Die Europawahl läuft, am Sonntag werden auch die deutschen Abgeordneten des Europäischen Parlaments gewählt. Da es dort anders als im Bundestag seit 2014 keine Fünf-Prozent-Hürde gibt, kann jede noch so kleine Gruppierung einen oder mehrere Sitze in Straßburg ergattern – solange sie genug Wählerinnen und Wähler von sich überzeugt. Kein Wunder also, dass sich selbst Kleinstparteien im Wahlkampf ins Zeug legen und eigene Werbespots produziert haben. 

Ich checke alle 40 Spots* – insgesamt eine Stunde Wahlwerbung.

Los geht's. Ich starte mit den Großen: Union und SPD. Bei der Europawahl 2014 holten sie in Deutschland zusammen mehr als 60 Prozent der Wählerinnen- und Wählerstimmen. Was haben die beiden Volksparteien 2019 zu bieten? Da sie die größten Etats aller deutschen Parteien haben, sollten die nötigen Mittel für richtig gute Werbespots vorhanden sein.

Klick, das erste Video: Mich lächeln Menschen im Rentenalter an. Aha, denke ich, die CDU versucht also nicht mal zu verbergen, dass 63,7 Prozent ihrer Wählerschaft bei der vergangenen Bundestagswahl über 60 Jahre alt war (Bundeswahlleiter). Warum sollten sie sich nun also bei der Europawahl um diese jungen Leute bemühen? Als nachwachsende Generationen sind sie ja nur die Zukunft – um die es in dem Clip übrigens geht. Die Zukunftsvision der CDU beinhaltet allerdings nur schwammige Floskeln: Wohlstand, Sicherheit, Frieden und "gute Jobs". Was auch immer das heißen mag.

Ich muss an den Wahlwerbespot von Die Partei denken und finde deren Satire-Forderung, Menschen über 60 Jahren von der Wahl auszuschließen, plötzlich gar nicht mehr so schlecht.

Zu den zukunftsorientierten Seniorinnen und Senioren der CDU gibt es motivierend-energische Stock-Musik und einen knurrenden Dackel, der Nationalismus doof findet. Das fängt ja gut an. 

Der Lichtblick: Jeder Spot ist laut offizieller Vorgabe maximal eineinhalb Minuten lang. Solange sich die Parteien an diese und einige andere Form- und Inhaltsregeln halten, sind die öffentlich-rechtlichen Sender verpflichtet, ihre Wahlwerbung auszustrahlen. 

Nächstes Video. Nachdem die SPD auf Bundesebene durch die Große Koalition stark an eigener Identität verloren hat, erhoffe ich mir von den Sozialdemokraten in Europa ein inhaltliches Comeback. Stattdessen bekomme ich Katarina Barley, gefühlige Klaviermusik und die Frage: "Aber was ist eigentlich dieses Europa?" Die Antworten: Es ist "viel mehr" und "Europa, das sind wir". Weniger Profil hätte man trotz küssender queerer Pärchen kaum in einer Minute und neun Sekunden unterbringen können. 

Eine erste Erkenntnis: Die Werbestrategie von CDU und SPD gleicht der von Unternehmen wie Coca-Cola. Deren Devise: Den Markenkern kennt jeder, also die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauerinnen und Zuschauer bloß nicht mit Inhalten strapazieren. Stattdessen alles auf die gefühlige Zwölf. 

Emotionen statt Ideen, Pathos statt Politik.

Erschöpft von dramatischer Musik erhoffe ich mir Linderung bei den Grünen. Vergebens. Zu theatralischen Klaviertönen entfalten sich diverse Blüten. Was nach feministischer Kunstaktion mit Vulva-Metapher aussieht, ist tatsächlich der offizielle TV-Spot. Ganz hübsch, aber wie bei den Vorgängern weniger Information als Gefühlsstrudel: "lieben statt hassen", "wir sind viele", "neues Europa bauen". Der winkende Zaunpfahl sagt: Das ist der Punkt, an dem du feuchte Augen bekommen sollst. 

Nächster Clip, Die Linke: Ein Klavier klimpert – schon wieder. Mein Auge zuckt im Takt der Musik, die in dem anderthalbminütigen Clip zu dramatischen Beats anschwillt. Während hier immerhin mal konkret über politische Forderungen geredet wird – Mindestlohn rauf, Waffenexporte runter, Konzernsteuern als Geldquelle für Soziales – möchte die FDP im nächsten Clip lediglich "Europa zum Leuchten bringen". Aha. "Neu denken", schreien mir hier dicke, bunte Buchstaben entgegen, "entschlossen handeln", "Menschen in Europa mehr zu sagen" – hä? Zwischen den wirren Satzteilen warte ich nur noch auf "barfuß durch den Regen", denn ich bin mir ziemlich sicher, dass das Ganze Teil von Jan Böhmermanns Lied "Menschen Leben Tanzen Welt" ist, das er zwecks maximaler textlicher Willkür von ein paar Schimpansen schreiben ließ.

Nach so viel Weichgespültem wechsele ich zu den Spots aller rechtspopulistischen bis rechtsextremen Parteien. 

Die Rechtsextremen vom Dritten Weg hatten offenbar keinen Bock auf Video und haben einfach ihren Radiospot mit einem Standbild unterlegt und auf YouTube hochgeladen. Darin "stirbt" Europa an menschlicher Diversität und die Parlamente sind voller "Verräter". Auch Die Grauen finden schnell den Schuldigen für sämtliche Probleme. "Spü-ren Sie denn nicht die Unsicherheit?", fragt ein Mann, der den Satz offenbar gerade mühsam aus seinem Kurzzeitgedächtnis kramt und dabei auf den belebten Fußgängerüberweg einer Ampel zeigt. Dort sieht zwar niemand besonders verunsichert aus, aber der kurz darauf erscheinende Parteikandidat ist sich sicher: Sie haben alle Angst. Vor Migranten und Geflüchteten. 

Dieser schnell gefundene Sündenbock zieht sich zuverlässig als brauner Faden durch alle Spots von Rechtsaußen. Die AfD wirbt in ihrem Spot zur Europawahl außerdem dafür, Europa abzuschaffen – und zu diesem Zweck an der Europawahl teilzunehmen. Ist das noch Anti-Establishment?

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Eine besondere Nische hat sich die Neonazi-Partei Die Rechte ausgesucht: Sie wirbt in ihrem Spot einzig und allein dafür, die verurteilte Holocaustleugnerin und Nazi-Aktivistin Ursula Haverbeck aus dem Gefängnis zu holen: Im Falle eines EU-Parlamentssitzes für Die Rechte hofft die Partei auf politische Immunität für Spitzenkandidatin Haverbeck – und somit ihre Freilassung. So einfach ist das aber nicht: Die Immunität gilt nur für Äußerungen und Abstimmungsverhalten der bereits gewählten Abgeordneten, nicht rückwirkend für Taten außerhalb dieser Position. (Quelle)

Ich brauche jetzt erstmal Aufmunterung.

Dazu sehe ich mir die Spots der zahlreichen Tierschutzparteien an. Mal sitzt ein Papagei im Konferenzraum und redet mit einem Fake-Johnny-Depp (Partei für die Tiere), mal stellt eine Oma einer Katze auf einem Parkplatz etwas zum Fressen hin (Tierschutzpartei). Wer dann auf dem Wahlzettel nicht mehr weiß, welche der vielen Tierschutzparteien die war, die er oder sie wählen wollte, den holt möglicherweise der aggressive Name der "Aktion Partei für Tierschutz – das Original" ab – oft mit dem Zusatz: "Tierschutz hier!" Hier! Das Original! Kreuz machen! 

Bei dieser Konkurrenz hat sich die Allianz für Menschenrechte, Tier- und Naturschutz offenbar dafür entschieden, gar nicht erst Energie in ein Werbevideo zu stecken. Als einzige der in Deutschland antretenden Parteien hat sie keinen Spot im Netz.

Die restlichen 25 Videos sind ein bunter Mix aus Forderungen nach Basisdemokratie (Demokratie Direkt), Kommunismus (MLPDDKP), Feminismus (Die Frauen) oder einfach nur Liebe (Europäische Partei Liebe), aus esoterischen Schmetterlingshintergründen (Die Violetten) und der wirren Behauptung, AfD-Gründer Bernd Lucke sei der einzige Heilsbringer für ganz Europa (LKR). 

Am Ende rauscht mir der Kopf: vor lauter Symbolbildern, schlechten Schauspielern und viel zu offensichtlich abgelesenem Text.

Man kann Kleinstparteien natürlich nicht vorwerfen, dass viele der Spots schlecht produziert sind. Mit teilweise nur wenigen hundert Mitgliedern stehen sie den PR-Apparaten der großen Parteien gegenüber. 

Was allerdings auffallend ist: Fast alle erzählen in ihren Videos, was sie nicht (mehr) wollen und was alles schief läuft. Nur sehr wenige sagen hingegen, was sie selbst ändern möchten. 

Dafür beschweren sich etliche Parteien in unterschiedlichen Worten über den "rechten Rollback in ganz Europa" und sehen die Schuld dafür in der "Politik der Etablierten" (ÖkoLinx). Leider benutzen viele von ihnen dabei dieselbe Rhetorik wie die Rechten, über die sie sich beklagen.

Fazit: Wirrer Kampf statt Europa-Spirit

Die meisten der großen Parteien beschränken sich in ihren Spots auf inhaltslosen Pathos und lassen damit Raum für Ideen. Die Kleinparteien hätten also die Chance gehabt, diesen Raum mit ihren Visionen zu füllen – verlieren sich aber in Beschwerden über die aktuelle Politik. 

Was ein positiver, nach vorne gerichteter und durch die zahlreichen Parteien bunter Wahlkampf hätte sein können, wird so zu einer traurigen Stunde des Europa-Bashings. 

Wen soll das motivieren, zur Wahl zu gehen, wenn man die ganze Zeit nur hört, was alles schief läuft? Protestwähler allein machen die Wahllokale nicht voll.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Wahlwerbung am Ende nicht noch mehr Menschen zu Nichtwählern macht, anstatt sie mit klugen Ideen für Europa und die Demokratie zu begeistern.

*Ich habe mir die jeweils ersten, bzw. Haupt-Wahlwerbespots der Parteien angesehen. Eine Partei hat keinen Spot produziert, die als Union antretenden CDU und CSU haben dafür jeweils einen eigenen Spot veröffentlicht.



Fühlen

Patriks Brieffreund ist ein zum Tode verurteilter Mörder. Wie funktioniert so eine Freundschaft?

Zwei Mal pro Monat bekommt Patrik, 22, einen Brief von seinem Freund William, dem Mörder. 

William schreibt:

"Mir fehlt es, mit meinen Enkelkindern kommunizieren zu können und ich hoffe und bete, dass sie eines Tages, bevor ich gestorben bin, neugierig werden, wer ihr Großvater ist, und nach mir suchen oder mich vielleicht sogar besuchen."* 

William, 65, schickt diese Sätze aus einem US-Gefängnis in Jacksonville, Florida. Seit Jahren wartet er auf seine Hinrichtung.

Patrik wohnt in Bern in der Schweiz, er studiert Medizin, reist gerne, trifft sich mit Freunden. 

Die Leben der beiden Männer könnten kaum unterschiedlicher sein. Patriks ganzes Leben liegt vor ihm. William muss davon ausgehen, dass seines bald zu Ende ist. Er hat im Oktober 2000 eine junge Frau erschossen. Seine Frau. Er gestand die Tat – und wurde zum Tode verurteilt.

Was haben sich diese beiden Männer zu erzählen? Warum pflegt man eine Brieffreundschaft zu einem Mörder? Was macht eine solche Freundschaft mit einem selbst? 

Anfang 2016 war Patrik auf der Suche nach einem Ehrenamt. Er wollte neben dem Studium etwas Gutes tun, Menschen helfen. Er lernte gerade in der Bibliothek für die Prüfungen, als er in der Kaffeepause in einem Magazin blätterte und an einem Artikel hängen blieb: "Briefe aus dem Todestrakt". Der Text handelte vom Verein Lifespark, der Brieffreundschaften zu Todestraktinsassen in den USA vermittelt. 

Am Telefon erzählt Patrik:

Der Artikel ließ mir keine Ruhe, ich googelte den Verein am gleichen Abend, las das ganze Wochenende alles, was ich über diese Brieffreundschaften finden konnte. Mir war klar, dass jemand, der im Todestrakt sitzt, keine Kaugummis geklaut hat. Dann schrieb ich dem Verein eine Mail und meldete mich an. 

Lifespark wurde Anfang der Neunzigerjahre von drei Schweizerinnen gegründet. Das Ziel: Sie wollten sich für das Ende der Todesstrafe einsetzen. Nach einem Jahr bekam der Verein eine Art Fanbrief von einem Todeszellinsassen aus den USA – die erste Brieffreundschaft war entstanden. (Lifespark)

Der Verein vermittelte eigenen Angaben zufolge in den vergangenen 25 Jahren 1800 Brieffreundschaften. Häftlinge können sich auf eine Warteliste setzen lassen, sie erfahren meist über andere Häftlinge davon. Derzeit stehen 88 Männer auf der Warteliste.

Als Patrik sich vor drei Jahren bewarb, stand William ganz oben:

Meine größte Sorge war vor Beginn der Brieffreundschaft: Was, wenn ich mit einem bösartigen Menschen in Kontakt komme, der seine Tat nicht bereut? Gleichzeitig war ich fasziniert: Wie ist so ein Mensch, der jahrelang eingesperrt ist, kaum Kontakt zur Außenwelt hat? Kann ich für diese Person vielleicht das Fenster nach außen sein?

Seit 16 Jahren sitzt William mittlerweile im Todestrakt. Es gab mehrere Berufungsverfahren, weil die Jury in der ersten Verhandlung nicht einstimmig für seine Todesstrafe gestimmt hatte. Immer wieder keimt dann Hoffnung auf – vielleicht muss William nicht sterben? Dann wird das Urteil wieder bestätigt, Williams Hoffnung zunichte gemacht. Er hat wenig Kontakt zur Außenwelt. Aber er hat Patrik.