junge Ostdeutsche so blau sind, wie junge Westdeutsche grün?

Und wenn Deutschland immer grüner wird – könnte es sein, dass der Osten weiterhin blauer wird? Beobachter hatten die EU-Wahl als Testlauf für die AfD bezeichnet. (SPIEGEL ONLINE) Der ist ihr gelungen: Von null auf 100 in sechs Jahren. Im September wählen Brandenburg und Sachsen neue Landtage. Im Oktober Thüringen.

Es wird also Zeit, dass wir die AfD, trotz Prozentpunkt-Verluste als Wahl-Gewinner behandeln. Dass wir die Sorge der ostdeutschen Beobachterinnen und Beobachter ernst nehmen, statt uns von den schönen bunten, auf Gesamtdeutschland gerechneten Karten in Sicherheit zu wiegen. Der Jenaer Soziologe Mathias Quendt schrieb auf Twitter: "eine handvoll Sterne machen noch kein Tageslicht". Und:


Gerechtigkeit

Warum diese jungen Leute nicht die Europawahl gewonnen haben – aber eine wichtige Erkenntnis
Wie viele Jahrzehnte dauert es noch bis zur Mehrheit?

Fast fühlte es sich nach der Wahl ein bisschen an, als habe Deutschland einen neuen Volksstamm entdeckt: die jungen Leute. Während es sonst Aufgabe der "jungen Medienangebote" (wie bento) ist, darauf hinzuweisen, dass junge Menschen anders wählen und andere Interessen haben als der Rest des Landes, war dieses Mal vom "Rezo-Effekt" die Rede und sowohl Abgeordnete von den Grünen als auch von der CDU mussten sich die Frage stellen lassen, warum ihre Partei so gut oder so miserabel bei den jungen Leuten abschneidet. 

Fast könnte man also glauben, die Wähler unter 30 hätten diese Wahl entschieden. Aber das ist leider unmöglich: 

Klar, den größten Zuwachs konnten Grüne bei jungen Wählerinnen und Wählern verbuchen. Von den Erstwählern stimmten ganze 36 Prozent für die Grünen, nur 11 Prozent entschieden sich für die Union, gar nur 7 für die SPD.